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Wenn der Direktor ruft

Ob zum Schaubudensommer, zum Wandertheaterfestival oder zu den Karl-May-Tagen. Immer steckt ein Mann dahinter: Helmut Raeder.

Der „Herr Direktor“ ruft zur großen Überraschung jeder Schaubudensommernacht an der Dresdner Scheune.
Der „Herr Direktor“ ruft zur großen Überraschung jeder Schaubudensommernacht an der Dresdner Scheune. © André Wirsig

Radebeul/Dresden. Der Mann im dunklen Smoking – rote Fliege, farblich passendes Einstecktuch – ruft etwas über den Platz mit den kleinen Jahrmarktzelten und bunten Lichtern, ein einziges Wort, das wahrscheinlich bloß die Hälfte der dort Versammelten verstanden hat. Aber sofort folgen sie ihm und der Band, die nun zügig vorausgeht. Zu Hunderten pilgern sie an einen geheimen Ort irgendwo in der Dresdner Neustadt. Mitten in der Nacht, jede Nacht, elf Tage lang.

Irgendwann bleibt er stehen, der Direktor, lächelt milde, und die Band verstummt. Ein Scheinwerfer geht an, bestrahlt einen Balkon, eine Hausecke, einen Café-Eingang, und dort ist sie, die „Mitternachtsüberraschung“, die Helmut Raeder zuvor ausgerufen hat. Ein Bauchredner, ein Clown, ein Trickkünstler, jeden Abend etwas anderes. Der Maestro bleibt im Dunkeln, seine Arbeit ist getan. Für heute.

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„Das ist natürlich alles mit Anführungsstrichen und mit Augenzwinkern zu sehen“, sagt Raeder an einem Nachmittag auf dem Gelände des Schaubudensommers. „Das spiele ich, das gehört zur Inszenierung dazu.“ Tagsüber trägt er den Smoking nicht, sondern ist legerer gekleidet. Immerhin, die Hosenträger verleihen ihm die Anmutung, als gehöre er in eine frühere Zeit, eine Zeit der Schaubuden und fahrenden Leute. Raeder sitzt an einem kleinen Holztisch auf einem Metallpodest, das extra für das Festival errichtet wurde, neben dem kleinen Verschlag der Kartenlegerin und einem Zelt namens „Emporium“, in dem eine Band gerade ihren Auftritt für den Abend probt. Und er hat zugesagt, einmal zu erzählen, wie er wurde, was er ist: der Macher und künstlerische Leiter vieler erfolgreicher Feste in Dresden und dem Elbland. Der Impresario.

Auf die Kappe des Dresdners gehen mittlerweile das Radebeuler Wandertheaterfestival zum Weinfest, der Weihnachtsmarkt in Altkötzschenbroda, die Karl-May-Festtage im Lößnitzgrund, der Dresdner Schaubudensommer und seit diesem Jahr auch die Kasperiade in Radebeul. Aber angefangen hat alles in Meißen.

Dort studierte der heute 63-Jährige zu DDR-Zeiten an der Klubleiterschule und veranstaltete noch während des Studiums sein erstes großes Volksfest, einen Kinderjahrmarkt. „Das war gleich so ein Kracher, dass Tausende Menschen auf die Elbwiesen kamen“, sagt Raeder. Das ging auch an der Stadtverwaltung nicht unbemerkt vorbei und der junge Mann wurde direkt nach dem Studium von der Kulturverantwortlichen engagiert, um die Feste für Meißen zu organisieren. „Das entsprach natürlich ganz meinen Ambitionen“, sagt Raeder. „Jetzt, wo Sie mich fragen, kommt das alles so ein bisschen wieder ...“

Er erinnert sich, wie er für den Vorläufer des Meißner Weinfestes schon damals auf das Rezept setzte, das heute das Radebeuler Weinfest so besonders macht: die Mischung aus weinseligem Vergnügen und Straßentheater. Und weil man als junger Mann ein bisschen größenwahnsinnig sei, habe er das Ganze „1. Straßentheaterfestival der DDR“ genannt. Raeder lacht. Er dachte offenbar damals schon in ganz anderen Dimensionen.

