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Dresden

Wenn der Traum vom Haus zum Drama wird

Statt Monate wird Jahre gebaut: Ein Einfamilienhaus in Dresden strapaziert viele Nerven. Die Bauherrin sucht Mitstreiter.

Das Einfamilienhaus in Dresden strapaziert viele Nerven..
Das Einfamilienhaus in Dresden strapaziert viele Nerven.. © Sven Ellger

Galgenhumor und Wille – beides hält Dagmar Miethe über Wasser. „Sonst könnte ich das Dilemma nicht ertragen“, sagt sie. Seit drei Jahren wartet die Seniorin, dass der Bau ihres 160 Quadratmeter großen Einfamilienhauses in der Heidestraße 33 endet. Sie will es vermieten. Einen Interessenten gibt es bereits. Auch er wartet – seit 2017. Ein halbes Jahr wollte die Firma Elm Bau ursprünglich in Pieschen bauen. Doch daraus wurde nichts.

Dagmar Miethe hat das Projekt aufmerksam begleitet, mutmaßliche Mängel dokumentiert und beanstandet. Die Folge: Es dauerte länger und länger. Der Version der akribischen Seniorin steht eine andere gegenüber. Die Baufirma mit Sitz in Königslutter spricht von einem mehrjährigen Drama. „Inzwischen weigern sich die Bauarbeiter, die Baustelle zu betreten“, man stehe unter einem unmöglichen Rechtfertigungsdruck. Mit einem eigenen Haus erfüllen sich nicht automatisch Träume – das weiß Dagmar Miethe heute.

Die Rentnerin aus Dessau, die in Dresden auf dem Grundstück ihrer in den USA lebenden Tochter baut, geht ungewöhnliche Wege, um sich Gehör zu verschaffen. Bei der Dresdner Hausmesse hat sie vor Wochen demonstriert. „Bitte helfen Sie mir“ stand da auf ihrem Bettlaken. Miethe will wachrütteln. „Anderen soll nicht das Gleiche passieren wie mir.“ Sie sucht nach Bauherren, die Ähnliches erlebt haben. Gemeinsam könne man sich wehren, sagt sie und stemmt die Hände in die Hüften.

Für die 77-Jährige ist der Hausbau zur Lebensaufgabe geworden. Im Untergeschoss des Rohbaus sind die Wände mit Kalenderblättern beklebt. Monat für Monat hat die Rentnerin festgehalten, wann Bauarbeiter vor Ort waren. Ganze Wochen sind rot markiert, will heißen: „Niemand da“. Draußen im Garten zeigt sie ihr Bettenlager, sie übernachtet in der Laube. Damit ihr nichts entgeht. Auf die Frage, seit wann sie so lebt, entgegnet sie fast überrascht: „Seit Baubeginn“.

Nun auch noch Schimmel

Seitdem begleitet auch ihr Anwalt den Fall. In seiner Kanzlei auf der Bautzner Straße kommt Dietmar Scholz mit drei Aktenordnern unter dem Arm durch die Tür. Baumängel und mutmaßlicher Pfusch hätten sich beim Projekt Heidestraße aufgestaut, sagt er. Einen ähnlichen Fall habe er noch nicht erlebt. Exemplarisch sollen nur einige der Streitpunkte anklingen.

Der Fundamenterder, der als Erdung aller technischen Anlagen des Hauses fungiert, wurde nicht korrekt unter der Bodenplatte positioniert. Miethe fotografierte, vermutete Fehler, ließ sich erst von einer Architektin beraten, dann von einem Bausachverständigen. Sie lag richtig. Elm Bau musste nachbessern, riss die Bodenplatte ab und baute sie neu. Ähnlich beim Ringanker im Obergeschoss und der Geschossdecke, die für die Statik eines Hauses wichtig ist. Über Monate haben sich Bauherrin und Bauunternehmen eine Gutachtenschlacht geliefert. Aussage gegen Aussage. Letztlich wurde auf Anraten des Anwalts ein unabhängiger Prüfstatiker hinzugezogen. „Festgestellt wurde, dass die Geschossdecke wahrscheinlich nicht in Ordnung ist“, sagt Scholz. Wieder nachbessern – mit fast einem Jahr Bauverzögerung.

Nun geht es auch noch um Schimmel. 2018 hatte Miethe mit einem Gutachten Pilzbefall nachgewiesen, nachdem der Estrich verbaut und vermutlich nicht genügend gelüftet wurde. Miethe fordert noch immer den Nachweis, dass das gesamte Haus schimmelfrei ist. „Vorher kann ich nicht vermieten. Es könnte sonst zur Gesundheitsgefahr werden, hier zu wohnen.“

© Sven Ellger

Der Bauherren-Schutzbund aus Berlin rät jedem, der bauen will, genau dazu: skeptisch zu sein und immer unabhängige Sachverständige hinzuziehen. „Es ist ratsam, den Bau komplett überwachen zu lassen – sowohl bei Vertragsabschluss als auch bei der Ausführung“, sagt Geschäftsführer Florian Becker auf Nachfrage. Dass Häuser nicht fristgerecht fertig werden, beobachtet er häufig. „Viele Baufirmen sind stark ausgelastet. Das führt zu Zeitdruck und dazu, dass nicht selten mit neuen Subunternehmern gearbeitet wird, deren Qualität nicht immer gesichert ist.“ Häufig seien Bauleiter auch selten auf der Baustelle. „In dieser Gemengelage entstehen mehr Mängel als noch vor einigen Jahren.“

Baulust noch nicht verloren

Elm Bau spricht hingegen von „ungerechtfertigten Mangelbehauptungen, die in den Raum gestellt werden“. In Dresden baut das Unternehmen, das eine Tochter der Fibav Holding ist, derzeit drei Häuser. Gebaut würde nur mit Fachunternehmen, die in die Handwerksrolle eingetragen sind – so reagiert die Firma auf Miethes Kritik, die Subunternehmer würden fehlerhaft arbeiten. Auch klagt Elm Bau selbst an: Die Bauherrin habe viele Termine nicht wahrgenommen, Absprachen missachtet und damit „jeden Baufortschritt quasi methodisch zunichte gemacht“. Zudem schulde sie der Firma einen sechsstelligen Betrag.

Anwalt Scholz entkräftet den Vorwurf: Unter anderem hohe Mietausfallschäden würden mit der ausstehenden Summe verrechnet, von den Forderungen bliebe dann nicht viel übrig. Zudem erklärt er: Erst müsse das Haus fertig werden, dann könne der Kassensturz erfolgen. Ende Mai soll es so weit sein. Miethe will daran nicht glauben. Sie will das Haus erst abnehmen, wenn es fehlerfrei ist. Ob sie noch einmal bauen würde? „Ja sicher. Jetzt kenne ich mich ja allmählich aus“, blitzt noch einmal ihr Galgenhumor auf.