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Welcher Baum bleibt, welcher muss weg?

Das Dresdner Umweltamt prüft pro Jahr hunderte Fällanträge im Stadtgebiet. Wir waren bei einer Tour mit dabei.

Von Juliane Richter
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Dieser Bergahorn an den Elbwiesen nahe des Übigauer Schlosses bleibt definitiv stehen.
Dieser Bergahorn an den Elbwiesen nahe des Übigauer Schlosses bleibt definitiv stehen. © Sven Ellger

Der Stolz schwingt in der Stimme hörbar mit. „Um diese Robinie habe ich damals lange gekämpft“, sagt Thomas Werner-Neubauer und zeigt im Vorbeifahren auf ein einzelnes, großes Exemplar am Rand eines Penny-Marktes in Löbtau. Es hatte Probleme mit dem Bodenniveau gegeben, der Besitzer wollte den Baum deshalb lieber fällen. Aber Werner-Neubauer hat sich durchgesetzt. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.

Es war einer seiner ersten Fälle als Sachbearbeiter im Dresdner Umweltamt. Seitdem ist der gelernte Gärtner einer von sechs Mitarbeitern, die die Anträge für Baumfällungen im Stadtgebiet prüfen. Den Rahmen für seine Arbeit gibt die sächsische Gehölzschutzsatzung vor. Mit ihrer Novellierung im Jahr 2010 hat sich auch die Arbeit im Umweltamt verändert. Denn auf bebauten Grundstücken sind Obst- und Nadelbäume, Pappeln, Birken und Baumweiden sowie alle anderen Bäume mit einem Stammumfang unter einem Meter nicht mehr geschützt. Eigentümer können sie ohne Genehmigung fällen. „Bis dahin war Dresden eine relativ grüne Stadt“, sagt der Umwelttechniker und zieht die Augenbrauen angestrengt zusammen.

Nur Bäume mit einem Stammumfang bis zu einem Meter dürfen ohne Genehmigung gefällt werden. Thomas Werner-Neubauer vom Umweltamt hat das Maßband deshalb immer mit dabei.
Nur Bäume mit einem Stammumfang bis zu einem Meter dürfen ohne Genehmigung gefällt werden. Thomas Werner-Neubauer vom Umweltamt hat das Maßband deshalb immer mit dabei. © Sven Ellger

Wie viele dieser Bäume seitdem verschwunden sind, kann niemand sagen. Es muss ja nicht gemeldet werden. Werner-Neubauer und seinen Kollegen bleibt nur, genau zu prüfen, wenn schützenswerte Bäume wie Eichen, Linden oder auch Kastanien gefällt werden sollen – und das bei triftigen Gründen zu verbieten. Pro Jahr gehen geschätzt 800 Anträge im Zuge von geplanten Baumaßnahmen ein. „Der Baum muss schon sehr wertvoll sein, dass wir für ihn einen Bauantrag ablehnen“, sagt Werner-Neubauer. Etwa 90 Prozent diese Anträge würden genehmigt. Hinzu kommen pro Jahr noch rund 800 Fälle, bei denen Eigentümer Angst um die Standsicherheit des Baumes haben, es um Verschattungen oder Leitungsbau geht. Hier genehmigen die Mitarbeiter etwa drei Viertel der Anträge. Gut 200 Bäume können sie retten. „Privatleute agieren eigentlich sehr behutsam mit ihren Bäumen. Und oft haben sie Recht, wenn sie die Standsicherheit anzweifeln.“

Darf diese Linde in Mickten einfach gefällt werden? Thomas Werner-Neubauer muss das entscheiden.  Bei den Vor-Ort-Terminen dokumentiert er den Zustand der Bäume.
Darf diese Linde in Mickten einfach gefällt werden? Thomas Werner-Neubauer muss das entscheiden.  Bei den Vor-Ort-Terminen dokumentiert er den Zustand der Bäume. © Sven Ellger

Wenn neue Fällanträge aus seinem Gebiet im Dresdner Westen eingehen, macht sich der 55-Jährige vor Ort ein Bild. Immer mit dabei sind ein Maßband, eine Digitalkamera, ein Klappmesser und die Fallakte. In Pieschen schaut er an diesem Nachmittag an einer Großbaustelle vorbei. Ein neuer Häuserkomplex samt Tiefgarage ist geplant. Kritisch ist die Lage hier für einen Spitz- und einen Bergahorn. Letzterer ist mit seinen geschätzt 100 Jahren in überraschend gutem Zustand. Ein geschulter Blick, ein prüfendes Abtasten an der Rinde entlang. „Hier muss beim Bau besonders aufgepasst werden, dass weder Krone noch Wurzeln verletzt werden“, sagt Werner-Neubauer. Er wird dem Besitzer mitteilen, dass er eine Wurzelerkundung vornehmen muss. Dabei werden die Wurzeln mit Wasser freigelegt und es wird entschieden, welche problemlos gekappt werden können und um welche herumgebaut werden muss. Den Baum selbst schützt eine Holzverschalung. Dass auf einer Baustelle „zufällig“ mal ein Bagger gegen einen schützenswerten Baum fährt, sei auch schon vorgekommen. „Dann können wir nur noch Bußgelder verhängen und Ersatzpflanzungen fordern“, sagt er.

