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„Weniger Autos helfen allen“

Der Dresdner Verkehrsforscher Udo Becker über Angst vor der Autolobby, zu günstige Parkgebühren und vermeintliche Umerziehung.

© Ronald Bonß

Von Tobias Hoeflich

Die Autonation Deutschland ist in Aufruhr. In Großstädten drohen Fahrverbote, Radfahrer fordern immer lautstarker Platz auf den Straßen, Bussen und Bahnen werden Vorrang eingeräumt. Einer, der von Berufs wegen mit der Thematik zu tun hat, ist Udo Becker. Der 61-jährige Wissenschaftler ist Professor für Verkehrsökologie und forscht an der TU Dresden. Im SZ-Interview erklärt er, was aus seiner Sicht gegenwärtig schiefläuft in der Verkehrspolitik.

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Herr Becker, auf der A4 herrscht beinah täglich Chaos. Nun wollen Landespolitiker einen Ausbau zwischen Nossen und Burkau. Gute Idee?

Keine gute Idee. Ich verstehe ja, dass alle Nutzer der Autobahn genervt sind. Und seit Jahrzehnten versuchen unsere Politiker, den Stau dadurch zu verringern, dass sie die Straßen noch mehr ausbauen und den Verkehr noch attraktiver machen. Das wird nicht gelingen, das hat noch nie geklappt. Zu viel Verkehr kann man nicht durch noch mehr Straßen verringern. Stattdessen muss die Schiene attraktiver werden. Aber die Förderung anderer Verkehrsmittel wurde jahrelang bewusst reduziert in Sachsen.

Trotzdem scheint der Drang zum Auto größer denn je. Allein in Dresden waren Ende 2017 über 260 000 Kfz zugelassen.

Da mache ich den Leuten keinen Vorwurf. Die Rahmenbedingungen sind so, dass es attraktiv ist, sich ein Auto zu kaufen. Aber es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht. Schauen Sie nach Dänemark, Norwegen, in die Niederlande. Wir müssten den Verkehrsteilnehmern passende und attraktive Möglichkeiten dafür schaffen, dass sie sagen: „Ich brauche gar kein Auto, das Geld spare ich mir, ich komme auch anders überall hin!“

Ihr Forscherkollege Gennadi Zikoridse von der HTW Dresden gab in einem SZ-Interview auch schlechter Infrastruktur die Mitschuld für Probleme wie schlechter Luft, etwa durch zu viele Ampeln.

Kollege Zikoridse ist ein renommierter Fachexperte und kennt sich hervorragend aus mit Verbrennungsmotoren und Abgasreinigungssystemen, wir arbeiten da gerne zusammen. Aber in dem Fall muss ich widersprechen: Beton und Ampeln sind doch nicht schuld, wenn so viele Menschen aufs Auto umsteigen! Menschen und Autos fahren, weil wir die Städte dafür umgebaut haben. Und wenn wir sie noch mehr für Autos umbauen, werden noch mehr fahren. Wenn man Übergewicht hat und abnehmen will, dann hilft es nicht, wenn die Regierung den Kuchen noch billiger macht.

Aber weniger Ampeln bedeuten weniger Stoppen und Anfahren, also weniger Abgase. Was ist daran verkehrt?

Ja, wenn ein Auto nicht anhalten muss, spart das vielleicht 20 Gramm CO2. Aber alle Beispiele, wirklich alle auf der Welt, zeigen, dass mit mehr Grünzeit und Fahrspuren das Auto attraktiver wird, sodass noch mehr Leute umsteigen: vom Bus, vom Rad, von der Bahn, weil sie die bequemste Fortbewegung wählen. Die Idee, durch flüssigeren Verkehr könnte man Schadstoffe deutlich reduzieren, ist Unfug. Alle Studien zeigen: Für Abgasreduzierung ist Verkehrsberuhigung hilfreicher als Beschleunigung.

In Dresden wird aber eifrig an „grünen Wellen“ für Autofahrer gearbeitet. Fühlen sich Radfahrer und Fußgänger dabei manchmal zurecht ausgebremst?

