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Weite Wege zur Rentenberatung verärgern Senioren

Der Rechnungshof mahnt zum Sparen – und verursacht einen Kahlschlag im Landkreis.

Von Ines Mallek-Klein

Hans-Joachim Langen legt seinen großen Briefumschlag auf den Tresen und zieht einen ganzen Packen Papier hervor. Es ist ein trüber Morgen. Der Pirnaer möchte ihn nutzen, um endlich seine Rente zu beantragen. Das geht aber nur, wenn er seine Versichertennummer im Papierdschungel findet. Er sucht, die Dame von der Mitteldeutschen Rentenversicherung wartet geduldig. Sie sitzt in der ersten Etage der Dohnaischen Straße 68 in Pirna. Hier ist die Beratungsstelle. Noch.

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Sie soll am 2. März geschlossen werden, teilt Sprecherin Ursula Wächter mit. Beschlossen wurde das bereits am 23. September 2011, als die neue Konzeption für das Servicenetz festgeschrieben wurde. Vorausgegangen waren mehrere Mahnungen vom Bundesrechnungshof, der das dichte Beratungsnetz und die damit verbundenen Kosten öffentlich gerügt hatte. Die Versicherung hat reagiert und will künftig in den drei Bundesländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt nur noch 30 Beratungsstellen betreiben. Nicht eine davon befindet sich im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Bettina Gerstenberger ist darüber alles andere als erfreut. Sie wohnt in Pirna und hat den kurzen Weg zur Beratungsstelle schätzen gelernt. Heute ist sie da, um die Anrechnung ihrer Arbeitslosenzeit überprüfen zu lassen. Sie hofft, dass sich die Angelegenheit bis Ende Februar klären lässt. „Sonst müsste ich mit Bus oder Bahn nach Dresden, das ist ganz schön aufwendig“, wie sie findet. Aber zumutbar, erklärt die Sprecherin der Rentenversicherung.

Bundesweit wird eine Entfernung von bis zu 30 Kilometern zur nächstgelegenen Beratungsstelle als zulässig angesehen. Von Gohrisch bis Dresden sind es aber mehr als 40 Kilometer, und wer in Schmilka wohnt, muss je nach gewählter Route über 50 Kilometer einplanen. Das ist für die Senioren eine echte Zumutung, sagt Christa Anger von der Seniorenvertretung in Pirna. Auch wenn die Deutsche Rentenversicherung sparen muss, man hätte zumindest prüfen können, ob ein bis zwei Beratungstage im Monat in der Region möglich sind. Christa Anger hofft, dass die Deutsche Rentenversicherung bei ihren Plänen auch die demografische Entwicklung berücksichtigt hat. Die Kritik des Rechnungshofes mag berechtigt sein, allerdings leben hier auch überproportional viele ältere Menschen, die naturgemäß auch mehr Rentenfragen zu klären haben, sagt sie.

Inzwischen hat Hans-Joachim Langen seine Versichertennummer gefunden. Er ist 63 und lebt derzeit von Hartz IV. Bald schon wird der gelernte Postfachangestellte in der Rentenstatistik auftauchen. Wie viel Geld er monatlich überwiesen bekommt, weiß er noch nicht. Der Berater in Zimmer 202 wird ihm bei der Antragstellung helfen.

Antragsflut für Rente mit 63

Die nächste Anfrage lässt sich gleich am Infotresen bearbeiten. Eine Frau, Jahrgang 1970, möchte einen Kurantrag abholen. Den Befundbericht für den behandelnden Arzt gibt es gleich noch dazu und auch den wertvollen Hinweis von der Mitarbeiterin, die ausgefüllten Unterlagen bitte gleich nach Dresden zu schicken, denn hier in Pirna sei ja bald Schluss. Das erfährt Minuten später auch ein älterer Herr aus Gohrisch. Ihm fällt der Gang zur Beratungsstelle nicht leicht. Seine Frau ist vor Kurzem verstorben, es geht um die Witwenrente. Zu dem entsprechenden Beratungsgespräch wird er nach Dresden fahren müssen.

Den Weg will sich ein Ehepaar aus Pirna ersparen. Die Frau hat morgens in der Zeitung gelesen, dass die Pirnaer Beratungsstelle schließt. „Zuvor will ich noch meine Rente mit 63 klären“, sagt sie. Das geht besser und schneller im persönlichen Gespräch als telefonisch, wo man nur in unendlichen Warteschleifen landet. Dass die Rentenversicherung ausgerechnet jetzt, wo die Rente mit 63 beschlossen ist und von vielen nach einem langen Arbeitsleben auch genutzt wird, Beratungsstellen schließt, kann die Pirnaerin nicht wirklich verstehen. Da weder sie noch ihr Mann Auto fahren, bleiben für den Weg nach Dresden nur die öffentlichen Verkehrsmittel.

Unterdessen rechnet Sandra Geißler damit, dass über ihren Schreibtisch künftig mehr Rentenanträge gehen werden. Sie ist in Glashütte-Schlottwitz als Rentenberaterin tätig, hat schon die Schließung der Beratungsstelle in Dippoldiswalde miterlebt. Fast jeder, der zu ihr kommt, will wissen, ob seine Rente richtig ist. Der Klärungsbedarf ist groß. In zwei von drei Rentenbescheiden entdeckt Sandra Geißler Fehler, die durch Prüfungen oder Widerspruch geklärt werden können. Mit einer Kontrolle sollte man nicht zu lange warten, rät die Expertin. Zwar können Rentenbescheide nach Ablauf der Widerspruchsfrist geprüft werden. Nachzahlungen gibt es aber maximal für vier Jahre rückwirkend.

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