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Wenn der Notarzt zu spät gerufen wird

Eine Altenpflegerin soll auf die Schmerzen eines Patienten zu spät reagiert haben. Sie bekommt eine Geldstrafe. Jetzt arbeitet sie wieder in ihrem Beruf.

Altenpflege ist ein hartes Geschäft. Doch das kann Vernachlässigung nicht entschuldigen. Strafbares Handeln ist aber kaum nachzuweisen.
Altenpflege ist ein hartes Geschäft. Doch das kann Vernachlässigung nicht entschuldigen. Strafbares Handeln ist aber kaum nachzuweisen. © Ronald Bonß

Von Anne Schicht

Wegen fahrlässiger Körperverletzung stand Altenpflegerin Rosemarie F. vor dem Amtsgericht Dippoldiswalde. Die Deutsche soll die gesundheitliche Not eines Pflegeheimbewohners erkannt, aber nicht rechtzeitig den Notarzt gerufen haben. Die Pflegehelferin, die an jenem Tag nach der Angeklagten den Dienst antrat, habe Fritz B. mit blauen Beinen, zitternd und schweiß-durchnässt vorgefunden. Sie erklärte am Rande der Gerichtsverhandlung: „Ich durfte ihn nicht berühren, nicht mal das Bett verstellen.“ Der Mann wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb vier Tage später an einer Blutvergiftung. Auslöser war ein Blinddarmdurchbruch.

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Die Familie des Verstorbenen zeigte Rosemarie F. an. Nach Ermittlungen der Polizei ging die Sache an die Staatsanwaltschaft und die stellte einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung aus. Die 60-jährige Altenpflegerin sollte mit 30 Tagessätzen zu je 40 Euro büßen. Doch deren Rechtsanwalt Jörg Neuber legte im Namen seiner Mandantin Einspruch ein.

Zur Gerichtsverhandlung waren mehrere Zeugen geladen, unter anderem ehemalige Kolleginnen und die Familie des Verstorbenen. Auch ein Gutachter und der Rechtsmediziner, der Fritz B. obduziert hatte, waren anwesend. Doch sie alle sollten nicht gehört werden.

Einigung im Rechtsgespräch

Denn gleich zu Beginn der Verhandlung bat Richter Christian Mansch Verteidiger und Staatsanwalt zu einem nicht öffentlichen Rechtsgespräch. Dabei verständigte man sich, das Verfahren gegen eine Geldauflage einzustellen. Die Angeklagte muss den Betrag von 1.200 Euro zahlen oder durch gemeinnützige Stunden abarbeiten. Das ist nicht als Schuldeingeständnis zu werten und der Vorfall wird nicht in ihrem Strafregister auftauchen. Sie bleibt also vorstrafenfrei.

Richter Mansch begründete das Vorgehen: Zwar ist an jenem Septemberabend, genau um 20.53 Uhr ein Hinweis im Pflegebuch dokumentiert, dass es Fritz B. schlecht gehe, er über Bauchschmerzen klage. Zu dem Zeitpunkt sei die Angeklagte aber noch nicht im Dienst gewesen. Erst um 22 Uhr begann ihre Nachtschicht. 

Und erst am nächsten Morgen habe sie etwas von der Pein des Patienten bemerkt. Das hat sie um 5.30 Uhr dokumentiert. Knapp zwei Stunden bis Schichtende habe sie somit Zeit gehabt, ärztliche Hilfe zu rufen. Zu diesem Zeitpunkt wäre aber eine Blutvergiftung mit Todesfolge mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu verhindern gewesen. Auch liege der Vorgang nun schon mehr als zweieinhalb Jahre zurück.

Zeugen verärgert

Den Beteiligten blieb damit ein langes Hauptverfahren erspart. Die geladenen Zeugen zeigten sich trotzdem verständnislos. Immerhin hätten sie sich noch einmal alles durchgesehen, was an Unterlagen da gewesen sei, um gut für die Befragung vorbereitet zu sein. Sie hätten Schichten getauscht, um am Vormittag in Dippoldiswalde sein zu können. 

Nach der Verhandlung erklären sie gegenüber der Sächsischen Zeitung, Rosemarie F. habe schon viel eher als am Morgen gewusst, wie schlecht es Fritz B. ging. Bei Schichtwechsel, schon auf dem Parkplatz, soll sie zur Ablösung gesagt haben: „Weißt du, was diese Nacht los war? Der B. hat die ganze Nacht gebläkt.“

Rosemarie F. ist nach dem Vorfall gekündigt worden, auch dass sei eine Strafe gewesen, so Richter Mansch. Die Altenpflegerin leide zudem sehr unter den Geschehnissen, sagte ihr Anwalt. Inzwischen aber arbeitet sie wieder - in einem Pflegeheim.

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