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„Wenn die Bagger anrollen, kämen 50.000“

Trotz Ausstiegsplänen soll das Dorf Pödelwitz der Braunkohle weichen. Ein Klima-Camp hilft den Bewohnern beim Protest.

Das gelbe Holzkreuz steht für den Widerstand in Pödelwitz.
Das gelbe Holzkreuz steht für den Widerstand in Pödelwitz. © dpa/Peter Endig

Wenn letzte Mohikaner kämpfen, verschieben sich die Normen. Bestickte Gardinen zieren Geisterhäuser, die Kirche gibt Bäume für Protestposten frei. Ein sächsisches Dorf wird Schauplatz einer Szene wie aus Woodstock. Vor den meisten Häusern in Pödelwitz südlich von Leipzig verbieten Schilder das Betreten, die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) hat sie ihren einstigen Bewohnern abgekauft.

Mehr als 100 Menschen sind gegangen. Die Mibrag will das 700 Jahre alte Dorf von der Landkarte tilgen, um Braunkohle abzutragen. 23 Menschen leben noch in Pödelwitz. Sie weigern sich, zu gehen. Seit vergangenem Samstag ist es auf eine Größe von rund 1 000 Menschen aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Lateinamerika gewachsen. Ein Klima-Camp unterstützt den Protest zum zweiten Mal. Zelte für Veranstaltungen breiten sich über die Wiesen aus, Camper quetschen sich zwischen Bäume, bunte Holzschilder zieren die Wege.

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Seit dem Auftaktfest geht es in mehr als 100 Diskussionen und Workshops um das Klima, Gerechtigkeit, Rassismus. „Die Leugnung der Klimakrise von rechts“ sei ebenso ein Problem wie „rassistisch motivierte Erzählungen von Übervölkerung“, sagt ein Teilnehmer. Auch in Teilen der Umweltbewegungen seien sie verbreitet.

Dorfbewohner Jens Hausner und seine Tochter führen durch die Straßen, über ein Gelände, das die Kirche für den Protest verpachtet. „Hier kommt der Staat nicht so einfach ran“, sagt Hausner. Ein Baumhaus thront darüber, nur mit Seilen zu erklimmen. Daneben entsteht ein Holzhaus für Protest bei Regen und Schnee. Das Klima-Camp versorgt alle, finanziert sich über freiwillige Abgaben.

Ziviler Ungehorsam ist wichtig

Hausner stemmt die Arme in die Hüften und legt sein Protestgesicht auf, als Sprecher der Bürgerbewegung Pro Pödelwitz kämpft er auch medial an vorderster Front. „Wenn verkehrte Politik gemacht wird, ist ziviler Ungehorsam wichtig“, sagt er. Was, wenn die Bagger wirklich anrollen? „Wird nicht passieren. Dann kämen uns 50.000, wie in Hambach, beim Klima-Camp unterstützen. Da bin ich ganz sicher.“ Weit ist es nicht bis zur Kohlekante. Luftbilder zeigen eindrucksvoll, wie nah die Bagger sich an Pödelwitz heran gefräst haben. Wie eine Insel liegt es vor dem Loch. Das Klima-Camp soll auch daran erinnern, dass Mitteldeutschland ein großes Kohlegebiet beherbergt. Im Fokus standen zuletzt vor allem das rheinische Hambach und die Lausitz. Spätestens 2038 soll sich Deutschland klimaneutral versorgen, Mibrag-Geschäftsführer Armin Eichholz hält dennoch an den Plänen fest: Man brauche die Kohle. Um das Kraftwerk zu versorgen, müsse Pödelwitz weichen. Rücksicht auf das Dorf: Fehlanzeige. Es ist das letzte im Revier, das verschwinden soll.

Am Dienstag haben Aktivistinnen und Aktivisten einen der Bagger im anliegenden Tagebau „Vereinigtes Schleenhain“ besetzt, am Mittwoch ein Kohleförderband stillgelegt. Ein Aktivist sitzt noch immer in Untersuchungshaft. Mibrag gab sich „entsetzt über das rücksichtslose Vorgehen der Braunkohlegegner“.

Jens Hausner zeigt die alte Kirche. „Viele Politiker reden von Heimat, aber unsere wollen sie wegreißen“, klagt er. Seit den 1920er-Jahren mussten 122 Orte und knapp 53.000 Menschen in Mitteldeutschland der Braunkohle weichen, wie eine Recherche des MDR ergab. Ein Protestzug mit einer „bunten Tanzdemo“ führt diesen Samstag vom Bahnhof Neukieritzsch bis zum Braunkohlekraftwerk Lippendorf. Am Montag leert sich Pödelwitz wieder. In Rufbereitschaft bleibt der Unterstützungstrupp. Und die Kirche vorerst im Dorf.

Aktivisten tanzen vor dem Kraftwerk Lippendorf. 
Aktivisten tanzen vor dem Kraftwerk Lippendorf.  © dpa

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