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30 Jahre Wir

Tickt der Osten wirklich sozialer?

Viele ehemalige DDR-Bürger halten sich im Vergleich zu Westdeutschen für die besseren Menschen. Doch das ist eine Selbsttäuschung. Ein Gastbeitrag.

DDR-Idyll: Ein FDJ-Singeklub beim Jugendtreffen 1970 am Pusteblumen-Brunnen auf der Prager Straße in Dresden.
DDR-Idyll: Ein FDJ-Singeklub beim Jugendtreffen 1970 am Pusteblumen-Brunnen auf der Prager Straße in Dresden. © Ulrich Häßler

Von Steffen Mau

Befragt man die Ostdeutschen zu ihren Eigenschaften und Verhaltensweisen, dominiert eine positive Sicht. In Umfragen nach der Wende beschrieben sich die Ostdeutschen, man kann es nicht anders sagen, ganz unverblümt als die besseren Menschen: als sozialer, gemeinschaftlicher, ehrlicher, bescheidener, zurückhaltender. Westdeutsche hingegen wurden eher mit Überheblichkeit, Dominanz, Oberflächlichkeit oder gar Geldgier assoziiert. Kulturwissenschaftler, die sich den beiden deutschen Teilgesellschaften mit einem ethnologischen Blick genähert haben, diagnostizierten in den 1990ern ebenfalls markante Verhaltensunterschiede, die zum Teil bis heute fortwirken. So würden die Ostdeutschen die Sache oft vor die Person stellen, sich bescheiden geben, seltener das Pronomen „ich“ und stattdessen das Wort „man“ benutzen. Außerdem seien sie verlässlich und eher zurückhaltend.

365 Tage für Patienten da
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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Damals wurde die „Wärmestube DDR“ oft dem kalten Westen entgegengesetzt. Im Westen hätte sich ein materialistischer Individualismus durchgesetzt, die Menschen seien vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Im Osten herrsche hingegen ein „Gemeinschaftssinn“, der nunmehr durch die Marktvergesellschaftung nach und nach zersetzt würde. Immer wieder hörte und hört man: Vor 1989 habe es mehr sozialen Zusammenhalt, mehr Miteinander gegeben. Beklagt wird ein Gemeinschaftsverlust, heute denke jeder nur noch an sich. So meinte einer meiner Gesprächspartner etwa: „Das ist heute eine Theatergesellschaft. Jeder ist Schauspieler und jeder ist laut. Die Leute müssen immer für sich Reklame machen.“

Der „soziale Sinn“ der Ostdeutschen hat sich nach Auskunft vieler aber bis heute noch nicht vollständig erschöpft. Füreinander-Einstehen, Bescheiden-Sein, Nicht-nur-an-sich-selbst-Denken gelten im Osten immer noch als Eigenschaften, die besonders in der Osthälfte der Republik ihr Zuhause haben. Mitunter fühlt man sich moralisch überlegen, weil man sich nicht über andere stellt und weniger dafür tut, sich von anderen abzusetzen. Ein weiterer Gesprächspartner sagt mir ironisch: „Warum gab es denn im Westen das Abitur erst nach dreizehn Jahren und bei uns nach zwölf? Na, weil sie ein Jahr brauchten, um zu lernen, wie man sich besser verkauft. Das können wir im Osten immer noch nicht gut.“ Dann schiebt er hinterher, dass er dies eigentlich besser fände.