Da haben sie absolut recht. Wer nur dafür sorgt, dass Autos in grünen Wellen fahren, wird am Ende mehr Verkehr haben – Radfahrer und Fußgänger leiden in fast allen Fällen. Ich möchte auch, dass Anhaltevorgänge weniger werden, aber nicht zu dem Preis, dass der Verkehr noch mehr steigt. Für Umweltschutz gibt es durch die Stärkung des Nahverkehrs, höhere Parkgebühren oder den Umbau von Autospuren zu Radwegen bessere Möglichkeiten.

Allein die Ankündigung, auf der Albertstraße eine Fahrspur für Radwege zu streichen, sorgte für einen Aufschrei ...

Verstehe ich. Natürlich werden Autofahrer bei jeder weggenommenen Spur aufschreien. Aber wenn ein nennenswerter Teil der Autofahrer wirklich umsteigt auf das attraktiver gewordene Fahrrad, kommen am Ende doch auch die Autofahrer schneller voran und finden leichter einen Parkplatz. Und wir bekommen insgesamt weniger Lärm und Abgase und eine höhere Aufenthaltsqualität in der Stadt.

Also brauchen wir nur Radwege bauen und alle Probleme sind gelöst?

So einfach ist das nicht. Zum Radverkehr gehört mehr als nur Radwege. Sie sollten auch im Winter geräumt werden, es braucht sichere Stellplätze, am besten überdacht, und Radfahrer brauchen sichere und für sie bessere Ampelschaltungen.

Fahrradbügel sind an vielen Straßen Mangelware, während Parkplätze selbst in guter Lage wie der Inneren Neustadt kostenlos sind. Sollten Autofahrer stärker zur Kasse gebeten werden?

Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Ja, dahin muss es langfristig gehen. An die TU kommt oft internationaler Besuch: Wenn die hören, dass bei uns in den Zonen 2 und 3 die Stunde Parken 50 Cent kostet, dann lachen die nur noch. Keine Stadt der Welt, die den Anspruch hat, Verkehr zu lenken, leistet sich solche geringen Parkgebühren. Wieso? Ich meine: aus Angst. Die Politik fürchtet, unter Autofahrern Stimmen einzubüßen. Ladenbesitzer glauben, dass bei teurerem Parken weniger Kunden zu ihnen kommen. Alle wollen, dass sich nur nichts ändert.

Ist diese Angst hier besonders groß?

Dresden hat seit 1990 in der Tat sehr erfolgreich versucht, das Auto so richtig attraktiv zu machen. Schauen Sie sich allein die vielen Parkplätze, Tiefgaragen und Parkhäuser in der Stadt an. Jeder dieser Parkplätze ruft doch sozusagen: „Bitte komm zu mir, fahre mit dem Auto doch bitte bis in die Innenstadt!“ Wenn die Innenstadt attraktiv werden soll, dann müssen wir diese Entwicklung rückgängig machen.

Mancher Autofahrer dürfte das alles als typisch linksgrün oder Umerziehung bezeichnen.

Gegen diesen Vorwurf verwahre ich mich vehement, das Gegenteil ist richtig. Ich will unbedingt, dass alle Menschen frei entscheiden, wie sie unterwegs sein wollen. Denn sie wissen selbst am besten, wo sie hinmüssen und wie das am besten klappt. Aber sie sollten dafür die richtigen Signale bekommen und wissen, wie viele Schäden sie durch ihren Verkehr verursachen. Alle sollen eine faire Chance bekommen, um die immensen Kosten zu vermeiden, die der Autoverkehr nach sich zieht: Abgase, Lärm, Flächenverbrauch, Klimakosten.

Nach der Stadtratswahl 2019 könnte es mit der rot-rot-grünen Mehrheit vorbei sein. Was könnte das für die Verkehrspolitik in Dresden bedeuten?

Vielleicht sagt der neue Stadtrat wieder: Wir wollen den Autoverkehr ausbauen! Generell bin ich aber optimistisch: Wir können nicht die Städte so umbauen, dass sie autogerecht sind – die Erkenntnis gibt es in allen Ländern dieser Welt. Sie finden auch keinen Professor, der das ernsthaft infrage stellt. Weniger Autos helfen allen, übrigens auch den Autofahrern selbst, denn die kommen dann auch schneller an ihr Ziel.

Wer wirklich eine zukunftsfähige, lebenswerte Stadt will, muss die Bevorzugung des Autos einschränken.

Interview: Tobias Hoeflich