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Riesa

Wenn der Toilettengang zum Parcours wird

Mit einem speziellen Anzug wird getestet, wie altersgerecht das Rathaus ist. Ein SZ-Redakteur hat mitgemacht.

Die Behindertentoilette hat SZ-Redakteur Stefan Lehmann gefunden, aber ganz ohne Hürden war der Weg dorthin nicht. Mit Rollstuhl und einem Altersanzug konnten sich Rathausmitarbeiter in die Probleme älterer Menschen hineinversetzen.
Die Behindertentoilette hat SZ-Redakteur Stefan Lehmann gefunden, aber ganz ohne Hürden war der Weg dorthin nicht. Mit Rollstuhl und einem Altersanzug konnten sich Rathausmitarbeiter in die Probleme älterer Menschen hineinversetzen. ©  Sebastian Schultz

Riesa. Vor der zweiten Tür ist für mich erst mal Schluss. Den Parkettboden entlang und die flache Rampe hinauf habe ich es noch relativ leicht geschafft, aber nun habe ich ein Problem: Mein Rollstuhl blockiert die Tür. Denn die geht nach außen auf. 

Ich versuche, mein Gefährt weiter zurückzusetzen. Reicht überhaupt der Platz? Ein Schulterblick nach links bringt keine Antwort. Ich kann zwar neben mich schauen, viel weiter aber nicht. Festgefahren. 

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Nach geschätzten anderthalb Minuten des unbeholfenen Hin- und Herrangierens hat Ines Lierat ein Nachsehen mit mir. Sie schiebt den Stuhl wieder nach unten, öffnet die Tür – und lässt mich durch. Und ich lerne: Wer weniger mobil ist, der muss jeden Weg noch ein bisschen besser vordenken.

Dabei ist meine Aufgabe im Grunde ja einfach gewesen: einmal zur Männertoilette, bitte. Die eine Herausforderung dabei ist der Rollstuhl. Die andere trägt den Namen Gert. Der „Gerontologische Simulator“ simuliert verschiedene Einschränkungen, mit denen Menschen im Alter zu kämpfen haben: Eingetrübtes und eingeengtes Gesichtsfeld, Schwerhörigkeit, steife Gelenke und Kraftverlust, um nur einige Beispiele zu nennen.

Für mich gab es deshalb zu Beginn der Übung unter anderem eine Art Halskrause, etwa 35 Kilogramm zusätzliches Gewicht an Oberkörper und Füßen, sowie mit Lamellen besohlte Schuhe, auf denen es sich ein gutes Stück wackliger steht. Als die Montur soweit sitzt, fragt mich Ines Lierat, ob alles in Ordnung sei. 

Jedenfalls ist es das, was ich durch die dicken Ohrenschützer zu verstehen glaube. Auf meine nach oben gestreckten Daumen zieht sie nur die Augenbrauen hoch. „Das hab’ ich nicht gefragt“, sagt sie nun mit deutlich lauterer Stimme. Geht ja gut los.

Das Spiel ließe sich noch deutlich weiter treiben, wird mir Lierat später erzählen. Etwa mit Überziehern für die Fingerkuppen, die das Greifen erschweren. Oder mittels spezieller Armschienen, die eine Gelenkversteifung simulieren. „Da hätte man jetzt zum Beispiel die Aufgabe stellen können, eine Melone zu schneiden.“ 

Die Idee hinter dem Anzug sei es, sich in die Probleme und Herausforderungen älterer und etwa in ihrer Bewegung eingeschränkter Menschen hineinzuversetzen. Die rechtwinklige Kurve vor der Tür Richtung Toilette hätte mir normalerweise keine Probleme bereitet, nun merke ich: Ist ganz schön eng dort – zumindest für jemanden, der noch nie im Rollstuhl gesessen hat.

Dafür habe ich immerhin die Schilder bemerkt, die den Weg zur Männertoilette ein Stockwerk weiter unten ausweisen. „Da waren Sie heute der Erste“, sagt Ines Lierat, die an der Stelle auch die an den Türen angebrachte Beschilderung kritisiert. Die Piktogramme an den Türen „sehen zwar gut aus und passen auch zum Stil des Hauses“. Aber sie seien schwierig zu erkennen. 

Tatsächlich habe ich auch eher geraten, weil der Kontrast zu gering und das Rollstuhl-Logo durch die rotstichige Brille eher schlecht als solches zu erkennen ist. Immerhin, die Türklinke ist niedriger angebracht, die hätte ich sonst überhaupt nicht erreichen können. Es sind solche vermeintlichen Kleinigkeiten, auf die „Gert“ seinen Träger aufmerksam macht. Zum Einsatz kommt er beispielsweise bei Projekten mit Schülern. „Eigentlich müssten Architekten darin unterwegs sein“, sagt Ines Lierat, die im Albert-Schweitzer-Haus die soziale Betreuung leitet.

Am Mittwochvormittag sind es immerhin schon einmal diejenigen gewesen, die zumindest indirekt die Architekten beauftragen: Etwa 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den etwa 1.300 Euro teuren Anzug geschlüpft oder haben Runden im Rollstuhl gedreht. Auch der Oberbürgermeister war dabei und ist mit Kulturamtsleiterin Kathleen Kießling vom Klosterinnenhof bis ins Bürgeramt gefahren. 

Das Fazit: „Es gibt sehr viel Nachbesserungsbedarf“, sagt Marco Müller. Einige Anstiege, Kanten und Engstellen seien ihnen aufgefallen. Gert und der Rollstuhl haben ihren Zweck damit schon einmal erfüllt. Getan sein soll es damit nicht. Ende Juni soll beispielsweise eine Rollstuhlwanderung vom Rathaus über die Hauptstraße bis zum Riesenhügel stattfinden. „Wir brauchen für so ein Projekt auch helfende Hände“, betont die Diakonie-Mitarbeiterin. In diesem Fall werden noch Menschen gesucht, die beim Schieben helfen.

Die nächste Rollstuhlwanderung findet am Sonnabend, 22. Juni, statt. Treff ist 9.30 Uhr an der Klosterkirche vor dem Tierparkeingang. Die Strecke führt über rund 1,5 km bis zum Riesenhügel. Hier klingt die Wanderung gegen 11.30 Uhr mit einem gemeinsamen Imbiss aus. Die Sternenfreunde Riesa vermitteln entlang des Wegs Wissenswertes zu den einzelnen Planeten unseres Sonnensystems.  

Um eine Anmeldung mit Anzahl der Teilnehmer, Begleiter und eventuell benötigter Schiebepersonen wird bis zum 14. Juni gebeten. Anmeldungen unter 03525 700465 oder per Mail an [email protected]. Dort können sich auch Freiwillige melden, die als Schiebeperson mitmachen möchten.