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Wenn der Radler das Essen auf die Couch liefert

Die Dresdner sind wahre Bestellmeister bei Kurierdiensten für Pizza, Burger oder Sushi. Unterwegs mit einem Foodora-Boten, der weiß, was den Leuten am besten schmeckt.

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© Christian Juppe

Von Julia Vollmer

Schon nach 100 Metern liege ich zurück. Robert Michael steigt auf sein Fahrrad, tritt einmal in die Pedale und liegt vorne. Weit vorne. Ich versuche mein Bestes und doch muss ich wieder einmal feststellen, dass ich viel öfter das Auto gegen ein Zweirad tauschen sollte. Robert Michael verdient sein Geld mit Radfahren. Der 29-Jährige ist Foodora-Bote. Sein Unternehmen liefert Essen aus lokalen Restaurants an die hungrigen Kunden ohne eine Liefergebühr aus. Neben Dresden gibt es unter anderem Standorte in Leipzig und Berlin.

Wir treffen uns um 11 Uhr am Altmarkt. Das ist einer der zentralen Treffpunkte für die Foodora-Fahrer. Dort loggen sie sich in die firmeneigene App ein und bekommen ihre Aufträge. Der 29-Jährige tippt in sein Handy, gleich darauf piepst es und wir fahren los. Erste Station: Das Vapiano auf der Prager Straße. Innerhalb von wenigen Minuten müssen wir bei dem italienischen Schnellrestaurant sein und das Essen zum Kunden bringen.

Cool bleiben bei 28 Grad

Trotz Zeitdrucks bremst Robert Michael an jeder roten Ampel. „Vorbild sein für Kinder geht vor Stress“, sagt er. Es ist heiß draußen, 28  Grad. Er trägt kurze Hosen und das typische rosa Shirt. Vielen fällt das auf und er wird angestarrt. Angekommen bei Vapiano, wo er zwei Salate abholt, greift der Bote erst mal in die Gummibärchen-Schale. „Stärkung muss sein“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Mit dem Kellner wird nicht viel geredet, Robert schnappt sich die Tüten mit dem Essen und verstaut sie in seinem Rucksack. Dieser speichert die Wärme und soll das Essen sicher von A nach B bringen. „Bei Suppen und Eiskaffees bin ich immer besonders nervös, dass nichts danebengeht“, erzählt er. Mit dem rosa Rucksack auf dem Rücken – ja, der ist auch rosa – geht es zum Kunden in der Nähe des Postplatzes. Wir stehen ewig vor der Tür, laut App sollen wir ein Reisebüro beliefern. Nach langem Suchen finden wir den richtigen Eingang. Schnell sind wir wieder draußen und die Kunden satt. Und gab es gutes Trinkgeld? „Leider geben nur rund 30 Prozent noch Trinkgeld“, bedauert Robert Michael. Dabei sind viele seiner Kollegen darauf angewiesen. Als Fahrer verdient man bei Foodora neun Euro die Stunde, als „Team-Captain“ wie er zehn Euro. Daher stehen Lieferdienste wie Foodora oder Deliveroo immer wieder in der Kritik. Die Gewerkschaften fordern mehr Lohn für die Branche.

Der 29-jährige Robert Michael nutzt den Job als Überbrückung nach dem Studium. Zehn Fahrer sind in seinem Dresdner Team. Mindestens zwei teilen sich eine Schicht. Denn innerhalb einer Schicht von fünf Stunden kann es schon mal von Pieschen nach Löbtau, von Striesen in die Neustadt und wieder zurück gehen. Das schlaucht.

„Samstag und Sonntag sind die Hauptzeiten, wenn die Verkaterten nach der Party Essen bestellen“, erzählt der Fahrer lachend. Die Dresdner stehen dabei am meisten auf Sushi, Pasta und Burger. Am liebsten aus Restaurants wie dem Mikado, Burgerheart, Vapiano oder L´Osteria.

Neben Foodora werden auch andere Lieferdienste immer beliebter. Die Bandbreite reicht von Lebensmitteln, über Fastfood bis zum Versandhändler Amazon. Die Unternehmen, auch Foodora, wollen keine genauen Bestellmengen oder Umsatzzahlen herausgeben. Sie verraten nur, dass die Dresdner wahre Bestellmeister seien – und was diese am meisten ordern.

„Seit 2010 steigt die Zahl der Bestellungen bei Hallo Pizza in Dresden stetig. Im Zeitraum Januar bis Juli 2017 wurden knapp 50 000 Bestellungen mehr ausgeliefert als in dem gleichen Zeitraum 2016“, so Unternehmenssprecherin Julia Schneiderheinze. Was das konkret heißt, sagt sie nicht. Aufgrund der positiven Entwicklung seien weitere Hallo-Pizza-Stores in Dresden denkbar. Auch Rewe baut seinen Lieferdienst in der Stadt aus. „Die Bestseller in Dresden sind: Milch, Säfte und Fruchtjoghurt“, so Rewe-Sprecher Thomas Bonrath. Daneben mögen die Sachsen besonders gerne Käse. Natur- und Weichkäse seien hier deutlich beliebter als in der übrigen Bundesrepublik.

Schauen, warten, selber essen

Hat der klassische Restaurantbesuch jetzt ausgedient und müssen die Gastronomen die schnelle Konkurrenz aus dem Netz wie Foodora fürchten? „Von der größeren Reichweite können die Restaurants profitieren, Umsatzsteigerungen sind realisierbar, gleichzeitig sind damit aber auch hohe Provisionen verbunden“, so Dehoga-Sprecherin Stefanie Heckel. Heckel warnt die Gastronomen aber davor, sich von einem Anbieter abhängig zu machen. Das Liefersegment könne für beide Seiten durchaus eine Win-Win-Situation sein. Voraussetzung sei, dass es fair zugeht.

Inzwischen ist Robert Michael mit mir immer noch unterwegs. Kaum stehen wir wieder auf der Straße, piepst das Handy und meldet das Eiscafé Venezia am Goldenen Reiter als nächste Station. Zwei Eiskaffees müssen von dort in ein Büro nahe Altmarkt. Robert Michael steigt auf sein Rad, das übrigens wie das Handy sein eigenes ist, und düst los. Im Eiscafé angekommen, heißt es warten.

Was passiert eigentlich mit dem Essen, wenn der Kunde nicht zu Hause ist oder es einfach vergessen hat? Es soll nach einer gewissen Wartezeit entsorgt werden. Wie das genau passiert, bleibt dem Fahrer überlassen. Es komme aber schon hin und wieder vor, dass sich die Fahrer über eine kleine Zusatz-Stärkung freuen, sagt er lachend.