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Wenn Bäume malen

In Königshain bei Görlitz ist einer der schönsten Parks der Oberlausitz zu besichtigen. Er inspiriert sogar moderne Künstler.

Vorn sieht man den fast wilden Englischen Garten, der an den Barockpark des Schlosses Königshain anschließt. Das Besondere ist, dass auf dem Gelände auch noch das Renaissanceschloss (hinten Mitte) und der Steinstock (hinten rechts) erhalten sind.
Vorn sieht man den fast wilden Englischen Garten, der an den Barockpark des Schlosses Königshain anschließt. Das Besondere ist, dass auf dem Gelände auch noch das Renaissanceschloss (hinten Mitte) und der Steinstock (hinten rechts) erhalten sind. © Ronald Bonß

Wer einen Park plant, muss in die Zukunft blicken können. Das Ergebnis aller Arbeit zeigt sich mitunter erst nach zig, manchmal nach Hunderten von Jahren. Ebenso rätselhaft ist für die Nachfahren oft das, was sich die Planer der Anlage einst gedacht haben. So wie im Schlosspark Königshain bei Görlitz, ein Kleinod mit bewegter Geschichte, die man beim Streifzug durch die Parkanlage erst nach und nach durchdringt.

Joachim Mühle hilft dabei. Beherzten Schrittes führt er die Schlosstreppe hinab und in den Barockgarten hinein. Mühle ist Vorstand der Stiftung für Kunst und Kultur in der Oberlausitz und kümmert sich mit aller Inbrunst um das Schloss und den zugehörigen Park. Wie durch den eigenen Garten führt er über Wege und Rasenflächen, er kennt jede Stufe und weiß um jeden durch Trockenheit schwächelnden Rhododendron. Wenn er von dem Erbauer dieses Schlosses berichtet, klingt es, als spräche er von einem alten Freund.

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Carl Adolph Gottlob von Schachmann ist es zu verdanken, dass hier, neun Kilometer von Görlitz entfernt, eine der schönsten Schlossanlagen der Oberlausitz zu finden ist. Der Gutsherr baute das Barockschloss zwischen 1764 und 1766 im französischen Stil, aber mit typisch sächsischem Einschlag: klein und fast bescheiden. Auch der Park, der sich um das Schloss schmiegt, wirkt geradezu niedlich. Von wegen protziger Barock – hier wollten die Besitzer ein Anwesen, das sich in die Landschaft unweit der Königshainer Berge einfügt.

Akribisch geplante Sichtachsen

Spaziert man durch den Park, ahnt man noch nicht das Ausmaß der Perfektion, die Schachmann anstrebte – dies erschließt sich erst in der Galerie im ersten Stock des Schlosses. Joachim Mühle weist auf die Fenster: An gewissen Punkten im Schloss kann man in alle vier Himmelsrichtungen durch Fenster in die Weite blicken, ergeben sich akribisch geplante Sichtachsen. Manche wurden durch die Zeit verwaschen: Ein Pavillon wird von Obstbäumen verdeckt, eigentlich ergäbe er den ersten Fluchtpunkt. Kombiniert mit einer Allee aus Japanischen Kirschen und der Pferdeschwemme, in der einst Tiere und Kutschen gewaschen wurden, entsteht bis zur Vorderseite des Schlosses eine beeindruckende Flucht. Wendet man sich in der Galerie um 180 Grad, fällt der Blick auf den Garten, der barocktypisch geometrisch angelegt wurde und den Blick eröffnen würde auf die Kirche von Königshain – allerdings verdecken heute Bäume den Blick. „In 250 Jahren wächst eben einiges zu“, sagt Mühle. 

Tatsächlich ist der Königshainer Schlosspark kein reiner Barockgarten. Ist man an den derzeit leeren Wasserbecken vorbeispaziert, kommt die Wildnis. Hier stehen uralte Bäume, wuchert das Gras, rankt der Efeu. Viel wissen wir heute nicht über die ursprüngliche Gartenplanung, aber es ist zu vermuten, dass Schachmann diesen Kontrast bewusst gewählt hat: Er kombinierte barocken und Englischen Garten, das Strenge wechselt sich ab mit dem Naturbelassenen. Die Entscheidung für die Kombination der beiden Stile führt Joachim Mühle auf das Kunstinteresse Schachmanns zurück. Er und seine Frau waren umfassend gebildet, Schachmann reiste viel und interessierte sich als Kunstsammler und Maler brennend für Kultur. Es ist zu vermuten, dass die Eindrücke dieser Bildungsreisen durch ganz Europa in die Schloss- und Gartenplanung der Schachmanns einflossen.

