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Weniger Interesse an deutschen Sofas

Die große Zeit der Müllsammler aus Tschechien ist vorbei. Jiri aus Rumburk erklärt, warum. Und weshalb er doch wiederkommt.

Von Matthias Klaus

Kleiner Fisch. Irgendwann hatte Jiri diese beiden Worte gehört. Und gleich darauf festgestellt, das er damit gemeint war. „Ich weiß nicht mehr, ob es die deutsche Polizei war oder ein Anwohner. Jedenfalls sagten sie: Das ist ein kleiner Fisch, lasst ihn einfach gehen“, erzählt der Mann. Mitte 40 ist er, aus Tschechien. Jiri, der nicht Jiri heißt und auch nicht fotografiert werden möchte, gehört zu einer aussterbenden Art. Das sagt er selbst auf Deutsch, die Sprache, versetzt mit vielen „no“ und „nuja“ und dem unverkennbaren böhmischen Akzent. Sperrmüllsammler – so wird einer wie Jiri diesseits der Grenze genannt. Das Wort kennt der Mann aus Böhmen nicht. „Die deutsche Sprache ist doch ziemlich schwierig“, sagt er und ruckelt etwas ungeduldig an seinem Fahrrad. Denn eigentlich hat Jiri keine Zeit. Schon gar nicht über ein so schwieriges Thema mit einem deutschen Journalisten zu plaudern. „Die besten Zeiten sind eh vorbei.“ Jiri winkt ab. Gespräch am Grenzübergang, oder dem, was davon übrig ist, beendet.

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Dann setzt er sich auf sein Fahrrad, das schon bessere Jahre gesehen hat, und tritt kräftig in die Pedale. Jiri hat einen kleinen Anhänger an seinem Mobil, ein zweirädriger Wagen, Seitenwände aus Holz, kleine Fahrradreifen an den Seiten. „Selbst gebaut“, sagt Jiri über die Schulter. Er ist heute im Oberland bei Ebersbach-Neugersdorf unterwegs. Irgendwann macht er Pause auf dem Weg in die Dörfer ringsum. „In den 90ern, Anfang 2000, das war eine gute Zeit“, sagt Jiri. Die Deutschen hätten ihre Wohnungen ausgeräumt, alles, was aus dem Osten kam an die Straße gestellt, dafür neue Westware gekauft. „Dabei war doch gar nicht mal alles so schlecht“, findet Jiri. Heute allerdings habe sich auch sein Blick für das geändert, was die Nachbarn zum Abholen auf die Straße stellen. „Diese großen Fernseher  mit Röhre – die holen wir nicht mehr. Auch alte Kühlschränke sind für uns nicht mehr interessant“, schildert er. Jiri, so sagt er von sich selbst, sei kein professioneller Sperrmüllhändler. „Was mir gefällt, nehme ich eben mit“, sagt er. Er arbeite kleine Möbel auf, verschenke sie, nutze manches in seinem Haushalt. „Ich bin kein krankhafter Sammler. Mich ärgert nur, wenn etwas weggeworfen wird, dass eigentlich noch weiter zu verwenden wäre“, sagt er.

Allerdings: Was Jiri betreibt, ist illegal. Um die 20 Kilo Sperrmüll pro Einwohner fielen in den vergangenen Jahren jeweils im alten Kreis Löbau-Zittau an. Die Entsorgungsgesellschaft Görlitz, Löbau-Zittau (EGLZ) kümmert sich um den Abtransport von im früheren Altkreis und der heutigen Kreisstadt. Je nachdem, wie viel und wo Sperrmüll von den Bürgern angemeldet wird, stellt die EGLZ ihre Touren zusammen. Abfallsammler wie Jiri dürfen sich am Sperrmüll nicht vergreifen. „Das unbefugte Durchsuchen der Abfall- und Sammelbehälter oder der zur Abholung bereitgestellten Abfälle beziehungsweise das unbefugte Mitnehmen von Abfällen ist nicht gestattet“, heißt es im Behördendeutsch in der Abfallwirtschaftssatzung des Kreises. Das bedeutet: Wenn Jiri oder ein anderer Sammler etwas von den herausgestellten Müllhaufen mitnimmt, macht er sich strafbar. Eigentlich. Genau genommen handelt es sich um Diebstahl. Allerdings ist es schwierig, die Sammler zu ertappen.

„Normalerweise gehen wir sehr zeitig am Morgen los, so gegen drei oder vier Uhr“, sagt Jiri. Heute hatte das eine Panne an seinem Fahrrad verhindert. „Loch im Reifen“, erklärt Jiri lapidar. Er sei keiner, der ausschließlich den wiederverwertbaren Schrott aus deutschen Müllhaufen hervorkramt, betont der Mann aus Böhmen. „Sicherlich gibt es da professionelle Strukturen. Zu denen gehöre ich aber nicht“, sagt Jiri. Er verweist auf die Müllsammler aus dem Nachbarland Polen. Dort gebe es Experten, die sich ausschließlich auf Metalle spezialisiert hätten. „Aber das bringt heute auch nichts mehr ein. Denn die Deutschen werden ja nicht irgendetwas wegwerfen, für das sie im Heimatland Geld bekommen könnten“, sagt Jiri. Er bleibe lieber ein kleiner Fisch. Mit Möbeln, die er wieder auf Vordermann bringt und für kleines Geld verkauft. Oder verschenkt. Oder selbst behält.