SZ +
Merken

Welterbe-Kommission war heimlich in Görlitz

Zwölf Mitglieder der Jury haben Anfang des Jahres die Stadt besucht. Sie bekamen auch eine Ausstellung zu sehen. Jetzt ist diese für alle geöffnet.

Teilen
Folgen

Von Ingo Kramer

Manchmal kommt es für die Weltkulturerbe-Bewerbung ganz plötzlich: Gleich zu Beginn des neuen Jahres hat ein internationaler Fachbeirat der Unesco die Stadt besucht, um die Görlitzer Hallenhäuser genauer unter die Lupe zu nehmen. „Wir durften den Termin vorab nicht öffentlich bekannt geben“, erklärte OB Siegfried Deinege. Nach der Gartenstadt Hellerau, in der der Fachbeirat schon am 5. Oktober war, ist Görlitz der zweite unter drei sächsischen Bewerbern, der Besuch erhielt. In Leipzig war die Kommission noch nicht.

Wer dem hochkarätig besetzten Fachbeirat angehört, wer von diesen Experten tatsächlich in Görlitz war und an welchem Tag genau, darf der OB auch im Nachhinein nicht verraten: „Die Jury will unbehelligt sein.“ Sicher aber ist: Es waren zwölf Vertreter des Fachbeirates an der Neiße, zusätzlich auch die sächsische Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack, Vertreter des Innenministeriums und weitere Gäste. Die Delegation ist mit einem Bus gegen 13 Uhr auf dem Obermarkt angekommen und hat sich insgesamt fünf Stunden Zeit genommen. Los ging es mit einer offiziellen Begrüßung im Kleinen Ratssaal, einem 15-minütigen Vortrag der Görlitzer und einer anschließenden einstündigen Diskussionsrunde. „Danach haben wir vier ausgewählte Hallenhäuser besucht“, erklärt der OB. Es folgten noch ein Stadtrundgang, eine Besichtigung der Peterskirche und schließlich das Abschlussgespräch in der Galerie Brüderstraße 9, wo eine Fotoausstellung vorbereitet war. Gegen 18 Uhr ist die Jury abgereist. „Wir waren sehr gut auf diese Gespräche vorbereitet und vor Ort ist alles super gelaufen“, erklärt der OB.

Auch andere Mitglieder der Görlitzer Arbeitsgruppe Welterbe sind im Nachgang sehr positiv gestimmt. „Die Damen und Herren waren exzellent vorbereitet“, erklärt Architekt Frank-Ernest Nitzsche. Die Gespräche seien fachlich sehr interessant gewesen: „Das hat richtig Freude gemacht.“ Zudem hätten die Görlitzer wichtige Hinweise erhalten. Historiker Lars-Arne Dannenberg ergänzt, dass die Jury auch kritische Fragen gestellt und in die dunkelsten Ecken geschaut hat. „Wir haben natürlich versucht, herauszukitzeln, wie unsere Chancen stehen“, so Dannenberg. Die Reaktionen seien sehr positiv gewesen, allerdings müsse Görlitz den Prozess aktiv gestalten. Wichtig dabei ist auch die Kommunikation mit der Bevölkerung.

Damit die richtig in Gang kommt, hat die Stadt eine Ausstellung mit Fotos von Hallenhäusern in der Galerie Brüderstraße 9 eröffnet. Interessierte können dort einen Blick auf die Fotos des Berliner Fotografen und Architekten Ulrich Schwarz werfen, die wesentlicher Bestandteil der Bewerbung um die Aufnahme auf die deutsche Tentativliste für das Weltkulturerbe sind. Ulrich Schwarz, 1963 in Wuppertal geboren, gilt als einer der führenden Architekturfotografen Deutschlands. Er hat Ende Dezember 2012 in seinen Arbeiten die Görlitzer Hallenhäuser dokumentiert.

Wie es jetzt für die Görlitzer Bewerbung weitergeht, steht schon fest – die Frage ist nur, wann. Zunächst nämlich besucht die Jury alle 32 deutschen Bewerber. Anschließend macht sie der Kultusministerkonferenz Vorschläge. Diese wiederum will noch in diesem Jahr entscheiden, welche Kandidaten auf die deutsche Tentativliste kommen. Aufgrund des großen Arbeitspensums kann sich Bürgermeister Michael Wieler auch vorstellen, dass es erst Anfang 2015 so weit ist. Wie viele Bewerber es auf die Liste schaffen, ist völlig offen. Von null bis 32 ist alles möglich. „Wir haben ein gutes Gefühl“, bekräftigt Wieler.

Sollte Görlitz den Sprung schaffen, geht die Arbeit erst richtig los. Dann muss die Bewerbung als solche erarbeitet werden. „Da steht uns ein richtiges Forschungsprogramm bevor“, so Wieler. Wer auf der Tentativliste steht, kann frühestens nach 18 Monaten auf die Welterbeliste gelangen. Es kann aber auch fast 20 Jahre dauern: Die jetzige Liste ist 1998 beschlossen worden und soll bis 2015 abgearbeitet sein.