Einer holt die Kunst ins Schloss, einer macht sie: Joachim Mühle (l.) und Jens Rausch.
Einer holt die Kunst ins Schloss, einer macht sie: Joachim Mühle (l.) und Jens Rausch. © Ronald Bonß

Wie sich die Natur wandelt beim Übergang von einem in den anderen Parkteil, so verändert sich auch der Schritt der Besucher. Eben schritt Joachim Mühle noch vorsichtig, fast demütig die Wege entlang, jetzt stapft er durch das hohe Gras. Linden und Platanen lösen die Hainbuchenhecken ab. Zwei Kriegsgräberstätten befinden sich hier im hinteren Teil des Gartens, der frei zugängig ist. Familien und Kindergartengruppen nutzen den Park als Ausflugsort – noch mehr Kinder waren es zu DDR-Zeiten, als das Schloss als Schule genutzt wurde.

Das prachtvolle Königshainer Schloss steht nicht allein in der Landschaft herum. Nach wie vor sind seine Vorgänger in direkter Nachbarschaft erhalten: Der Steinstock, ein ehemaliger mittelalterlicher Wohnturm, ist eins der ältesten Gebäude in der Oberlausitz, er stammt aus dem 13. Jahrhundert. Um 1540 entstand das Renaissanceschloss als Gutshaus des Kaufmanns Hans Frenzel. Es brannte 1668 ab und wurde 1680 neu errichtet. Der Bau des Barockschlosses nebenan begann dann 1764, ein Jahr nach dem Siebenjährigen Krieg – „Der Bau war eine konjunkturfördernde Maßnahme“, glaubt Joachim Mühle, die hiesige Wirtschaft sollte angekurbelt werden. 

Wieder Platz für Kunst

Überhaupt habe Schachmann vieles in der Region bewirkt: 1779 schaffte er die Frondienste der Bauern ab und setzte sie „auf Dienstgeld“, damit sie ihren eigenen Hof bewirtschaften konnten, ein reformierender Ansatz in Zeiten der Aufklärung. Dies lässt es noch logischer wirken, dass Schachmann in seinem Garten Raum für Natur ließ, für Freiheit – und für Kunst. Leider sind keine Möbel oder Gemälde aus dieser Zeit erhalten, doch Schachmann und seine Frau waren bekannt für ihren erlesenen Kunstgeschmack. Die Wände des Schlosses muss man sich vorstellen voller Gemälde.

Platz für Kunst ist auch jetzt wieder: Nachdem das Schloss nach der Wende eine Sanierung erhielt, wurde es zum Museum. Aber wird das einem aufklärerischen Erbauer gerecht? Nicht wirklich, fand Joachim Mühle. Darum lädt er mit der Stiftung für Kunst und Kultur in der Oberlausitz seit einigen Jahren zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler zu Residenzen ein. Derzeit sind im Schloss Bilder und Skulpturen des Künstlers Jens Rausch ausgestellt. Parallel arbeitet er für einen Monat in einem Nebengebäude an neuen Werken. Inspiriert wird er durch die Landschaft – und auch durch den Park, die verschiedenen Farbtönungen der Bäume. „Die Bäume malen“, sagt Rausch, während er mit Joachim Mühle durch den Park läuft. Ob der Erbauer das geahnt hatte? Das wird ein Rätsel bleiben.

Schloss Königshain: Dorfstraße 29, 02829 Königshain, der Park ist öffentlich zugängig. Ausstellung „Echo“ noch bis 6.9., geöffnet Di.–Do. 11–15 Uhr, Sa.+So. 14–17 Uhr.

Dieser Text ist Teil unserer Sommerserie Grüne Oasen: Sachsens Parks und Gärten.

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