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Wenn der Bürgermeister tischlert

Einen Tag lang hat Jörg Hänisch gestern in der Produktionsschule Moritzburg gewerkelt. Und dabei nicht nur Holz bearbeitet.

© Arvid Müller

Von Sven Görner

Auf die Frage, was er heute denn schon gemacht hat, antwortet Jörg Hänisch mit einem schelmischen Lächeln: „Dünne Bretter gebohrt.“ Nun wird von einem Bürgermeister ja viel erwartet, nur das eigentlich gerade nicht. Gestern lagen die Dinge allerdings etwas anders.

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Moritzburgs Rathauschef arbeitet an diesem Tag nicht in seinem Büro, sondern in der Holzwerkstatt der Produktionsschule Moritzburg gGmbH. „Perspektivwechsel“ nennt sich das und ist eine Aktion der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Sachsens. Bereits zum sechsten Mal können Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Verantwortliche der Gesundheits- und Sozialkassen sowie Wirtschafts- und Medienleute einen Tag lang in sozialen Einrichtungen und Diensten mitarbeiten. David Meis, der Geschäftsführer der Produktionsschule, braucht den Bürgermeister nicht lange zum Wechsel überreden.

Jörg Hänisch arbeitet konzentriert. Gerade verpasst er einem zuvor glatt geschliffenen Brett eine Phase. Der Tischler für einen Tag nimmt die gelb-schwarzen Ohrenschützer ab: „Aus den Brettern sollen Tische für eine Kita in Meißen gebaut werden“, erzählt er. Die auf dem Gelände des Moritzburger Diakonenhauses angesiedelte Produktionsschule ist für Jörg Hänisch (parteilos) keine unbekannte Größe. Schließlich ist die Gemeinde einer der Gesellschafter der gemeinnützigen GmbH. „Aber es ist etwas anderes, in der Gesellschafterversammlung zu sitzen, oder sich hier vor Ort mit Anleitern und Jugendlichen zu unterhalten“, sagt der Bürgermeister. „Da bekommt man wirklich ganz neue Einblicke.“ Auch was die Vielseitigkeit und Komplexität angeht. Denn neben der Holzbearbeitung gibt es eine Metallwerkstatt, einen Grünen Bereich und noch einiges mehr. Ziel des vor elf Jahren ins Leben gerufenen Sozialprojektes ist es, jungen Leuten, die bisher aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht ihren Platz gefunden haben, eine Chance zu geben. Die praktische Arbeit ist dabei ganz wichtig. Durch sie wird für die meisten Teilnehmer der Erfolg geschaffen, der dann auch Mut macht, einen Schulabschluss zu erreichen.

Jörg Hänisch, der vor der Wende das Ziel verfolgte, Sozialpädagoge im kirchlichen Dienst zu werden, nutzt den Tag in der Werkstatt daher nicht nur, um seine Fertigkeiten bei der Holzbearbeitung zu testen. Er spricht auch mit den jungen Leuten, mit denen er gemeinsam unter Anleitung werkelt. „Es gibt da wirklich ganz erschütternde Biografien.“ In denen geht es auch um Alkohol und die Modedroge Crystal. „Ich habe auch mitbekommen, wie die Leute hier – Psychologen und Anleiter – um jeden Einzelnen kämpfen. Wenn auch nicht immer erfolgreich.“

Für Jörg Hänisch ist der Ausflug in die Handwerkswelt übrigens weniger problematisch, als man meinen könnte. Schließlich ist er gelernter Feinmechaniker. Vor der Wende arbeitete er als Schlosser beim Radebeuler Waagenhersteller Rapido und als Betriebshandwerker im Moritzburger Diakonenhaus. „Damals habe ich am Umbau des Bachhauses mitgearbeitet.“ Vom Diakonenhaus wechselte der Wendeaktivist dann 1990 zum ersten Mal ins Rathaus. Zudem liegt ihm das Arbeiten mit Holz gewissermaßen im Blut. „Mein Großvater war Tischler.“ Und was die gebohrten dünnen Bretter angeht. Die gehören zum Bausatz eines Meisenknödel-Halters.