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Weit mehr als eine Blamage

Die Flucht eines Häftlings aus dem Dresdner Gefängnis könnte eine 15-Jährige in Schwierigkeiten bringen.

© Thomas Türpe

Für das Justizministerium ist die trickreiche Flucht eines mutmaßlichen Zuhälters eine Blamage. Weitaus schlimmere Folgen könnte die Panne aber für das 15-jährige Opfer des Ungarn haben. Das Mädchen, ebenfalls eine Ungarin, soll für ihren Landsmann in einem Dresdner Wohnungsbordell als Prostituierte gearbeitet haben. Nach der Festnahme des Mannes hat sie bei der Polizei ausgesagt. Gut möglich, dass sie sich nun vor ihm fürchten muss.

Justizminister Jürgen Martens (FDP) ist für die Gefängnisse zuständig. Diese Flucht sei ein absoluter Einzelfall, sagt er.
Justizminister Jürgen Martens (FDP) ist für die Gefängnisse zuständig. Diese Flucht sei ein absoluter Einzelfall, sagt er. © SZ/Thomas Lehmann

Die 15-jährige lebt wieder in ihrer Heimat, heißt es. Lorenz Haase, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden, sagt, das Jugendamt habe sie dorthin gebracht. Nach den bisherigen Ermittlungen geht er davon aus, dass sie mit dem Beschuldigten und dessen früherer Lebensgefährtin nach Dresden gekommen sei. Zunächst aus freien Stücken. Das Paar habe sie dann in dem Bordell von März bis Anfang April gegen ihren Willen festgehalten. Die Polizei habe den Laden kontrolliert und den 32-jährigen Roland H. sowie dessen Freundin Edina N. festgenommen.

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Inzwischen dürfte sich der Ungar nicht mehr in Deutschland aufhalten. Das vermutet auch die Polizei. Sie sucht mit Haftbefehl europaweit nach ihm. Er soll die Minderjährige zur Prostitution gezwungen und ihr die gefährliche Droge Crystal verabreicht haben. Edina N. wird beschuldigt, ihm geholfen zu haben. Sie sitzt in Chemnitz in Untersuchungshaft. Die Anstaltsleitung dort sei umgehend über die Flucht informiert worden, hieß es. Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen für Edina N. gebe es aber nicht, sagt ein Sprecher. „Wir passen auf die Gefangenen auf.“

H. hatte die Bediensteten im Dresdner Gefängnis getäuscht, in dem er vorgab, ein Gefangener zu sein, der aus der Haft entlassen werden sollte. Die Verwechslung passierte am vorigen Mittwoch. Etwa gegen neun Uhr morgens wollte eine Mitarbeiterin drei Häftlinge, darunter einen tschechischen Zellen-Mitinsassen H.s, von der Station abholen, um mit ihm die Formalitäten zu erledigen und ihn dann zur Torwache zu begleiten. Statt des Tschechen kam H. aus der Zelle und spazierte unbehelligt mit Papieren und Geld hinaus.

Anstaltsleiter Ulrich Schwarzer sagt, seine Mitarbeiterin habe sich den Insassen sehr genau angesehen. Allerdings standen ihr und ihren Kollegen nur schwarz-weiß-Ausdrucke eines Fotos zur Verfügung, dass bei der Ankunft gespeichert worden war. Diese schlechte Kopie sei die Ursache für die folgenschwere Täuschung gewesen. „Wir arbeiten künftig nur noch mit Farbfotos“, versichert er.

Das Dresdner Gefängnis gehört mit zurzeit 860 Insassen zu den größten in Deutschland. Die Überbelegung und die damit verbundene Enge habe jedoch mit dem Vorfall nicht das Geringste zu tun, so Schwarzer. Er sei gegen zehn Uhr darüber informiert worden, dass der falsche Mann nun auf freiem Fuß gekommen war. Polizei und Justizministerium wurden umgehend alarmiert.

„Ein lausiger Deal“

Der Tscheche habe behauptet, während der Aktion geschlafen und von den Fluchtplänen nichts gewusst zu haben. Nicht sehr glaubhaft, so Schwarzer. Er geht davon aus, dass die Sache abgesprochen worden sei. „Ein lausiger Deal, denn sie hat dem Gefangenen eine weitere Nacht in einer Zelle eingebracht.“ Die Polizei holte ihn ab und nahm ihn fest. Der Haftrichter ließ den Mann allerdings vorigen Donnerstag wieder frei. Für den von der Staatsanwaltschaft beantragten Haftbefehl wegen Strafvereitelung und Gefangenenbefreiung sah das Amtsgericht keine Veranlassung. Die interne Untersuchung der Gefängnisleitung ist noch nicht abgeschlossen. Anhaltspunkte für ein Disziplinarverfahren gegen die Mitarbeiter gebe es nicht, sagt Schwarzer.

Pannen im Strafvollzug können einen Justizminister politisch in große Schwierigkeiten bringen. Ihr Amt ist in der Regel unauffällig. Nur wenn einem Häftling die Flucht gelingt, müssen sie bohrende Fragen beantworten. Vermutlich deshalb hat sich FDP-Minister Jürgen Martens, in Sachsen zuständig für die Sicherheit der Gefängnisse, erfolgreich aus der Sache herausgehalten und die Angelegenheit dem zuständigen Anstaltsleiter überlassen.

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Gestern ließ er ausrichten, dass es sich bei der Verwechslung eines Gefangenen in der vorigen Woche um einen absoluten Einzelfall handele. „So etwas ist in den letzten zehn Jahren in Sachsen nicht vorgekommen. Der Sachverhalt wird im Justizministerium geprüft und ausgewertet.“ Jetzt sollen biometrische Daten wie Fingerabdrücke oder Schriftvergleiche die Sicherheit verbessern.

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