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Weixdorfer Eltern wurde Kitaplatz gekündigt

Julie ist geistig und körperlich schwerstbehindert. Der Grund für die Entscheidung des Trägers liegt zwei Jahre zurück.

Von Sylvia Gebauer

Julie kann die Sache nicht verstehen. Warum sie nicht mehr mit den anderen Kindern in der heilpädagogischen Kita spielen darf. So wie sie es dreieinviertel Jahre lang getan hat. Ende Januar wurde den Weixdorfer Eltern der Vertrag gekündigt. Dabei liegt die eigentliche Ursache viel länger zurück. Im Januar 2012 geschah in der Kita ein tragischer Unfall. Gut zwei Jahre später kündigte der Kitaträger, die Lebenshilfe Dresden. Seitdem ist einiges passiert.

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Dass es Julie schlecht ging, sah Katja Döring ihrer Tochter sofort an. Plötzlich war alles anders. Statt morgens in den Kindergarten gebracht zu werden, blieb Julie zu Hause. Anfänglich war sie quengelig, betrübt. Gezeigt hat sie das auf ihre Weise. Das Weixdorfer Mädchen ist viereinhalb Jahre alt, aber auf dem Stand eines Kleinkindes. Gesund brachte die Weixdorferin ihre beiden Kinder zur Welt. Zwillinge, vier Wochen zu früh. Bei solch einer Geburt ist das nichts Ungewöhnliches. Zehn Tage später kam Julie im Krankenhaus mit Keimen in Berührung. Bekam Fieber, eine Gehirnentzündung. „Seitdem ist sie geistig und körperlich schwerstbehindert, hat die Pflegestufe drei“, schildert Julies Mutter die Situation. Begreifen kann es bis heute keiner. Die Weixdorfer Familie stellt sich der Situation. Suchte für Julie einen heilpädagogischen Kindergartenplatz. Bei der Lebenshilfe wurden sie fündig. „Wir nehmen vor allem die schweren Fälle in unsere Einrichtung auf. Damit sind wir die einzigen in Dresden“, sagt Lothar Erler, Geschäftsführer der Dresdner Lebenshilfe. Und in der Kita bekommen die Kinder unter anderem Physiotherapie. Dabei geschah auch der tragische Unfall im Januar 2012.

Familie Döring und der Kitaträger schildern die Ereignisse zum Teil unterschiedlich. Fakt ist: Julie wurde von der Physiotherapeutin auf eine Matte auf den Fußboden gesetzt. Katja Döring weist darauf hin, dass ihre Tochter ohne Absicherung das nicht alleine kann. „Julie ist ein Kind, das zu diesem Zeitpunkt fünf bis zehn Anfälle pro Tag hatte und sich gerne hinschmeißt“. Dann gehen die Schilderungen auseinander. Die Physiotherapeutin soll den Raum verlassen haben, um etwas zu holen, sagt die Familie. Ließ Julie somit unbeaufsichtigt. Lothar Erler entgegnet dem, dass sie den Raum nicht verlassen habe: „Wie soll sie sonst den Sturz mitbekommen haben?“, fragt er. Das Mädchen fiel nach hinten, landete auf dem Kopf. „Das Kitateam hat die Eltern am Nachmittag darauf aufmerksam gemacht, und gebeten, dass sie zum Arzt gehen – darauf entgegnete Frau Döring, dass sie in fünf Wochen sowieso einen Arzttermin haben und bis dahin warten können“, sagt Geschäftsführer Lothar Erler dazu.

Informiert wurde Katja Döring. Im Büro rief sie der Kindergarten an. „Doch die Ereignisse wurden heruntergespielt, meine Kollegen haben das mit angehört“, entgegnet sie. Vorwürfe macht sie sich bis heute. Dass sie nicht gleich zum Arzt gegangen sei. Bei einer Untersuchung im Februar 2012 wurde ein Hirn-Hämatom festgestellt. Lebensgefahr, Notoperation. Wäre es nicht entdeckt worden, wäre Julie gestorben. Es ging alles gut. Sie hat sich erholt. Ging auch wieder in den Kindergarten. Im Mai 2012 nahm die Familie dann Kontakt zur Haftpflichtversicherung der Kita auf. Sie wurden lange hingehalten, später zahlte die Versicherung 2 500 Euro an die Weixdorfer Familie. Zu wenig, um die Kosten decken zu können, sagt die Familie und schaltete einen Anwalt ein. Er reichte nach fast zwei Jahren Klage ein. Das hatte offenbar Folgen.

Anfang des Jahres kündigte dann der Kitaträger. „Das Vertrauensverhältnis ist zerstört, auf dieser Basis können wir nicht zusammenarbeiten“, sagt Lothar Erler von der Lebenshilfe zu den Gründen. Und er führt noch einen Punkt an: Das Personal habe sich nicht mehr in der Lage gesehen, das Kind zu betreuen.

Aussagen, über die Katja Döring nur den Kopf schütteln kann, wie sie sagt. Unfälle passieren, da mache die Familie dem Kitateam keine Vorwürfe, stellt sie klar. Aber die Art und Weise, wie mit ihnen danach umgegangen worden sei, mache sie sprachlos. „Wir wurden plötzlich als Täter hingestellt, und Julie so, als wäre es ihre Schuld gewesen“, klingt die Mutter regelrecht fassungslos.

Beide Parteien trafen sich jetzt vor Gericht. Hierbei ging es um die Kündigung. Der Richter am Dresdner Landgericht wies den Antrag der Familie ab. Heißt, an der derzeitigen Situation ändert sich vorerst nichts. Dabei hat sie sich für die Familie erneut verändert. Zum Positiven diesmal. Denn Katja Döring ist wieder Mutter geworden. Erneut Zwillinge. „Jetzt habe ich drei Kleinkinder zu Hause“, sagt die Weixdorferin. Die Nerven liegen mitunter blank. Ihr Mann arbeitet 35 Stunden pro Woche. Er kann seine Frau nur bedingt unterstützen. Familienmitglieder helfen mit. Leidtragende an der ganzen Sache ist aber die viereinhalbjährige Julie. „Zwei Monate bekam sie zum Beispiel keine Physiotherapie, das hat sie zurückgeworfen“, sagt Katja Döring. Mittlerweile besucht Julie eine Physiotherapie in der Neustadt. Einmal pro Woche, in der Kita gab es die Behandlung täglich. Die Termine müssen jetzt koordiniert werden. „Ich kann schwer mit zwei Kinderwagen losziehen“, sagt Katja Döring.

Bis September muss die Familie zunächst noch durchhalten. Dann entspannt sich die Situation etwas. Julie darf dann wieder mit anderen Kita-Kindern spielen. Die Familie hat eine andere Dresdner Kindertageseinrichtung gefunden.