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Wenn die Hände schneller sind als der Kopf

Ein 37-Jähriger spricht von „notbedingten“ Straftaten. Er wurde 21 Mal verurteilt. Nummer 22 bringt ihn ins Gefängnis.

Einkaufen ohne zu bezahlen wird in aller Regel mit Geldstrafen geahndet. Doch hier liegt die Sache anders.
Einkaufen ohne zu bezahlen wird in aller Regel mit Geldstrafen geahndet. Doch hier liegt die Sache anders. © Symbolfoto: Oliver Berg/dpa

Meißen. Spät kommt er, doch er kommt. Gerade noch rechtzeitig vor Ablauf des „akademischen Viertels“ betritt der Angeklagte den Saal des Amtsgerichtes Meißen. Schuld ist er daran nicht. Er sei bei der Einlasskontrolle so lange aufgehalten worden, behauptet er. Dass er überhaupt kommt, ist ein kleines Wunder. Denn der gerichtserfahrene 37-Jährige bringt es schon auf 21 Verurteilungen. 

Für die Taten, die ihm diesmal zur Last gelegt werden, drohen in aller Regel Geldstrafen. Doch bei ihm liegt die Sache ganz anders. Mehrere Ladendiebstähle in Meißen wirft ihm Staatsanwalt Lorenz Haase vor. Von einer Spielzeugdrohne über Lebensmittel wie Salami oder Nutella bis hin zu Glühbirnen und Kopfhörern, alles im zweistelligen Eurobereich, bis hin zu einem Energydrink für ganze 57 Cent. Aus einem Hausflur soll der Angeklagte auch ein Fahrrad, ein Dreirad, im Wert von 200 Euro gestohlen haben. 

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"Ich hätte das Auto ja auch klauen können"

Die Ladendiebstähle gibt der Meißner zu. Er spricht von „notbedingten“ Straftaten. Der Mann, der keinen Beruf erlernt und keinen Job hat und von Arbeitslosengeld II lebt, ist vor allem wegen seiner Drogensucht in Not. Wozu er denn eine Spielzeugdrohne gebraucht habe, will der Staatsanwalt wissen. „Na, um sie zu Geld zu machen“, gibt der Mann zu. 

Das Dreirad aber will er nicht gestohlen haben. Das habe auf einem Schrottplatz gestanden, später spricht er von Sperrmüll. Ein Kumpel habe ihm gesagt, dass er das mitnehmen könne. Wer der Kumpel gewesen sei, das weiß er leider nicht mehr. Tatsächlich stand das Rad nicht im Sperrmüll vor dem Haus, sondern im Hausflur. Im Grunde war der Diebstahl nach seiner Ansicht eine gute Tat. „So wie das Ding aussah, hätte es sowieso mal eine Restaurierung gebraucht. Es war total verrostet und hatte einen Platten“, sagt er.

Die Eigentümerin sah das wohl ganz anders. Durch Geräusche wurde sie geweckt, sah durchs Fenster, wie der Angeklagte ihr Dreirad wegschob und in seinen Hauseingang schaffte. Sie kannte den Mann. Der hatte mal ihren Autoschlüssel gefunden und bei ihr abgegeben. Dafür lobt sich der 37-Jährige selbst. „Ich hätte ja auch das Auto klauen können“, sagt er dreist und mit größter Selbstverständlichkeit. 

Die Chance nicht genutzt

Erst Anfang Juni vorigen Jahres wurde der Angeklagte vom Amtsgericht Leipzig unter anderem wegen Diebstahls, Körperverletzung, Widerstandes gegen Polizisten, Besitzes von Drogen, Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Diese wurde für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Vier der jetzt angeklagten Taten beging der Mann in der Bewährungszeit. Für den Staatsanwalt ist deshalb klar, dass hier Geldstrafen nicht mehr ausreichen. Er beantragt eine Haftstrafe von insgesamt acht Monaten, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass der Mann künftig straffrei leben würde, sagt er.

Richterin Ute Wehner verurteilt den Angeklagten zu der beantragten Strafe. Dabei hat er Glück, dass das Gericht keinen gewerbsmäßigen Diebstahl sieht. Dann wäre die Strafe deutlich höher ausgefallen.  „Sie haben Ihre Chance nicht genutzt“, sagt die Richterin. Wird das Urteil rechtskräftig, muss der Mann auch die Leipziger Strafe noch zusätzlich  absitzen, denn in diesem Fall wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Bewährung widerrufen. 

Der Angeklagte  will jetzt plötzlich den Grund für seine Straftaten kennen. Er glaubt, dass er krank ist: „Vielleicht ist es Kleptomanie? Meine Hände sind eben manchmal schneller als der Kopf“, sagt er. Das Urteil will er anfechten. 

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