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Wenn der Schaffner angespuckt wird

Auch in Weißwasser haben es Zugbegleiter oft mit pöbelnden Fahrgästen zu tun. Die Gewerkschaft schlägt nun Alarm.

Ein Lokführer steuert den Trilex aus dem Dresdener Hauptbahnhof in Richtung Oberlausitz. Für seine Zugbegleiter-Kollegen wird die Arbeit mitunter unangenehm.
Ein Lokführer steuert den Trilex aus dem Dresdener Hauptbahnhof in Richtung Oberlausitz. Für seine Zugbegleiter-Kollegen wird die Arbeit mitunter unangenehm. © SZ/Uwe Soeder

Claus Weselsky will nicht länger nur hinschauen. Der Chef der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL) spricht gern Klartext. Bisher fiel er damit vor allem in Tarifkämpfen auf, aber diesmal geht es ihm weniger ums Geld als vielmehr um die Gesundheit der Lokführer und Zugbegleiter. Denn sie würden sich immer häufiger pöbelnden und rabiaten Fahrgästen gegenüber sehen. „Im Schnitt werden Lokomotivführer und Zugbegleiter zweimal im Jahr körperlich angegriffen. Das ist eine Verdoppelung zu 2016.“

Pöbeleien gegen Zugbegleiter haben auch in der Oberlausitz zugenommen. Das berichtet Klaus-Peter Schölzke, der stellvertretende Vorsitzende der GDL für Mitteldeutschland. „Es kommt auch vermehrt vor, dass unsere Kollegen angespuckt werden.“ Das sei im Trilex so, aber auch in den Zügen der Odeg zwischen Görlitz und Hoyerswerda sowie zwischen Cottbus und Zittau, ebenso bei der Transdev, deren Triebwagen zwischen Dresden und Kamenz sowie Königsbrück rollen.

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Mit Teleskopschlagstock gedroht

Ein Beispiel: Als die Zugbegleiterin des Odeg-Zuges von Görlitz über Weißwasser nach Cottbus am 3. Dezember 2019 den Fahrschein eines 36-jährigen Weißwasseraners forderte und feststellte, dass dieser abgelaufen war entschuldigte sich nicht etwa der Fahrgast, sondern reagierte äußerst aggressiv, indem er einen Teleskopschlagstock zückte. Dazu brüllte er sinngemäß: Holt ja nicht die Bullen, sonst gibt’s was auf die Fresse!“ Dieser extreme Fall landete schließlich vor Gericht, wurde letztlich aber eingestellt, weil der Weißwasseraner wegen noch deutlich schwerwiegender Straftaten angeklagt war und verurteilt wurde. 

Auch wenn dieser Fall sicher ein „Ausreißer nach oben“ war, der Respekt gegenüber Polizei, Ordnungskräften und auch Personal ist deutlich gesunken. In der S-Bahn Dresden sei gar „Anspucken an der Tagesordnung“. Der Grund liegt aktuell meist in der Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Viele Fahrgäste lassen ihren Unmut darüber am Zugpersonal aus. „Unsere Kollegen sind der Prellbock“, sagt der Gewerkschafter.

Er sieht es als Problem, dass die Bundespolizei solche Delikte nicht mit einer Geldstrafe ahnden darf. „In Baden-Württemberg geht das, in Sachsen nicht“, ärgert sich Schölzke, der in solchen Strafen durchaus einen Erziehungseffekt sieht. Die Spucker nur mit Worten zu ermahnen, bringe nichts. Nicht allein, dass Anspucken für die Opfer eklig ist – sie fehlen dann auch im Dienst. Denn Angespuckte müssen auf eine mögliche Corona-Infektion untersucht werden und können vorerst nicht arbeiten. Immer mehr von ihnen suchen deshalb auch Rechtsschutz bei ihrer Gewerkschaft.

Pöbeln und Spucken zählen aber noch nicht als Gewalt und tauchen deshalb auch nicht in den Akten der für das Schienennetz zuständigen Bundespolizei auf. Unter Gewalt fasst die Bundespolizei unter anderem Körperverletzung, Raub- oder Sexualdelikte sowie Straftaten gegen das Leben oder gegen die öffentliche Ordnung zusammen. Und da habe es in diesem Jahr in der Oberlausitz bisher noch keine einzige Anzeige gegeben, sagt Axel Bernhardt von der Bundespolizeidirektion Pirna.

Oberlausitz noch nicht stark betroffen

2019 habe die Zahl der Anzeigen „im geringen einstelligen Bereich“ gelegen. Fazit der Bundespolizei: „Für den Bereich der Oberlausitz kann eine Zunahme von Gewalt von Reisenden gegenüber anderen Reisenden und/oder dem eingesetzten Zugpersonal anhand von Daten nicht begründet werden.“ Das deckt sich mit der Einschätzung von Jörg Puchmüller, Pressesprecher der Länderbahn. Das Unternehmen bedient mit seinen Trilex-Triebwagen die Bahnstrecken Dresden-Görlitz und Dresden-Zittau-Liberec. 

Im ganzen Vorjahr stehe ein Übergriff von Fahrgästen auf das Zugpersonal in den Akten. Doch nicht alles schafft es in die Akten. „Es gibt immer wieder mal Schwarzfahrer, die nicht einsehen, dass sie bezahlen sollen“, weiß Puchmüller. Auch seien schon mal Steine auf einen Trilex geworfen worden. Aber unterm Strich sei keine Zunahme von Gewalt in den Länderbahn-Zügen festzustellen, sagt der Unternehmenssprecher. „Das ist eher zurückgegangen.“ Im Gegensatz zur Bundespolizei und zur Länderbahn spricht die GDL nicht von weniger, sondern von mehr Gewalt gegen Zugpersonal. Sie resümiert damit eine Befragung ihrer Mitglieder von 2019 – also noch vor Corona. An der Befragung hatten rund 2.500 Beschäftigte von Eisenbahnunternehmen in ganz Deutschland teilgenommen. Zuletzt hatte die GDL ihre Mitglieder 2015 nach Gewalt durch Fahrgäste befragt. Fazit vier Jahre später: Tätliche und verbale Angriffe auf das Zugpersonal haben deutlich zugenommen.

Für den GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky ist das „ein unhaltbarer Zustand, der mit allen Mitteln schnellstmöglich verbessert werden muss. Unsere Kolleginnen und Kollegen werden bisher nicht ausreichend geschützt.“ Dabei geht Weselsky noch von einer wesentlich höheren Dunkelziffer an Delikten aus: „Wer die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben hat, wird kaum noch Veranlassung haben, jeden dieser schlimmen Vorfälle zu melden, so lange er noch halbwegs glimpflich davongekommen ist.“

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