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Wenn der Russe vorm Fenster steht

Lutz-Hagen Burak erlebt, wie ein Lkw in Ludwigsdorf strandet. Obwohl sein Zaun beschädigt ist, sieht er es mit Humor.

Was ist hier los? Lutz-Hagen Burak (links) begutachtet das Geschehen von seinem Grundstück aus.
Was ist hier los? Lutz-Hagen Burak (links) begutachtet das Geschehen von seinem Grundstück aus. © Danilo Dittrich

Kurz nach dem Mittag, so kurz vor eins, ist es mit der Ruhe vorbei. Als Lutz-Hagen Burak aus dem Fenster sieht, steht ein riesiger orangefarbener Laster vor seinem Grundstück. Lkw in einem Wohngebiet an sich sind ja nichts Besonderes. Aber doch, wenn es sich um das Am Hopfenberg handelt, ein beschauliches, sehr ruhiges Viertel im Görlitzer Ortsteil Ludwigsdorf. 

Auf den schmalen Straßen kommen zwei Pkw mit gutem Willen gerade so aneinander vorbei. Aber ein über 20 Meter langer 40 Tonner aus Russland? „Der hatte sich wohl auf sein Navi verlassen. Dabei hatte er sogar zwei dieser Dinger im Cockpit“, sagt Lutz-Hagen Burak und schüttelt den Kopf. Seit 1987 wohnt er in der Siedlung. „Ich war der Erste, der hier ein Haus gebaut hat“, erzählt der Rentner. Aber so etwas wie am Montag hat er noch nicht erlebt.

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Der Anwohner steht am Mittwochvormittag dort, wo am Montag der Lkw strandete. Der Randstreifen der schmalen Straße zeigt noch deutlich die Reifenspuren. „Der Laster fuhr erst geradeaus weiter. Dann merkte der Fahrer wohl, dass da kein Durchkommen ist“, erzählt Lutz-Hagen Burak. Deshalb setzt der russische Lkw zurück, schlängelte auf der schmalen Straße rückwärts, beschädigte dabei ein Verkehrszeichen, eine Treppe, ein Gittersteinpflaster. Direkt am Haus Lutz-Hagen Buraks beschloss der 40-jährige Lenker aus Weißrussland: Hier drehe ich um. Eine fatale Entscheidung. „Wahrscheinlich dachte er, das Fahrzeug kommt auf dem Weg wieder hinaus auf die Rothenburger Landstraße. Ich habe ihm mit der Hand noch Zeichen gegeben, dass das hier eine Sackgasse ist. Er hat mir wohl nicht geglaubt. Er ist dann auch ausgestiegen, konnte aber kein Deutsch“, schildert Lutz-Hagen Burak.

Der Lkw fährt vor und zurück, schrammt dabei noch an Buraks Zaun. Der ist seitdem eingeknickt. Im Gras liegen immer noch die Scherben des Rücklichtes des Lkw. „Ich glaube, der hat mehr Schaden an seinem Fahrzeug verursacht, als hier im Wohngebiet. Zum Glück hat er nicht noch eine Straßenlampe umgefahren“, sagt Lutz-Hagen Burak. Die Leuchte steht direkt an der Burakschen Grundstücksmauer. Irgendwann wird es dem Anwohner zuviel, die Polizei muss kommen. Sie bedeutet dem Weißrussen: Die Fahrt ist hier zu Ende. „Der Mann war fix und fertig“, sagt Lutz-Hagen Burak. Die Beamten nehmen den Schaden auf. Etwa 500 Euro kommen zusammen. Burak schätzt seine Zaun-Geschichte allein auf 70 bis 80 Euro. Ob er das Geld wiederbekommt? Der Ludwigsdorfer zuckt mit den Schultern. „Wohl eher nicht. Wer weiß, ob es eine und wenn, welche Versicherung es gibt“, sagt er.

Für den Abschlepp- und Bergedienst Dussa aus Holtendorf ist es ein Einsatz, wie er schon etliche Male auf der Tagesordnung stand. Einen ähnlichen Fall gab es Ende vergangenen Jahres in Kunnersdorf auf dem Eigen. Auch dort verhedderte sich ein Lkw, weil das Navigationsgerät ihm die falsche Route angezeigt hatte. „Schwierig war es in dem Sinne in diesem Fall nicht“, sagt Chef Klaus Dussa. Der Auflieger musste entladen werden. 23 Tonnen Holzpellets waren darauf gelagert. Allerdings verzögerte sich die Aktion. Denn die Fracht ist verplombt. Also musste erst der Zoll ran und entplomben, später wieder verplomben.

„Also die hatten mit dem Gabelstapler schon ganz schön wenig Platz“, erinnert sich Anwohner Lutz-Hagen Burak. Aber am Ende funktioniert das Ganze. Die Zugmaschine wurde zunächst abgekoppelt, der Auflieger separat aus der engen Straße gezogen, mit einem Stapler als Antrieb. „Einen Kran zu platzieren, dazu gab es keine Chance. Das hat der Platz nicht hergegeben“, sagte Klaus Dussa.

Die Spedition aus dem Osten habe die Kosten für die Bergung auch prompt beglichen, schildert er. Der Lkw ist bereits wieder unterwegs. Für die Firma Dussa ist der August ein arbeitsreicher Monat. „Anders als angenommen haben wir im Sommer viel mit Lkw-Bergungen zu tun. Das hat mit Ferienzeiten, den verstärkten Warenströmen von Ost nach West zu tun“, schildert Klaus Dussa. Es gebe momentan einen sehr starken Transitverkehr und ein „irrsinniges Frachtaufkommen“, wie es der Firmenchef bezeichnet.

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SZ-Redakteur Matthias Klaus schreibt über den gestrandeten Laster in Ludwigsdorf.

Lutz-Hagen Burak kann der Geschichte inzwischen noch etwas Positives abgewinnen. „War eben mal was los in unserem Viertel“, sagt er. Und lacht: „Das war fast wie eine Wohngebietsveranstaltung. Alle möglichen Leute sind zusammengekommen und haben sich hier vor meinem Grundstück getroffen.“ Die Aufregung war im ansonsten ruhigen Viertel in Ludwigsdorf dann auch erst abends kurz vor neun vorbei.

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