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Wenn das der alte Friese wüsste

Oberottendorf. Mit einer ausgebauten Scheune für historische Feuerwehrtechnik wächst dasGemeindezentrum.

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Von Heike Sabel

Bei der Feuerwehr ist Tempo gefragt. Und was die Mannen beim Löschen gelernt haben, stellen sie auch sonst unter Beweis. Binnen einer Woche wurde im Januar aus einer Idee Realität. Nun stehen die ersten Fahrzeuge in der künftigen Vereinsscheune.

Damit nimmt das als Gemeindezentrum vorgesehene Areal weiter Gestalt an. Kellerclub und Mehrzweckgebäude bilden schon seit Jahren den Kern. Das Gerätehaus als Anbau an die Turnhalle ist schon geplant. Damit befinden sich dann Vergangenheit und Gegenwart in Zukunft unmittelbar nebeneinander. Denn gegenüber wurde der erste Teil der alten Scheune von den Feuerwehrleuten und vielen fleißigen Helfern im vergangenen halben Jahr ausgebaut. Schutt und Dreck wurden rausgeräumt, Tore erneuert, die Wände abgehackt, der Boden geebnet.

Eine Leiter, die berühmte Spritze und ein Kommandowagen stehen schon hier. Kübelspritzen, Eimer und „jede Menge Kleinzeug“ sollen folgen, sagt Werner Unger, der amtierende Feuerwehrvereinschef. Von Museum will keiner reden. Dafür ist es ihnen eine Nummer zu klein. Dennoch leuchten ihre Augen, wenn sie erzählen.

Die Spritze von 1857 ist nach seinem Erbauer, dem Bauern Gottlob August Friese, benannt. G ebaut wurde die Spritze für Obersteina. Doch sie blieb bei Friese. Die Jahre vergingen, die Spritze geriet in Vergessenheit. Die Technik machte Fortschritte. Tröppelnde Löscheimer aus Leinen waren nicht mehr gefragt. Bis nach 1945 stand die Spritze bei Bauer Schönert, erzählt Günter Marx. Der verwendete sie zum Gießen. 1950 entdeckten die Feuerwehrmänner Friedrich Lehmann und Walter Sauer das gute Stück. Sie kam bei Festumzügen und kleineren Einsätzen zu Ehren. Doch dann verschwand sie in der Bedeutungslosigkeit. Kupfer- und Messingteile wurden abgebaut, langsam faulte sie vor sich hin. 1973 wurde sie zwar vor dem totalen Verfall gerettet, mehr passierte aber auch nicht.

1983 schlug dann die große Stunde der alten Spritze. In mehr als 630 Stunden machten die Feuerwehrleute wieder ein Schmuckstück aus ihr. Wie sie damals an das Kupfer, Messing und Buntmetall kamen, sei manchmal schon „kriminell“ gewesen. Aber so war es eben damals, schmunzeln die Männer. Liebevoll streicht Johannes Adler über die hölzernen Räder.

Zum 650-jährigen Stadtjubiläum von Neustadt wurde die neue alte Friesenspritze erstmals vorgeführt. Seitdem heimst sie überall Beifall und Lorbeeren ein. 1991 glänzte sie bei einem bundesweiten Treffen und setzte sich in Riesa gegen 15 andere alte Geräte durch. „Unsere wurde als am originalgetreuesten eingeschätzt“, sind die Männer noch heute stolz.

In zwei Jahren wird gefeiert

Genau wie auf ihren P3. Das rote Auto mit der Nummer PIR-FW73H, das H steht für „Historisch“, war in seinem ersten Leben ein Kommandofahrzeug der Nationalen Volksarmee. Das Geräusch des Horch-Motors lässt die Herzen der Feuerwehrmannen höher schlagen. Wie viel Florians-Latein dabei ist, wenn die Männer von 1 000 DDR-Mark „Bestechung“ für das Gefährt sprechen, soll ihr Geheimnis bleiben.

Ein großes Fest gibt es in zwei Jahren. Dann wird des alten Friesen Spritze 150. Sie selbst ist Grund genug. Dass es sie noch immer gibt, ist auch einer. „Einsätze der Kameraden mit der Spritze versetzen die Menschen immer wieder in die Lage, das Leben der früheren Generationen besser zu verstehen“, sagt Günter Marx. „Denn für die Zukunft ist es wichtig, dass man seine Vergangenheit kennt, auch wenn die Friesen-Spritze nur ein kleiner Mosaikstein ist.“

Ein weiterer im Gebilde des Gemeindezentrums könnte der Kindergarten sein. Obwohl die Gemeinde in die Berthelsdorfer Einrichtung viel investiert hat, hängt Bürgermeister Manfred Elsner (FDP) noch immer an dem Gedanken, ihn nach Oberottendorf zu holen. „Damit würde es ein wirklich attraktives Zentrum.“