Auch im nächsten Fall ist die Lage schnell klar. Nahe der Elbe in Übigau ist eine Baumaßnahme geplant, mehrere Varianten werden geprüft. Für eine müsste ein riesiger Bergahorn weichen. 2,20 Meter misst sein Stammumfang. Beim Anlegen des Maßbandes braucht der Umwelttechniker Hilfe, weil seine Arme für den mächtigen Stamm zu kurz sind. Er schätzt auch diesen Baum auf mindestens 100 Jahre. Weder Stamm noch Krone zeigen Schäden. „Der muss auf Teufel komm raus erhalten werden.“ Noch ein, zwei Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln zur Dokumentation, dann geht die Fahrt schon weiter.

Oft braucht Werner-Neubauer nur wenige Minuten. Die Fakten kennt er schon vom Schreibtisch, vor Ort achtet er dann genau auf Schäden im Wurzelbereich, am Stamm oder auch auf Anzeichen für schützenswerte Lebewesen. Um die geht es ihm vor allem bei einer Linde, die in Briesnitz steht. Die Pächterin des Grundstücks hat dem Fällantrag Fotos beigefügt, auf denen ein riesiges Loch am Fuß des Stammes zu sehen ist. Nicht immer muss das ein Problem sein. „Die Faustregel lautet: Wenn ein Drittel vom Stammradius noch intakt ist, ist der Baum statisch stabil.“ In diesem Fall erzeugt das Klopfen einen hohlen Ton und die Stichkontrolle mit dem Messer zeigt, dass nicht mehr viel Leben in der gut 18 Meter hohen Linde ist. In eine Plastiktüte entnimmt er eine Probe aus dem losen Material des Stammes. Gibt es Anzeichen, dass hier der Juchtenkäfer lebt, muss zumindest der Stamm erhalten bleiben, wenn das die Verkehrssicherheit zulässt. Aber es sieht nicht so aus. Der Umwelttechniker schlägt trotzdem vor, den Baum bis auf einen sechs Meter hohen Stumpf zu kürzen und Tieren damit einen Lebensraum zu erhalten. „Stehendes Totholz ist um den Faktor vier wertvoller als liegendes.“ Die Pächterin und ihre Nachbarin sind erleichtert, gerade mit Blick auf zu erwartende Schäden.

Sollten die streng geschützten Juchtenkäfer in einem Baum leben, finden sich Anhaltspunkte im losen Material aus dem Stamm. Die Probe wird im Labor von Artenschutz-Experten untersucht.
Sollten die streng geschützten Juchtenkäfer in einem Baum leben, finden sich Anhaltspunkte im losen Material aus dem Stamm. Die Probe wird im Labor von Artenschutz-Experten untersucht. © Sven Ellger

Werner-Neubauer steigt wieder ins Auto. Im Vorbeifahren sieht er an anderer Stelle, dass ein Investor zwar seine Reihenhäuser gebaut hat, die Ersatzpflanzungen aber fehlen. Hier wird er anmahnen, das nachzuholen. Weil die Liste der Aufgaben so lang ist, bleibt nicht immer Zeit für so umfangreiche Touren. „Etwa zehn Prozent der Fälle entscheiden wir vom Schreibtisch aus, mithilfe von Google Streetview.“ Auch, wenn die Fotos dort schon zehn Jahre alt sind. Die Alternative ist, den Fall nicht zu bearbeiten. 

Drei Wochen nach Eingang des Antrages greift aber die Fiktion, die automatisch die Fällgenehmigung erteilt, ohne dass das Umweltamt dann noch Ersatzpflanzungen anordnen kann. Werner-Neubauer weiß, dass dem Amt in den vergangenen Jahren dadurch etwa zehn Prozent der Fälle „durch die Lappen gegangen sind.“ Rein privat hofft er, dass das Sächsische Naturschutzgesetz als Grundlage für die besagte Gehölzschutzsatzung wieder überarbeitet wird, so wie es die Grünen im Landtag nun fordern. In der jetzigen Version sei dem Fällen oft einfach zu wenig entgegenzusetzen. Und dass derzeit zum Beispiel auch Birken ohne Genehmigung gefällt werden können, mache überhaupt keinen Sinn. „Sie gilt nach der Eiche als wertvollster Baum, an und von dem andere Lebewesen leben.“