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Weltbürger auf Werbetour

Die Deutschen Werkstätten wollen jetzt Ingenieure aus Spanien nach Dresden holen. Ein US-Amerikaner ist der Türöffner.

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Von Franziska Schneider

Alan Salisch ist wohl das, was man einen Weltbürger nennt: In den USA ist der 53-Jährige aufgewachsen, hat unter anderem in Frankreich studiert, später eine Spanierin geheiratet. Mit ihr und seinen zwei Kindern lebte er die letzten Jahre im galizischen Santiago de Compostela – und ist mit ihnen Anfang des Jahres nach Dresden gezogen. „Das Leben hat viele unerwartete Wendungen“, sagt er.

Die Deutschen Werkstätten Hellerau haben Alan Salisch von der galizischen Provinz nach Dresden gelotst. Der Weltbürger soll zum Vorreiter werden: Als Architekt mit Know-How vor Ort soll er spanische Ingenieure für das Unternehmen gewinnen. In Sachsen setzt inzwischen jede zehnte Firma auf Fachkräfte aus dem Ausland. Die Werkstätten haben sich in den letzten Jahren vor allem mit dem Innenausbau von Jachten und Luxus-Anwesen einen Namen gemacht. „Spanien ist derzeit in der ungewöhnlichen Lage, sehr viele, sehr hoch qualifizierte Arbeitslose zu haben“, sagt Salisch. Ein guter Abschluss sei dort enorm wichtig, um etwa beim Staat eine Anstellung zu finden. Zudem sei die wirtschaftliche Situation Spaniens über Jahre hinweg gut gewesen. Mit der Wirtschaftskrise habe sich das jedoch radikal geändert.

Alan Salisch hat das in der eigenen Familie erfahren: Als er mit seiner Frau 2008 aus den USA nach Spanien kam, musste sie ihre Karriere als Lehrerin aufgeben. „Sie hat gewusst, dass es in Spanien schwer wird, aber dann ist auch noch die Wirtschaft zusammengebrochen.“ In Dresden hat sie bereits eine Teilzeitstelle als Sprachlehrerin an der International School gefunden. Alan Salisch sucht nun Ingenieure, denen er aus ähnlichen Gründen den Wechsel nach Dresden schmackhaft machen kann. In Spanien hat er bereits für ein Innenausbau-Unternehmen gearbeitet. „Ich habe dort erfolgreich ein Team von Ingenieuren aufgebaut“, seine Kontakte wolle er nun nutzen.

Salischs Kollege Michael Geyer beschreibt das Problem der Deutschen Werkstätten: „Unsere Projekte laufen zum einen zunehmend über einen längeren Zeitraum, andererseits haben wir immer weniger Zeit für die Ausführung. Die Arbeit für unsere Mitarbeiter wird also nicht weniger, das Unternehmen wächst“, sagt er. Zugleich gebe es auf dem deutschen Markt viel zu wenig Ingenieure, die auf modernste Technik ausgebildet seien. „Etwa die 3D-Programmierung von CNC-Fräsen beherrschen und sich als Holz-Ingenieure spezialisiert haben“, so Geyer.

Sprachkurse in Dresden boomen

Lars Fiehler von der Industrie- und Handelskammer Dresden kennt das Problem. „Neben dem Dienstleistungs- und Handelsbereich ist die Industrie im weitesten Sinne vom Fachkräftemangel betroffen. Nicht nur im ingenieurstechnischen Bereich, sondern auch was Facharbeiter anbelangt. Von der Kunststoff- bis zur Pharmaindustrie sind die Stellen vorhanden.“ 15 bis 20 Ingenieure wollen die Werkstätten in den nächsten zwei Jahren nach Dresden holen. Es sei eine tolle Stadt in malerischer Umgebung „von Altenburg bis in die Sächsische Schweiz.“ Beim Innenausbau gehörten die Werkstätten zur Weltspitze, beste Voraussetzungen also, findet Salisch.

In einer Umfrage unter 1200 sächsischen Unternehmen hatten kürzlich zwölf Prozent angegeben, bereits ausländische Mitarbeiter zu beschäftigen, weitere elf Prozent planten dies. Konkret beziffern lässt sich das nur schwer. Doch von 2011 auf 2012 ist die Zahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter aus Italien, Spanien, Portugal und Griechenland von 530 auf 601 gestiegen – ein zarter Trend. „Bei kleineren Unternehmen unter 50 Mitarbeitern jedoch spielt dies kaum eine Rolle. Dresden ist stark vom Mittelstand geprägt. Global Foundries oder Infineon sind einfach kein Maßstab“, so Fiehler. Kleinen Unternehmen fehlten die Kapazitäten, die ausländischen Fachkräfte zu betreuen, sie bräuchten zudem öfter Generalisten, sagt Fiehler. Drei Viertel der Befragten gab demnach an, dass die Sprachbarriere ein Grund für die Nichteinstellung der Ausländer sei.

Doch seit der Wirtschaftskrise boomen in Dresden die Deutschkurse. Am Goethe-Institut etwa sind sie gut gebucht, sagt Sprecherin Regina Molke. In diesem Semester sind es 103, etwa 30 mehr als noch 2011. Zwar bilden Chinesen die größte Gruppe der Interessenten, doch „Teilnehmer aus Südeuropa lassen sich zunehmend in den Abendkursen finden“, so Molke. Auch Alan Salisch hadert mit dem Deutschen. „Es ist so schwer zu lernen.“ Die Werkstätten ermöglichen ihm den Sprachkurs sogar während der Arbeitszeiten.

Dass Deutsch unabdingbar ist, hat er schon bei seiner Ankunft gemerkt. „Eigentlich sollten meine Kinder in eine staatliche Schule. Aber auf dem Amt sprach wirklich niemand Englisch. Und es musste schnell gehen.“ Nun sind sie in der International School. Auch die Wohnungssuche war ohne Deutschkenntnisse schwer. „Das lief dann im Ausschuss-Verfahren, wir wohnen jetzt im Quartier an der Frauenkirche. Dort lief viel per Internet und auf Englisch“, sagt Salisch. Künftigen Hellerau-Mitarbeitern will er bei diesen Hürden helfend zur Seite stehen. „Diese Lektion lernt man schnell.“