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Wen die Muse küsst

Künstler und Veranstaltungsmanager, aber auch Konstrukteure oder Sozialarbeiter brauchen Inspirationen. Aber wie kommen sie auf ihre guten Ideen? Und was machen sie, wenn sie keine Einfälle haben? Eine Umfrage brachte es ans Licht.

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Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Für Kreativität gibt es keine Patentrezepte: Doch viele Berufe leben von genialen Gedanken, unerwarteten Einfällen oder innovativen Strategien. Die machen dann nicht nur den Geschäftserfolg eines Produktes oder Projektes aus. Sie spiegeln auch die Individualität des Menschen wider. Doch was braucht man, um Ideen zu entwickeln?

GunterSpies
GunterSpies
Gerd Werner
Gerd Werner
Auch der Großenhainer Magier Milko Bräuer kann sich Ideen nicht einfach herzaubern, sondern muss sie sich mühevoll erarbeiten.Fotos: Oberthür/Brühl
Auch der Großenhainer Magier Milko Bräuer kann sich Ideen nicht einfach herzaubern, sondern muss sie sich mühevoll erarbeiten.Fotos: Oberthür/Brühl

Gunter Spies, Riesas Riese, lässt sich ebenfalls gern von anderen Menschen anregen. So hat er sich gerade von einem Schattenriss der Künstlerin Katja Kauffmann aus Hamburg inspirieren lassen. Er sieht aus wie ein Schiff. „Mit dem will ich das unentdeckte Land suchen: die Riesaer Zukunft“, verspricht der Darsteller des Stadtmaskottchens. Bei diesem spannenden Projekt hat Spies aus seiner eigenen Vergangenheit geschöpft: Er war zwölf Jahre Marine-Soldat.

Dass Riesa in die Zukunft schauen muss, sei unumgänglich, sagt er: „Es gibt zur Zeit nichts Konkretes, worauf wir uns ausruhen könnten. Nun sind wir auf der Suche nach neuen Entdeckungen oder auch altbewährten.“ Jeder auf seinem Posten, egal welcher geografischen Herkunft, Rasse und Religion. Dass alles spiele an Bord eines echten Schiffes keine Rolle. Wichtig sei nur, dass man etwas kann. Dann fährt jedes Schiff zu jedem Punkt, auch durch so manchen Sturm.

Was soll aus Riesa werden? Was nutzen wir besonders? fragt sich der Braumeister vom „Hammerbräu“. Den Wirtschaftsstandort an einer einmaligen Kreuzung Wasser-Straße-Schiene? Oder doch lieber den Tourismus? Die Nudelstadt? Die Reifen? Die Seife? Gunter Spies will auch Geistesblitze abseits der gewohnten Denkwege zulassen und fragt: „Sollten wir dem demografischen Trend folgen wie Görlitz und Riesa zum besten Rentnerparadies Sachsens machen?“

Inspiration findet der Riesaer Braumeister zudem bei den Märchen der Gebrüder Grimm. Sein Angebot: „Ich lese die Geschichte des gestiefelten Katers mit Lichtbildern vom Bastei Lübbe Verlag, welcher mir die freundliche die Genehmigung gab.“ Es gibt dazu sogar eine Fotomontage, auf der der Riese dem Kater mit seinen Stiefeln sehr ähnlich sieht. Das Märchen war das 33. im 1812 erschienen Märchenbuches. Über den Riesaer Riesen gibt es im Stadtbahnverein schon drei Malbücher mit schönen Geschichten. „Die habe ich schon oft vorgelesen“, sagt Gunter Spies.

Die Kreativitätsquelle hier: Die eigene Kindheit. Da sei der Kater schon einer seiner Favoriten gewesen, so der Riesaer Riese. „Weil er ebenso herrliche Stiefel hat wie ich.“ An dem Kater gefällt ihm besonders, dass er sich nicht nur durch Schläue gegenüber dem bösen Zauberer auszeichnet. Auch dass er sich selbst in ausweglosen Situationen durch ruhiges-bedachtes, aber blitzschnelles Überlegen einen Ausweg einfallen lässt.

Gunter Spies trägt das Märchen „selbstverständlich“ kostenfrei vor und begleitet sich durch 22 Bilder optisch auf einer Leinwand. Interessenten schreibt eine Mail an: [email protected]

Gerd Werner aus Lauterbach, Sprecher des Fördervereins Schloss Lauterbach, sucht den Gedankenaustausch mit aktiven, interessanten Gesprächspartnern, damit sich kreative Einfälle ihren Weg bahnen können. „Das ist so im Beruf, im privaten Bereich und in der gemeinnützigen Arbeit“, erklärt der Rentner und zählt drei Beispiele auf. „Überwältigt von den Eindrücken anlässlich des 80. Geburtstages meiner Mutter 1987 tauchte die Blitzidee eines jährlichen Verwandtentreffens mit über 20 Mitgliedern auf.“ Nun freuen sich die Teilnehmer aus Ost und West bereits auf das 27. Treffen zu Himmelfahrt 2013. Gerd Werner hatte sich ein schönes Ziel vorgestellt, den Weg dahin im Kopf skizziert und konsequent daran gearbeitet.

