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Wenn dem Christbaum Flügel wachsen

Jedes Jahr steht im Advent ein Christbaum auf dem Gipfel des Talwächters. Und die Leute rätseln: Wer hat ihn da hochgeschafft?

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Von Mike Jäger

Es ist für die Jahreszeit Ende November bestes Kletterwetter, trocken, windstill und die Temperatur beträgt milde sechs Grad. Beim Zusammentreffen einer Bergsteigergruppe in Rathen lugt sogar die Sonne durch vereinzelte Wolkenlücken. Im fahlen Spätherbstlicht erscheinen die Felsen grandios. Etliche Seilschaften sind unterwegs. An den Feldköpfen und an der Lok herrscht Hochbetrieb.

Unser Ziel ist der Talwächter. In seiner großen Höhle werden die Rucksäcke ausgepackt. Neben Kletterutensilien, viel Verpflegung, reichlich Glühweinvorräten taucht auch eine Säge auf. Norbert trägt ein Fichtenbäumchen geschultert zum Fels. Am Wandfuß wird der Baum zurecht gesägt und ins Seil „eingebunden“. Später soll er als Christbaum auf dem Gipfel des Talwächters stehen.

Micha erzählt: „Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit bringen wir ein Bäumchen zum Gipfel. Der Ursprung dieser Aktion liegt in den 50er-Jahren.“ Bei damals mistigem Novemberwetter – große Klettertaten waren da nicht mehr zu vollbringen – kamen die Rathener Kletterer Klaus Fels und Klaus Helmig vom Kletterklub „Totenkirchler“ auf die fixe Idee, einen Weihnachtsbaum auf den weithin sichtbaren Talwächter, dem Hausberg über den Dächern von Rathen, zu setzen. Seitdem staunen Rathens Gäste alljährlich im Advent über den Baum auf der Spitze des Gipfels.

Micha macht sich bereit fürs Klettern. Bei den guten Bedingungen soll heute der „Pfeilerweg“ geklettert werden. Bei misslicheren Verhältnissen wird meist der „Uferweg“ zum Gipfel gewählt. Micha erzählt, dass es dabei schon mal vorgekommen sei, dass er sich seine Taschen vorsorglich mit Sand gefüllt hatte, um unterwegs streuen zu können. Bei stark vereistem Gipfel war er aber trotzdem einmal in der geneigten Ausstiegswand gestürzt und hatte sich die Hand gebrochen. Seine Kletterkumpels erreichten dann aber trotzdem noch den Gipfel und konnten den Baum aufstellen.

Die Frauen bereiten unten in der Höhle Glühwein zu. Inzwischen haben Ralf und Manfred über die steile „Ostkante“ den Gipfel erreicht und ziehen dort die Fichte nach oben. Wolfgang und Uli befestigen den Baum mit Kabelbindern und Draht an der Gipfelstange. Die ist wie extra gemacht als Christbaumständer. Vor einigen Jahren hatte der Sturm den Baum umgekippt und man musste noch einmal nach oben, um ihn wieder aufzurichten.

Für die Sächsische Bergsteigerschaft, aber auch für die Einwohner des Ortes Rathen ist der Talwächterchristbaum schon zum festen weihnachtlichen Bestandteil geworden. So wie jede Gemeinde ihren Dorfplatz oder Markt schmückt, lauern die Rathener immer schon, ob und wann der Baum wieder auf den Talwächter kommt.

Auch unser Bäumchen ist nun ausgerichtet und sicher an der Gipfelstange befestigt. Neun Kletterer haben sich im Gipfelbuch eingetragen. In der Dämmerung wird geschwind abgeseilt. Die Abseilpiste führt genau über der großen Höhle des Talwächters nach unten, wo die Verpflegung vorbereitet ist.

Alle freuen sich, dass es diesmal so gut geklappt. Ohne die bittere Kälte vergangener Jahre. Ohne Sand in den Taschen. Und ohne Knochenbrüche. Darauf kann man doch anstoßen!