Außerhalb dieser Rolle kleidet er sich lieber leger wie auf der Pressekonferenz zum Festival. 
Außerhalb dieser Rolle kleidet er sich lieber leger wie auf der Pressekonferenz zum Festival.  © André Wirsig

Doch bereits nach einem Jahr und insgesamt nur zwei Festen wurde er von der Stadt Meißen „hinauskomplimentiert“, wie er es ausdrückt. Die Stadträtin habe gemerkt, „dass ich das doch alles ein bisschen ungewöhnlich machte und mit Künstlern, die vielleicht auch mal eine kritische Haltung haben“, sagt Raeder. Noch heute, über 30 Jahre später, werde er aber von Meißnern angesprochen, die damals bei einem seiner zwei Feste waren und mit Begeisterung daran zurückdenken. Nun kommen sie eben zum Radebeuler Weinfest. Die Stadt Radebeul hatte offenbar nie Probleme mit der Art, wie Raeder seine Feste organisierte. Als das Karl-May-Fest Anfang der 90er Jahre ins Leben gerufen wurde, wandte sich die Stadt direkt an ihn, 2011 verlieh sie ihm sogar den Kunstpreis. Sein Konzept für das Meißner Weinfest setzt er – nun in deutlich größerem Rahmen – in Radebeul fort.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg, trotz des frühen Erfolgs. Gerade der Schaubudensommer, Raeders eigene Erfindung, scheiterte am Anfang. „Ich finde es immer schade, dass Theater nur in diesen Häusern stattfindet, in die nur ein bestimmtes Klientel geht, weil es so eine Aura hat, dass nicht unbedingt ein Handwerker nach acht Stunden Arbeit hingehen würde“, sagt Raeder. „Aber Kultur, Kunst, Theater ist für alle da!“ Und deshalb die Idee mit den Schaubuden, mit einem Jahrmarkt wie im 19. Jahrhundert.

Raeder erprobte es schon zu DDR-Zeiten zunächst mit etwas, das sich „Spieltour“ nannte, später „Zirkus Luft“. Es gab schon damals ein Zelt und alte Zirkuswagen, mit denen er zusammen mit Gleichgesinnten durchs Land fuhr und sein Spektakel aufzog. Am Schloss Nickern führte er ein Sommertheater auf. „Das Dumme war nur: Es kam keiner.“ Raeders Reaktion auf den Misserfolg: „Dann ziehen wir das mal richtig auf, gehen dorthin, wo die Leute sind und nehmen drei Zelte.“ Daraus wurde der erste Schaubudensommer. „Es kam auch keiner, aber das war egal, denn alle haben gemerkt, es könnte etwas werden. Damals dauerte das Fest nur fünf Tage, nach dem dritten Abend kamen tatsächlich die ersten Gäste.

Heute kommen Tausende – jeden Abend. 2017 musste erstmals ein Einlassstopp verhängt werden. Viele von ihnen wissen wahrscheinlich nicht, woher die Schaubudentradition kommt, vermutet Raeder. „Für sie ist die Schaubude jetzt identisch mit dem Schaubudensommer.“ Damit kann der Direktor jedoch gut leben wie überhaupt mit der Entwicklung seiner Karriere. Als seinen größten Erfolg bezeichnet er, nie aufgegeben zu haben. „Wenn man eine Sache macht, sie sofort hochgeht wie eine Rakete und das war’s dann, das finde ich persönlich nicht sehr reizvoll“, sagt Raeder. Er wolle etwas machen, das Bestand hat, sich zur kulturellen DNA eines Ortes entwickelt. Etwas, womit Kinder heute aufwachsen, die sich dann als Erwachsene liebevoll daran erinnern.

Wie Raeder selbst an seine erste Schaubude, eine echte übrigens. Mitten auf dem Markt in Lauchhammer stand ein großes Zelt und davor eine Tafel mit der Aufschrift „Der Wal“. „Darin war ein ausgestopfter, präparierter Blauwal, der so vor sich hinstank“, erzählt Rader. Für 20 oder 30 Pfennige konnte man ihn sich ansehen.

Weil er die Geschichte mit dem Wal gerne mal erzählt, weiß Raeder inzwischen von vielen anderen Menschen seiner Generation, die damals auch die Schaubude sahen: der Mann, der die Schilder für den Schaubudensommer malt, der ehemalige Hausmeister der Scheune ... „Das war also ein prägendes Erlebnis.“

So prägend wie für viele Leute heute seine Rolle als Direktor ist. Smoking, Einstecktuch, Zylinder ... „Also jetzt muss ich mal was sagen zu dem Thema“, sagt Raeder plötzlich und setzt sich kerzengerade auf. Seitdem er den Schaubudensommer mache, seit 22 Jahren, schrieben Journalisten immer wieder über seinen Zylinder. „Ich hatte noch NIE einen Zylinder auf.“ Aber offenbar sähen die Menschen einen auf seinem Kopf. „Das ist wie Zauberei“, sagt Raeder. Eine perfekte Illusion. Die einzige Kopfbedeckung sei früher ein „verrückter roter Haargummi“ gewesen, der damals seine langen Haare zusammenhielt. Noch heute hat ihn Helmut Raeder immer dabei: Es ist das „Einstecktuch“ in seinem Jackett.

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