merken
PLUS Leben und Stil

Wenn alle so reden würden, wie sie im Netz schreiben

Bei der Kommunikation im Internet geht oft die gute Kinderstube verloren. Eine Lösung liegt im Perspektivwechsel. Aus der Kolumne "Mimik.Macht.Meinung". 

Robert Körner ist Kommunikationscoach aus Pirna. Er schult, mimische Signale zu entschlüsseln und Persönlichkeitstypen zu identifizieren.
Robert Körner ist Kommunikationscoach aus Pirna. Er schult, mimische Signale zu entschlüsseln und Persönlichkeitstypen zu identifizieren. © Sven Ellger

Das Internet und seine Kommentarspalten sind ein Quell der Freude – insofern man Masochismus zu seinen bevorzugten Hobbys zählt. Was sich da abspielt, kann gut und gerne als Bodensatz geistiger Auswürfe bezeichnet werden. Eine Meisterleistung menschlicher Ignoranz. Die moderne Möglichkeit, Ideen und Argumente bei verschiedenen Themen reflektiert einzubringen, fällt dem Drang nach Geltungsbewusstsein, Meinungshoheit und Rachegelüsten zum Opfer. Da streift sich die lang anerzogene Kinderstube den Mantel der moralischen Wurstigkeit über. Schnurstraks benehmen sich die Akteure wieder wie Dreijährige, denen das Vesper vom Nachbarsjungen geklaut wurde.

Schaut man genauer hin, dann lassen sich verschiedene Kommentartypen auf den diversen Nachrichtenportalen erkennen. Ein Teil argumentiert sachlich, debattiert oder zeigt bei Schreckensmeldungen Mitgefühl – aber dafür wurden die Kommentarfunktionen anscheinend gar nicht gemacht! Der Anonymität im Netz sei Dank, dass man sich online nach Herzenslust auskotzen kann, ohne dabei jemanden in die Augen schauen zu müssen. Und genau da liegt ein Kernproblem bei der Kommunikation im Netz.

TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen

Was ist los in Sachsen und Umland? Wo gibt es was zu erleben? Unsere Top-Veranstaltungen der Woche!

Man stelle sich folgendes Gespräch mal in der Öffentlichkeit vor. Sagen wir in einem Café: Ursula von der Leyen tritt als Verteidigungsministerin zurück. Die Meldung ploppt als Schlagzeile auf dem Fernseher an der Wand auf. Kathi K. saß bis eben noch gemütlich Kaffee schlürfend am Nachbartisch von Thomas U., als sich ein Gespräch zwischen den beiden Unbekannten anbahnt: Mit „Na endlich! Ich höre schon Salutschüsse aus der Kaserne nebenan!“, eröffnet er den Dialog. Kathi entgegnet: „Ich finde von der Leyen prima und wünsche ihr alles Gute!“ Die meisten Gespräche unter Unbekannten in der Öffentlichkeit wären jetzt vorbei. Zu tief sind die Meinungsgräben. Womöglich würde einer der beiden kurz die Augen verleiern und das Kennenlernen wäre beendet.

Nicht so im Internet. Hier geht es jetzt erst richtig ab. „Du bist doch auf der Wurstsuppe hergeschwommen, informiere dich mal über die Flintenuschi!!!!“, gibt Thomas online entgeistert von sich. Kathi checkt in der Zwischenzeit das Profil des Herrn und schießt zurück: „Naja, von arbeitslosen Möchtegerns mit Bauchtasche auf dem Profilbild ist nicht mehr zu erwarten!“ Daraufhin Thomas: „Mach mal dein Philosophiestudium. Für’n Taxischein könnte es sogar bei dir reichen!“ Binnen kürzester Zeit eskalieren Kommentarspalten mit dem immer gleichen Ergebnis: Wüste Beleidigungen auf ganzer Spur.

Liegt es daran, dass die Kommunikation im Netz limitiert ist, oder dass man sich hinter Fake-Accounts beziehungsweise „Nicknames“ verstecken kann? Was definitiv fehlt, ist die nonverbale Kommunikation. Gepaart mit der gefühlten Anonymität und einer ordentlichen Prise an Vorurteilen entsteht so ein explosives Gemisch. Sach- und Beziehungsebene können schnell verwechselt oder plumpe Scherze als Angriffe verstanden werden.

Was das Internet anbelangt, befinden wir uns entwicklungstechnisch immer noch auf Kleinkindniveau. Eine Lösung liegt im Perspektivwechsel: Würde man sich im persönlichen Aufeinandertreffen ähnlich begegnen? Das bezweifle ich. Erst denken, dann tippen. Ein gutes Miteinander beginnt bei jedem selbst.

Mehr zum Thema Leben und Stil