Ähnlich schöpferisch ging er im Beruf vor. „1996 erhielt ich von meinem Unternehmen den Auftrag zum Aufbau eines eigenständigen Maklervertriebs in Mitteldeutschland“, erzählt Werner. „Im Spannungsfeld eifriger Diskussionen kam die Idee eines langfristigen Engagements beim auf Hochtouren laufenden Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche.“ Es gelang ihm, mit der Stiftung Frauenkirche einen Zehnjahresvertrag zu konzipieren, auf dessen Grundlage das erste Konzert am dritten Adventssonntag in der gerade fertiggestellten Unterkirche stattfinden konnte.

Dieser Vertrag war auch für die Stiftung Frauenkirche ein Meilenstein, denn bis dahin gab es nur einmalige Zuwendungen von Förderern und Sponsoren. Gerd Werner: „Große Momente konnten seitdem die jährlich geladenen Kunden und Mitarbeiter meiner Firma erleben.“

Im Frühjahr 2008 schließlich wurde das Schloss Lauterbach zum Wahlstandesamt der Gemeinde Ebersbach. „Eine zündende Idee musste her, um originelle Gastgeber zu werden.“ Die Diskussion fokussierte sich auf die Installierung einer Hochzeitszeremonie - nur, welche? „Das Zersägen eines Baumstamms war zu alltäglich. Das Pflanzen eines Baumes verbot die Parkstruktur. Das gemeinsame Rudern über den Spiegelteich störte die Fischzucht. Dann die Eingebung: Der Erwerb eines Steins aus der historischen Torauffahrt, graviert mit dem Datum der Trauung und feierlich eingesetzt durch das Brautpaar.“ So war der Lauterbacher Hochzeitsstein geboren! Inzwischen sind daraus 14 geworden.

„Positive Einstellungen zur Sache, Engagement und Leistungswille des Partners spornen mich zu intensiven Zuhören und immer größerer Neugier an“, sagt der Lauterbacher. „Daraus erwächst bei mir vor allem das Verlangen, an Veränderungen mitzuwirken, führt oft zu unkonventionellen, spontanen und ungewöhnlichen Lösungen.“

Für Falk Terrey aus  Großenhain ist die Kunst wichtig. Und was wäre Kunst ohne Inspiration? Victoria Ocampo schreibt: „Das Einzige auf der Welt, was mir wohltut, das Einzige, was mich vergessen lässt...“ Genau dieses freimachende Gefühl und das sich selbst Vergessen ist es, was Falk Terrey beim Zeichnen spürt. „Sicherlich trifft es zu, dass sich erst beim Zeichnen ein Bild ergibt.

Mit etwas Abstand betrachtet wirft es dann mehr Fragen auf – was man sich dabei gedacht hat.“ Momenthafte Einfälle gäbe es aber eher weniger. Vielmehr sei es ein Fluss einer eigenen Logik, die sich von selber vollzieht. Und das permanent. „Dieser Zustand endet manchmal vorzeitig, wenn das Blatt auf den Boden des Papierkorbs trifft. Ob eine Zeichnung gelingt oder nicht, ist dann eine Frage der langjährigen Übung und Konzentration“, sagt er. Eine Art innerer Dialog von Hand und Auge, der – wenn man Inspiration genug hat – über Stunden andauert. „Wenn ich dann alles auf dem Blatt habe, bin ich auch ziemlich fertig.“ In den folgenden Tagen zeige sich, ob das Werk gelungen ist.

Anders sieht die Sache bei Falk Terrey aus, wenn er ein Logo oder das Layout für eine Webseite oder Printerzeugnisse herstellt. „Da beschäftige ich mich erst einmal intensiv mit dem Auftraggeber, seiner Arbeit und seinen Produkten.“

Terrey beobachtet, nimmt Kleinigkeiten war. Es sei dann eine Frage der Zeit, bis sich Kombinationen des Erlebten und Beobachteten in ein Gefühl wandeln. „Dieses Gefühl ist meine Inspiration, und diese versuche ich wiederum grafisch zu finden und in den Entwurf einzuarbeiten.“ Hier braucht er den Moment der Inspiration. „Man dreht sich auf der Straße um oder frühstückt gerade: Auf einmal ist alles klar und richtig – ich habe eine Lösung vor dem inneren Auge.“

Falk Terrey findet: „Es sind die Dinge die uns innerlich beschäftigen. Das arbeitet solange, bis wieder so ein Moment kommt.“ Woher und warum genau zum bestimmten Zeitpunkt – das ist schwer zu beschreiben. Aber jeder hat ihn.

Buchtipp: Vademekum der Inspirationsmittel, Wallstein Verlag Göttingen, 14,90 Euro