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Wenn Ärzte auswandern

In Tschechiens Grenzregion gibt es immer größere Nachwuchssorgen bei Medizinern. Nur in Hradek ist die Lage gut.

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Von Katja Zimmermann

Wie in der Oberlausitz, so auch in Tschechien: Die Ärzteversorgung im Schluckenauer Zipfel beginnt schwierig zu werden. Das schrieb kürzlich die Zeitung Deník. Wenn dort ein Arzt in Rente ginge, finde er nur selten einen Nachfolger. Ein Drittel der Mediziner habe schon das Rentenalter erreicht, in fünf Jahren soll das auf mehr als 70 Prozent der Zahnärzte dort zutreffen. Nicht auszudenken, wenn die plötzlich ihre Praxen schlössen. Die SZ fasst zusammen, wie die Ärzteversorgung in Tschechien unmittelbar entlang der Grenze zwischen Rumburk (Rumburg) und Hrádek (Grottau) funktioniert.

Wie das tschechische Gesundheitssystem funktioniert und was bezahlt wird

Im Schluckenauer Zipfel gibt es nur das Krankenhaus in Rumburk, das sowohl akute Fälle behandelt als auch ambulante und stationäre Behandlung anbietet. Lucie Dosedelová, Sprecherin des Bezirks Usti, schilderte auf SZ-Anfrage, wie das tschechische Gesundheitssystem funktioniert: „In akuten Fällen gilt, dass sich ein Krankenhaus oder ein Arzt ohne Überweisung besuchen lässt.“ In Tschechien habe der Patient freie Auswahl, was den Gesundheitsdienstanbieter betrifft. „Deswegen können die Einwohner im Schluckenauer Zipfel auch Krankenhäuser in anderen Bezirken nutzen, zum Beispiel in Ceská Lípa (Böhmisch Leipa) und Liberec (Reichenberg), die schon zum benachbarten Liberecer Bezirk gehören, oder in Praha (Prag)“, so die Sprecherin. Inwieweit tschechische Patienten die Dienste deutscher Krankenhäuser in Anspruch nehmen, könne sie nicht sagen.

In lebensbedrohlichen Fällen stünde der Rettungsdienst des Bezirks zur Verfügung, der in Decín (Tetschen), Ceská Kamenice (Böhmisch Kamnitz), Rumburk und in dem westlich von Sluknov (Schluckenau) gelegenen Velký Senov (Groß Schönau) stationiert ist. Je nach Schwere des Falls werden die Patienten in die Krankenhäuser von Rumburk, Decín oder Ústí nad Labem (Aussig) – in letzterem gibt es auch Flugrettung – gebracht.

Im vergangenen Jahr wurden die Regulationsgebühren für den Tag der Hospitalisierung aufgehoben“, sagt Stepánka Cechová vom tschechischen Gesundheitsministerium. Seit diesem Jahr müssen auch keine Untersuchungsgebühren von 30 Kronen bezahlt werden. Nur wer sich in der Notaufnahme behandeln lässt, zahle dafür nach wie vor 90 Kronen (etwa 3,30 Euro). In Tschechien obliegt das Netz der Gesundheitsdienstanbieter den Krankenkassen.

Warum tschechische Mediziner nach der Promotion ins Ausland gehen

Im Schluckenauer Zipfel gibt es laut Lucie Dosedelová etwa zehn niedergelassene Ärzte für Erwachsene, neun Kinder-, vier Frauen- und acht Zahnärzte. Allerdings würden viele Bürger in großen Städten arbeiten und auch die Dienste der Decíner Ärzte und Krankenhäuser nutzen, so die Sprecherin. In Zittaus Nachbarstadt Hrádek (Grottau) gibt es laut der Kinder- und Jugendärztin MU Dr. Eva Bucková unter anderem drei Allgemeinmediziner und zwei Kinder- und Jugendärzte, die auch neue Patienten aufnehmen. Deutsche Patienten behandelt Eva Bucková nur bei akuten, in Tschechien auftretenden Notfällen.

