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Görlitz

Weniger Geflüchtete – weniger Arbeit?

Geflüchtete mit Bleiberecht brauchen Hilfe. Die ist aufwendig, kostet Zeit und Geld. Aber es führt kein Weg daran vorbei.

Diese drei Görlitzer haben in ihrer täglichen Arbeit mit Geflüchteten zu tun.
Diese drei Görlitzer haben in ihrer täglichen Arbeit mit Geflüchteten zu tun. © Nikolai Schmidt / Pawel Sosnowski / Montage: SZ

Sie flanieren wie andere durch die Stadt: Familien mit ausländischen Wurzeln. Ihre Kleidung, die Sprache und die Hautfarbe geben das zu erkennen. Derzeit leben im Landkreis Görlitz 1 123 Geflüchtete, davon 160 in Görlitz (Stand 31. März).

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Von Januar bis April kamen insgesamt 121 Personen in den Kreis, dazu 20 unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA). Das sind etwa 35 Personen im Monat. Im gleichen Vorjahreszeitraum wurden dem Landkreis rund 30 Menschen pro Monat zugeteilt – ein leichter Anstieg also. Insgesamt sind es viel weniger als vor drei Jahren. Heißt das nun, dass die mit der Integration der Flüchtlinge betrauten Einrichtungen und Personen weniger zu tun haben?

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Die SZ hörte sich um:

Beispiel DRK: Nicht weniger, sondern andere Arbeit.

Als 2018 die Betreuung der Flüchtlinge durch den Kreis ausgeschrieben wurde, bewarb sich der DRK-Kreisverband und erhielt den Zuschlag. Trotzdem waren nicht mehr alle Mitstreiter für die Flüchtlingsbetreuung nötig. „Ein Großteil von ihnen blieb dem DRK verbunden und arbeitet bei uns beispielsweise im Pflegedienst oder im Fahrdienst“, informiert Janet Schulz, Vorstand des DRK. Mehrere Personen arbeiten hauptberuflich in der Migrations- und Integrationsberatung.

Beispiel Caritas: Die Beratungszeit wurde aufgestockt, mehr wäre nötig.

„Görlitz ist wegen seiner Grenzlage schon lange ein Ort, an dem Menschen ein neues Leben begonnen haben“, sagt Alexander Enz. Er ist Migrationsberater bei der Caritas in Görlitz. Waren es vor Jahren noch vorwiegend Ratsuchende aus Polen und Russland, so kommen seit 2016 auch Menschen aus dem Nahen Osten, aus Afrika, Afghanistan zur Caritas. Damals konnten die Mitarbeiter nur den nötigsten Papierkram für die Flüchtlinge erledigen. Viel mehr war wegen des Ansturms nicht möglich. „Jetzt hat unsere Unterstützung eine ganz andere Qualität“, betont Alexander Enz. Es können andere Schwerpunkte gesetzt werden, wenn die Menschen wissen, dass sie hier ein Bleiberecht haben. 40 bis 60 Beratungen führen Enz und seine Kollegin Milena Manukyan wöchentlich durch, dafür stehen ihnen zusammen 40 Stunden zur Verfügung, vor Kurzem waren es noch 28. „Für detaillierte Konzepte zur individuellen Integration bleibt aber selten Zeit“, sagt Enz.

Beispiel Julia Schlüter: Die Themen der Unterstützung verändern sich.

„Die kulturellen Unterschiede sind groß, deshalb ist es wichtig, dass auch Flüchtlingsfrauen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen“, betont Julia Schlüter. Sie ist Koordinatorin für interkulturelle Kontakte und hat ein Frauenprojekt organisiert. Beratung haben die Frauen mit Bleiberecht in unterschiedlicher Intensität nötig, je nach Schicksal. „Manche brauchen Hilfen zur Erziehung von Kindern, andere Angebote für Sprachkurse und Bildung“, erläutert Julia Schlüter. Sobald ein Flüchtling als solcher anerkannt ist, hört die intensive Betreuung auf. „Aber gerade dann brauchen Flüchtlinge auf dem Weg zur eigenen Wohnung, in eine Arbeit, zur Ausbildung und überhaupt in unser System meist viel Hilfe“, sagt die Koordinatorin. „Die Inhalte unserer Unterstützung haben sich verändert.“

Beispiel Euro-Schulen: Projekt hilft bei Integration in Ausbildung und Arbeit

Die Euro-Schulen nehmen teil an einem Modellprogramm für Geflüchtete mit Bleiberecht. Unterstützung erhalten sie von Arbeitsmarktmentoren, die sie in Ausbildung oder Beschäftigung bringen wollen. Mit 120 Geflüchteten gibt es Vereinbarungen. Am Karriereplan wird gemeinsam gearbeitet. In Seminaren geht es um die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. „Je besser die Projektteilnehmer über die üblichen Anforderungen in Alltag und Arbeit Bescheid wissen, desto besser gelingt es ihnen, sich zu integrieren“, sagt Samar Gahmann, Arbeitsmarktmentorin bei den Euro-Schulen.

Mittlerweile treffen sich die drei Arbeitsmarktmentoren immer häufiger mit Unternehmern. „Viele haben lange nach neuen Mitarbeitern gesucht und ebenso lange niemanden gefunden“, erklärt Samar Gahmann. Jetzt würden sogar Geflüchtete in den Betrieb übernommen, wenn sie noch im Asylverfahren stecken. So groß ist in manchen Branchen der Mitarbeiterbedarf. Birgit Dippe, die Leiterin der Euro-Schulen, betont, dass man sich in der Region auf Migration einstellen müsse. Das erfordere Partner mit Kompetenz. Von deren Netzwerk könnten viele im Landkreis profitieren, so Frau Dippe. Weniger Arbeit mit Geflüchteten hat die Euro-Schule nicht, sie hat aber neue Ziele.

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