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Wenn der nächste Arzt erst in Dresden ist

Parkinson-Patienten müssen regelmäßig zum Neurologen. Im Kreis Bautzen einen zu finden, wird immer schwieriger.

Parkinson-Patienten im Landkreis Bautzen finden nur schwer einen Neurologen in ihrer Nähe.
Parkinson-Patienten im Landkreis Bautzen finden nur schwer einen Neurologen in ihrer Nähe. © Symbolfoto: dpa

Bautzen. Nur ungern erinnert sich Martina Gebert an die Tage nach ihrer Medikamentenumstellung zurück. „Es ging mir nicht gut“, sagt sie. „Ich habe das auf die neuen Medikamente geschoben. Weil ich meine Ärztin einfach nicht erreicht habe, habe ich dann alle Medikamente weggelassen“, erinnert sich die 66-Jährige, die an Parkinson erkrankt ist. „Ich musste mich übergeben, ich habe geschwitzt und gefroren zugleich, ich habe mehrere Tage am Stück nicht geschlafen“, erinnert sich die ehemalige Krankenschwester. Mehrfach habe sie bei ihrer Ärztin angerufen, wie sie sagt „in Panik“. Dennoch blieb sie erfolglos. 

Auch Günter Lerch und Christine Domschke sind an der unheilbaren Nervenkrankheit Parkinson erkrankt, auch sie berichten von Problemen, einen Termin beim Neurologen zu bekommen. „Ich hatte eine Überweisung, aber überall habe ich Absagen bekommen“, erinnert sich Günter Lerch. „Ich habe fünf Praxen angerufen. Alle sagten, sie nehmen keine neuen Patienten.“ Einen Termin bekam er erst nach längerer Wartezeit. Christine Domschke und Martina Gebert waren lange bei ihrer Ärztin in Schirgiswalde, doch die Neurologin Dr. Brigitte Zschau schließt zum April ihre Praxis, geht in Ruhestand.

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Betroffene sprechen von Notstand

Das Problem ist groß, finden die Erkrankten. Christine Domschke, die die Bautzener Regionalgruppe der Deutschen Parkinson-Vereinigung leitet, spricht von einem Versorgungsnotstand. „Durch die Praxisschließung werden viele schwerstkranke Patienten nicht weiter versorgt“, sagt sie. 

Ob die Praxis durch einen Nachfolger aufrechterhalten wird, dazu gibt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) bislang keine Auskunft. In einem Schreiben gegenüber Christine Domschke erklärt sie aber, dass sie die Hoffnung habe, einen Nachfolger zu finden. „Wir stimmen mit Ihnen überein, dass die aktuelle Versorgungssituation dringend ein adäquates Handeln verlangt“, heißt es in dem Brief.

Ein Blick auf die Homepage der KV Sachsen wirft jedoch Fragen auf, denn ausgeschrieben ist die Stelle dort nicht. Warum das so ist, dazu sagt die KV derzeit nichts. Pressesprecherin Katharina Bachmann-Bux verweist jedoch auf die Bedarfszahlen. Es gibt keine Unterversorgung an Neurologen, erklärt sie. 7,5 Nervenärzte, zu denen Psychiater und Neurologen zählen, gibt es im Planungsgebiet Bautzen. Dazu zählen im Großen und Ganzen Bautzen und Bischofswerda. Laut der Planung gibt es in dem Gebiet bereits 2,9 Ärzte mehr, als rein rechnerisch vorgesehen sind – der Versorgungsgrad liegt bereits bei 168 Prozent, Bautzen gilt als überversorgt. Ähnlich sieht es für Hoyerswerda und Kamenz aus.

Doch warum geht die Planung derart am Bedarf vorbei? KVS-Sprecherin Bachmann-Bux gibt darauf keine Antwort; sie verweist noch einmal auf die Bedarfszahlen, die erfüllt sind. Außerdem sei es im ländlichen Raum eben oft schwierig, einen Nachfolger zu finden.

Der weite Weg ist ein Problem

Immer älter wird die Bevölkerung im Durchschnitt, bereits jetzt gibt es nach Angaben des Parkinson-Netzwerks 15.000 Erkrankte in Ostsachsen. Tendenz steigend. Das Problem könnte sich also verschärfen, denn immer mehr Menschen in der Region werden voraussichtlich in Zukunft einen Neurologen suchen. Die beiden Parkinson-Erkrankten aus Bautzen, Christine Domschke und Martina Gebert, haben sich von ihrer Ärztin Brigitte Zschau verabschiedet, bevor die Praxis endgültig schließt. „Vor dem großen Ansturm“, erklärt Martina Gebert. 

Die beiden sind bei einem Neurologen in Dresden untergekommen, doch der Weg ist für sie ein Problem. Denn mindestens einmal im Quartal müssen die Parkinson-Erkrankten die Strecke auf sich nehmen, gerade in Akut-Fällen wird die Fahrt zum schier unüberwindbaren Hindernis. Die Autofahrt versetzt sie in Stress, und wenn es den Patienten schlecht geht, ist das nur mit Begleitung zu meistern. „Gerade deshalb ist es wichtig, einen Neurologen in der Nähe zu haben“, sagt Christine Domschke.

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Als es Martina Gebert so schlecht ging, kam sie am Ende ohne ärztliche Hilfe auf die Lösung des Problems, durch den Austausch mit Leidensgefährten Günter Lerch. Er erkannte die Symptome: Entzugserscheinungen, womöglich durch das plötzliche Weglassen aller Pillen. Nun geht es ihr besser – doch das Problem des weiten Wegs zum Arzt bleibt.

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