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Dresden

Unsere Nachbarn, die Bauarbeiter

In Dresden-Naußlitz wohnen bis zu sechs Männer in 50-Quadratmeter-Wohnungen. Für die anderen Mieter des Hauses eine Belastung.

Die Bewohner haben selbst mehrsprachige Aushänge mit der Hausordnung an den Monteurwohnungen angebracht.
Die Bewohner haben selbst mehrsprachige Aushänge mit der Hausordnung an den Monteurwohnungen angebracht. © Marion Doering

Was passiert, wenn sich 30 erwachsene Männer fünf Zweiraumwohnungen teilen müssen, ist nicht schwer vorstellbar. Für die Bewohner eines Mietshauses in Naußlitz ist das seit fast zwei Jahren Alltag. Und Albtraum. „Wir sind fix und fertig, es ist der Horror“, berichten zwei Mieterinnen, die ihren Namen nicht nennen wollen, aus Angst vor denjenigen, die diese fünf Wohnungen an Arbeiter aus dem Ausland vermieten. „Dass Stress programmiert ist, wenn sechs Männer auf 50 Quadratmeter wochenlang zusammen leben müssen, ist klar“, erklären die Frauen. „Das liegt in der Verantwortung von den Leuten, die den Bauarbeitern diese Unterkünfte anbieten.“

Dann berichten die Mieterinnen, eine von ihnen ist Mutter von drei Kindern, wie der Alltag in ihrem Wohnhaus aussieht. „Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als die ersten Männer hier ankamen.“ Eine Menschentraube habe im Hof vor der Haustür gestanden, die Männer hätten geraucht, Schnapsflaschen die Runde gemacht. „Ich war zunächst überrascht, wir wurden vorher ja nicht darüber informiert, dass sie einziehen.“ Warum auch, könnte man meinen, schließlich ist das bei einem anderen neuen Mieter sonst auch nicht der Fall. Doch was sich seitdem im Hausflur, im Waschkeller, im Garten im Hinterhof und in den fünf Wohnungen abspielt, sei mit einem normalen Mietshaus nicht vergleichbar, so die Frau weiter.

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Der SZ liegen mehrere Fotos vor, die belegen: Die Männer sitzen in großen Gruppen im Hof, sind zum Teil nur mit Unterhose bekleidet, sie rauchen und trinken, auf einem Bild ist ein Mann zu sehen, der sich hinter dem Haus im Gras hockend entleert. „Sie sitzen auch an den Fenstern, werfen ihre Zigaretten einfach hinunter.“ An den Wochenenden gebe es regelrechte Saufgelage. „Dann ist es besonders schlimm.“

Was die Frauen ebenfalls als übergriffig empfinden: Einige der Männer benutzten damals einfach die Waschmaschinen der anderen Mieter. „Klar, sie hatten ja keine eigenen, die wurden erst viel später aufgestellt.“ Irgendwann habe dann plötzlich ein Zettel im Hausflur gehangen, der die anderen Mieter beruhigen sollte. „Die Handwerker in den überbesetzten Wohnungen werden am 18. August 2017 aus den Wohnungen ausziehen.“ Bei Problemen oder Fragen könnten sich die anderen Hausbewohner bei der Vermieterin – sie ist der SZ namentlich bekannt – melden, darunter eine Handynummer. „Wir haben mehrmals angerufen und uns beschwert, haben erklärt, dass wir Angst vor den vielen Männern haben, auch wenn sie uns nichts tun.“ Auf Anfrage der SZ sagt die Vermieterin nur, dass sie sich zur Wohnsituation in dem Naußlitzer Mietshaus nicht äußern wolle.

Trotz der zahlreichen Anrufe und Beschwerden der Bewohner habe sich die Situation nicht gebessert. Zwar seien die ersten Männer damals irgendwann ausgezogen, doch es kamen immer wieder neue – und es waren nicht weniger, obwohl die Vermieterin auf dem Zettel selbst von überbesetzten Wohnungen schreibt. Ein weiteres Problem wird erst ein Jahr, nachdem die ersten Bauarbeiter im Haus auftauchten, gelöst. Die Vermieterin ließ eine zusätzliche Mülltonne aufstellen. Bis dahin waren die Tonnen ständig überfüllt, die Kosten für die Entsorgung stiegen immens, berichten die Mieterinnen. 

Nach und nach versuchen sie, die Zustände im Haus selbst zu verbessern: Sie fertigen mehrsprachige Aushänge an, die sie an den Monteurwohnungen anbringen. Dort erklären sie unter anderem, wie der Müll richtig getrennt wird. Später gibt es zumindest eine Schlüsselbox – bis dahin sei es immer wieder vorgekommen, dass die Männer ihre eigene Wohnungstür eingetreten haben, weil sie keinen Schlüssel bei sich hatten. „Einiges war früher schlimmer“, räumt eine Bewohnerin ein. „Aber es bleibt das Grundproblem, dass es sehr viele Männer sind und dass es ständig laut ist.“

Am Anfang hätten sie oft die Polizei verständigt, dann kamen Beamte und versuchten, für Ruhe zu sorgen. Das bestätigt auch Polizeisprecher Lukas Reumund. So habe es 2018 zwei Einsätze gegeben, einen wegen eines lautstarken Streits, bei dem die Beamten dann schlichtend eingriffen. „Es ist eben auch sehr problematisch, dass die Männer aus verschiedenen Ländern kommen.“ Eine Mieterin zählt sechs Nationalitäten auf – es sind alles osteuropäische.

Polizeisprecher Lukas Reumund bestätigt auch, dass zwei Anzeigen aufgenommen wurden: wegen Einbruchs und Diebstahls. Damals verschwand eine Waschmaschine. Auch in diesem Jahr wurden die Beamten zweimal informiert, dass es Lärm gibt, allerdings hätten sie in einem Fall keinen feststellen können. Zweimal seien die Beschwerden wegen Lärms „zuständigkeitshalber“ an das Ordnungsamt weitergegeben worden. Der Polizeisprecher rät, falls der Kontakt zum Vermieter nichts bringt, ein Lärmprotokoll mit genauen Daten anzufertigen, das von den Mietern unterschrieben und mit einer Anzeige an das Ordnungsamt gegeben wird. „Nichtsdestotrotz können sich die Betroffenen in der Nacht an das zuständige Revier wenden.“

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Dem Sozialamt seien an dieser Adresse keine aktiven Fälle bekannt, teilt das Rathaus mit. Bei Problemen könnten sich Mieter an einen Anwalt, den Mieterverein oder die Verbraucherzentrale wenden. Ein Tipp der Verwaltung: „Eine allgemeine anwaltliche Beratung wird von der Rechtsanwaltskammer Sachsen in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium kostenfrei angeboten.“ Zur Überbelegung der Wohnungen teilt die Bauaufsicht mit: „Es gibt dazu keine Vorschriften.“ Das Ordnungsamt bestätigt, dass es einen Vor-Ort-Termin mit der Bauaufsicht gab, um zu prüfen, ob die Vermietung rechtens ist. Dabei wurde lediglich festgestellt, dass „derzeitig keine gewerberechtlichen Maßnahmen erforderlich sind.“ Die anderen Mieter fühlen sich hilflos, sagen sie. Auch über einen Umzug hätten sie nachgedacht. Mit Blick auf den Wohnungsmarkt sei das aber schwierig.

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