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Dresden

Wenn der Schulweg 40 Minuten dauert

Ein Vater fordert, dass Dresdner Kinder in der Nähe des Wohnorts lernen sollen. Das verhindert allerdings der Gesetzgeber. 

Viele Dresdner Kinder, wie hier am Gymnasium Tolkewitz, müssen mit Bus und Straßenbahn zur Schule fahren. Nicht selten durch die halbe Stadt.
Viele Dresdner Kinder, wie hier am Gymnasium Tolkewitz, müssen mit Bus und Straßenbahn zur Schule fahren. Nicht selten durch die halbe Stadt. © Sven Ellger

Einmal umsteigen und eine Viertelstunde Fußweg – oder vom Bus in die Bahn und wieder in den Bus wechseln. Diese beiden Schulwegoptionen hat die Tochter eines Strehlener Vaters, der mit seiner Familie am Wasaplatz wohnt. Auch bei ihnen konnten alle drei Schulwünsche für die Gymnasien, die sie bei der Anmeldung angegeben hatten, nicht erfüllt werden. Im kommenden Schuljahr bleiben mehr als 800 Schulwünsche in Dresden unberücksichtigt, weil die Zahl der Anmeldungen an den Einrichtungen höher waren, als es Plätze gibt.

Damit seine Tochter an der neuen Schule – es ist das Gymnasium LEO in Tolkewitz – keine Probleme mit den Lehrern oder der Schulleiterin bekommt, will der Vater weder seinen noch den Namen des Mädchens öffentlich nennen. Das Team des LEO habe er bei einem ersten Elternabend kürzlich kennengelernt, den Eltern sei versichert worden, dass ein geordneter Schulbetrieb möglich ist, dass sich alle auf die Kinder freuen würden. Mit der ihnen zugewiesenen Schule ist die Familie trotzdem nicht zufrieden.

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Nicht nur wegen des alten Schulgebäudes, eines teilsanierten DDR-Baus, sondern aus zwei anderen Gründen: wegen des fehlenden Schulprofils und des langen Weges. Dabei hatten Vater und Tochter vor der Anmeldung im März lange an den Dresdner Gymnasien recherchiert, haben sich informiert, welche Profile es an den Schulen gibt und welche anderen Angebote. Doch weder am Gymnasium Bürgerwiese noch am Erlwein- und Vitzthum-Gymnasium hat das Mädchen letztlich einen Platz bekommen. Die Enttäuschung darüber sei groß, sagt der Vater, vor allem bei seiner Tochter, die partout nicht auf die Schule nach Tolkewitz gehen will. Sie habe sich auf den neuen Abschnitt gefreut, hat sich in der Grundschule angestrengt, um gute Noten zu schreiben und um eine Bildungsempfehlung zu bekommen. Die gab es auch, mit einem Einser-Durchschnitt. „Seitdem wir von der Umlenkung an das LEO wissen, ist sie total demotiviert“, so der Vater. Und er fragt: „Was hat es uns genützt, dass wir uns so intensiv mit den Schulen befasst haben?“ Das sei alles umsonst gewesen.

Dazu kommt nun die Sorge der Familie, weil die Tochter jeden Morgen und nach dem Unterricht mindestens 40 Minuten Schulweg absolvieren muss. „Ich verstehe nicht, warum es in Dresden nicht möglich ist, dass die Kinder wohnortnah unterrichtet werden.“ Petra Nikolov vom Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) erklärt, dass das am sächsischen Gesetzgeber liegt. „In Sachsen gilt das Prinzip der freien Schulwahl für Eltern.“

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern gebe es im Freistaat für die weiterführenden Schulen keine festgelegten Schulbezirke, und auch die Kriterien, die Schulen anwenden, um unter den zu viel angemeldeten Kindern auszuwählen, seien nicht vorgeschrieben. So kann es sein, dass sogar ein Kind, das gar nicht in Dresden wohnt, auf ein Dresdner Gymnasium gehen darf, auf das auch viele andere Kinder wollen, die gleich in der Nähe wohnen. So ist es am Vitzthum-Gymnasium – dem Favoriten der Strehlener Familie – der Fall, dass ein Kind aus Bannewitz angenommen wurde. Das wurde im Losverfahren entschieden. Die Schule hat die Auswahlkriterien auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Dort ist nachzulesen, dass die Wohnortnähe schon eine Rolle spielt, allerdings nur, wenn die Familie nicht weiter weg wohnt als 1,2 Kilometer. „Alle Kinder, deren Schulweg länger ist, kommen in das Losverfahren“, sagt Leiterin Arnhild Göllner.

Egal, ob Dresdner Kind oder nicht: Göllner betont, dass die Auslosung mit den Elternvertretern korrekt abgelaufen sei. Und sie berichtet, dass viele Eltern mit dem Verfahren nicht einverstanden sind. „Es gibt auch böse Briefe mit dem Vorwurf, dass wir ungerecht sind.“ Ändern kann sie es nicht. Die Strehlener Familie kann nun nur noch auf einen Nachrückplatz hoffen.

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