Tschechischer Ärzte-Nachwuchs will nicht in Kliniken auf dem Land

Der Mangel an Krankenhausärzten betreffe nicht nur den Schluckenauer Zipfel, sondern das ganze Land, vermutet Dosedelová. In Grenzgebieten wie dem Bezirk Usti sei die Situation deshalb noch schwieriger, weil eine Reihe junger Ärzte nach Deutschland gehe. Die Hrádeker Ärztin Eva Bucková weiß, dass im vergangenen Jahr 1050 neue Ärzte in Tschechien ihr Studium abgeschlossen haben und 199 von ihnen gleich nach der Promotion ins Ausland gegangen sind. Das Einstiegsgehalt eines Arztes im tschechischen Krankenhaus liege bei 22 000 Kronen (etwa 800 Euro), in Deutschland bei knapp 4 000 Euro. Darüber hinaus sei die Spezialisierung in Tschechien langwierig und kompliziert. „Die Ärzte-Emigration ist die Folge des Unterschieds im Gehalt und den Chancen“, schlussfolgert die Medizinerin.

Warum auch niedergelassene Ärzte

vor Nachwuchs-Problemen stehen

Ähnlich sieht das Nachwuchsproblem bei den niedergelassenen Ärzten aus: „Es ist wichtig, dass sie aktiv einen Ersatz für sich suchen“, so Lucie Dosedelová. Junge Ärzte würden sich scheuen, außerhalb der großen Zentren zu arbeiten. Für ein Gebiet wie den Schluckenauer Zipfel könne es deshalb ein Problem sein, neue Ärzte zu gewinnen. Die Hrádeker Ärztin Eva Bucková nimmt an, dass der Mangel an niedergelassenen Ärzten darauf zurückzuführen ist, dass das Geld der Krankenversicherungen vor allem in die Krankenhäuser fließe. Dort erhöhten sich die Vergütungen und die Gehälter der Ärzte, währenddessen die Vergütungen in der Grundversorgung schon seit einigen Jahren stagnierten.

Das Durchschnittsgehalt eines Arztes im Krankenhaus liege bei 60 000 Kronen (etwa 2 200 Euro), bei älteren, erfahrenen Medizinern sei es noch höher. Diese Beträge erreiche ein niedergelassener Arzt nur schwer. Dazu müsse er noch Hausbesuche im Umkreis von 30 Kilometern gewährleisten. In vielen unerwarteten Situationen müsse er selbst entscheiden und habe auch keine diagnostischen Möglichkeiten. „Für alle Untersuchungen muss er die Patienten in Dutzende Kilometer entfernte Einrichtungen schicken.“

Wie der Bezirk Ústí die Situation mit Studenten der Karls-Universität lösen will

Der Bezirk Usti hat laut eigener Angabe indes nicht viele Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen. Er werde jedoch mit der Bezirksgesundheitsgesellschaft, die fünf Kliniken im Bezirk verwaltet, eine Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät der Karls-Universität Prag angehen, was die Ausbildung der Studenten in den Bezirkskrankenhäusern betrifft. Außerdem schreibe der Bezirk Usti ein Stipendienprogramm für Hochschulstudenten aus, um junge Ärzte zu gewinnen. Örtliche Verwaltungen müssten mit eingebunden werden“, so Lucie Dosedelová. In Hrádek indes scheint die Situation nicht so prekär zu sein. Eva Bucková verweist auf die gute wirtschaftliche Situation der Region. Es gebe viele Arbeitsmöglichkeiten im Gewerbegebiet und eine gute Verkehrsanbindung, die die Fahrt nach Liberec nur 15 Minuten dauern lasse. Außerdem versuche die Verwaltung, den Ärzten entgegenzukommen, indem sie ihnen die Praxen vermiete.

Über ihren Nachfolger muss sich die 49-Jährige zum Glück noch keine Gedanken machen. Das dauere noch etwa 15 Jahre, sagt sie. Falls sich ihre Tochter aber für ein Medizinstudium entscheide, würde sie ihr unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht zu einer niedergelassenen Arzttätigkeit raten.

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