Interessanterweise lässt sich in experimentellen Untersuchungen kein „Gemeinschaftsvorsprung“ der Ostdeutschen nachweisen. Schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung deuteten spieltheoretische Experimente zur Solidaritätsbereitschaft darauf hin, dass Ostdeutsche weniger geneigt waren, einen Gewinn mit anderen zu teilen, als Westdeutsche. Auch zwanzig Jahre später war hier keine Konvergenz festzustellen. In verschiedenen Studien legten die Ostdeutschen ein niedrigeres Niveau an interpersonellem Vertrauen an den Tag, sie waren misstrauischer gegenüber Fremden und weniger bereit, sozial in Vorleistung zu treten. Ein besonderer „sozialer Sinn“ der Ostdeutschen ließ sich hier nicht nachweisen, auch wenn sich viele explizit zu gemeinschaftlichen Werten bekannten. Manche Forscher sahen sogar die Bereitschaft zum Schummeln in Ostdeutschland stärker ausgeprägt und führten das – aus meiner Sicht einseitig überinterpretiert – darauf zurück, dass Unehrlichkeit sowie eine Diskrepanz zwischen offiziellen Bekenntnissen und tatsächlichem Verhalten im Sozialismus systemimmanent gewesen seien. Man könnte freilich genauso gut von einer nach 1989 rasch einsetzenden Entsolidarisierung ausgehen.

Insgesamt haben wir aber eine ganze Reihe von Belegen dafür, dass die Ostdeutschen im wiedervereinigten Deutschland vergleichsweise stark auf den eigenen Vorteil schauen und sozial weniger großzügig sind als die Westdeutschen. Das lässt daran zweifeln, ob der oft behauptete und in der Selbstwahrnehmung tief verankerte „soziale Sinn“ der Ostdeutschen wirklich so weit trägt. Als konstanter Sozialcharakter eher nicht, wenn überhaupt dann als spezifisches Binnenverhältnis, das sich in der abgeschlossenen und stark nivellierten DDR-Gesellschaft herausgebildet hat und in Restbeständen überdauert. Das Zusammenrücken in einer Nischengesellschaft scheint jedenfalls eine Art der Nähe hervorgebracht zu haben, die auch Mitmenschlichkeit und gegenseitige Hilfe gedeihen ließ und den Gemeinschaftsmythos der DDR begründet. Schon allein deshalb, weil man in der Mangelwirtschaft auf Netzwerke angewiesen war und die unterschiedlichen Milieus dicht zusammen wohnten, entstanden eigene Gemeinschaftsformen, die unter Druck gerieten, als man alles im Laden kaufen konnte und auf die Nachbarn nicht mehr angewiesen war.

Nunmehr zeigt sich: Die Ostdeutschen sind in der Marktgesellschaft sehr wohl auf den eigenen Vorteil bedacht und begegnen anderen nicht selten mit Misstrauen. Manches mag in frühen Nachwende-Erfahrungen wurzeln, manches aber auch noch mit der DDR zu tun haben. Schließlich hatten wir es mit einer homogenen und stark nivellierten Menschengemeinschaft zu tun, deren Solidaritätsressourcen sich aus sozialer Ähnlichkeit speisten.

Heute mutet es mitunter so an, als seien Besitzstandsdenken und Revierverhalten im Osten besonders verbreitet. Im Hinblick auf die Präsenz anderer ethnischer Gruppen in der Nachbarschaft, ob Italiener, deutschstämmige Aussiedler aus Osteuropa oder Asylbewerber aus dem Nahen und Mittleren Osten – Ostdeutsche äußern sich durchweg ablehnender als Westdeutsche. Die Bereitschaft, Flüchtlingen zu helfen, ist geringer ausgeprägt als in Westdeutschland. Hierbei offenbaren sich auch die Grenzen dieses Solidaritätsmodells: Es ist eher eine Solidarität unter Gleichen als eine mit Fremden, wofür die jüngeren Entwicklungen viel Anschauungsmaterial bieten. So gesehen, war die DDR eine Vertrautheits- und Nahbeziehungsgemeinschaft, deren Kehrseite der heute oftmals harsche Umgang mit und das harte Urteilen über Fremde und Andersartige darstellen.

Der Autor Steffen Mau (51) wuchs im Rostocker Plattenviertel Lütten Klein auf. Er ist Professor für Soziologie an der Berliner Humboldt-Uni. Sein Text basiert auf dem Buch „Lütten Klein“, das im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.

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