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Wenn aus Eddy abends Frederick wird

Dieses Wochenende noch ist der Zirkus Aeros in Weißwasser zu erleben. Die SZ hat die Künstler vor und nach der Vorstellung besucht.

© André Schulze

Von Enrico Rein

Ganz großes Gelächter. Eddy mal wieder. Putzig wirkt der Clown. Und so richtig tollpatschig, wie es sich gehört. Die Kinder im Zirkuszelt sind begeistert, wenn er scherzt, spielt, springt und für beste Stimmung sorgt. Die Gäste im Zirkus Aeros sehen eine perfekte Show mit perfekten Masken. Es sind genau kalkulierte Ahs und Ohs, die den Zuschauern entlockt werden. Alles läuft perfekt. Der geheimnisvolle Don Ricardo und seine schwarzen Pferde drehen noch ihre letzten Runden. Ein Trompeter spielt plötzlich eher ruhige Töne. Der Chef der Manege dankt zum Abschluss dem Publikum und hofft, dass die Leute ein paar schöne Momente des Abends mit nach Hause nehmen. Können sie. Und die ganz Begeisterten können noch einige Runden auf den Ponys in der Manege drehen. Danach leert sich das Zelt. Die Musik ist aus. Feierabend? Nicht beim Zirkus. Das ist pure Lebenskultur, 24 Stunden am Tag. Und doch stellt sich die Frage, was passiert eigentlich nach der Show?

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Nach einer viertel Stunde suche ich Eddy, der als Clown die Leute in der Show zum Lachen bringt. Ohne Maske und im Tiergehege finde ich den kräftigen Mann. Er wirkt jetzt eher wie ein Gewichtheber, steht neben einem Zebra, das in der Show noch nicht zum Einsatz kommt. „Wir haben unsere Leute, die immer bei den Tieren sind und nach dem rechten schauen“, sagt Clown Eddy, der eigentlich Frederick Brumbach heißt. „Ich habe hier ein junges Zebra stehen, und nehme mir nach jeder Show Zeit, es weiter zu zähmen und an die Gestelle zu gewöhnen.“

Die Sonne geht unter und es duftet nach Gegrilltem. Eddy erklärt mir, dass es im Zirkus Aeros nach der letzten Show am Tage eher selten das Feierabendbier gibt. Einige gehen auch gleich wieder ins große Zelt und proben ihre nächsten Stücke. „Wir müssen unsere Augen überall haben, sie sehen ja, dass wir kaum Zäune verwenden. Es gibt manchmal Leute, die lassen die Tiere frei“, erklärt Eddy. Ob das Blödsinn oder Absicht ist, weiß er nicht. Fest steht, das Bier fällt aus zum Abschluss des Tages. Gemeinsam gehen wir zum Grill, wo es schon brutzelt. Die Tiere sind bereits gefüttert. Es wird ruhig im Freizeitpark in Weißwasser. Fünfzig Fahrzeuge, darunter großräumige Wohnwagen, beherbergen fünfzig Menschen. Aufgestellte Gehege und Koppeln stehen für fünfzig Tiere bereit. Alles zusammen eine große Zirkusfamilie.

Grillmeister Marco spielt in der Show das Schlagzeug in der Zirkuskapelle. Neunzig Minuten querbeet durch viele Songs, die in der Manege den Rhythmus drunterlegen. Er ist aber auch ein Bastler, „wenn hier mal irgendwas kaputt geht an den Wagen oder Zugmaschinen, bin ich zur Stelle“. Nach der Show legt er sich gerne in sein Wohnmobil und schaut fern, um runter zu kommen, die Aufregung hinter sich zu lassen. Eddys Bruder Ronny hat auch eine Gewichtheberfigur. Doch er ist der Orgelspieler. Nach dem Essen setzt er sich noch an sein Keyboard im Wagen, nutzt die Kopfhörer und übt weitere Stücke, um seine Finger locker zu halten. Die Kopfhörer sind für seine Frau, erklärt er mit einem Lächeln. Die brauche eben auch Ruhe.

Das ganze Jahr unterwegs, mehr als 300 Shows, Sommer wie Winter, lassen das Zirkusleben nicht gerade einfach aussehen. Eddy denkt laut über sein Leben nach. Es gefällt ihm. Vielleicht helfen dabei das leckere Steak und die gute Show an diesem Tag. Auch sonst geht es gerade allen gut. Die Tiere schlafen immer im Freien und werden lediglich für den Transport in den nächsten Auftrittsort verladen. Sie sind überall meist zuerst da. Sonntag und Montag sind die anstrengendsten Tage, wenn der Zirkus weiter zieht. „Wenn wir bereits eine Woche irgendwo sind, willst du meistens schon wieder weiter“, sagt Eddy. Das liegt ihm im Blut, da er aus einer alten Zirkusfamilie stammt.

Großzügige Gesprächspausen durchziehen das Abendessen. Ganz ruhig und still genießen die Zirkusleute die Zeit außerhalb der Manege. „Weißt du, im Zirkus gibt es nichts, was schon mal da gewesen ist“, sagt Eddy. Jede Show ist anders. Und die Zeiten ändern sich. „Wer den größten Artisten der Welt sehen will, für den reicht heute ein Mausklick“, sagt Eddy etwas melancholisch. Doch das Staunen, und sich dabei aus dem tristen Alltag zu bewegen, echte Artistik von Mensch und Tier zu erleben, ist für ihn auch ein Kulturgut. „Im Zelt in der Manege zu stehen, und die Luft zu riechen, die Kapelle im Rücken, der Scheinwerfer von vorn und der Applaus der Leute, das ist mein schönster Lohn“, sagt Eddy. Es klingt absolut ehrlich und aus tiefstem Herzen. Eddy der Clown ist echt. Aber es gibt ein Leben außerhalb der Manege. Da ist der Pferdedompteur später Schlagzeuger und vor oder nach der Show auch Lkw-Schlosser. Die Aufgaben sind klar verteilt. Frauen für den Haushalt, Männer für den Rest. Dreimal in der Woche schaut ein Privatlehrer am Stellplatz vorbei und gibt Unterricht. Anders geht es nicht. Und: „Wir sind auch nicht alleine, in Deutschland gibt es etwa 500 Zirkustruppen, man kommt sich aber kaum ins Gehege“, sagt Eddy. Sie planen ihre Tourneepunkte vier Wochen im Voraus. Neukirch steht als nächstes Ziel fest, mehr noch nicht. Zirkusleben eben.