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Wenn die Kohle für die Kohlen knapp wird

Helmut Pehs Geschichte ist typisch für einen Arbeiter in der Ex-DDR-Industrie. Die Konsequenz auch?

Von Gesine Schröter

Langsam bückt sich Helmut Peh hinunter zum Ofentürchen. Der Kohleeimer steht daneben, frisch gefüllt. Am Morgen hat der 69-Jährige neue Briketts aus dem Keller geholt. „Wenn ich das weiße Abholzettelchen nicht bekommen hätte, wäre ich schon erfroren“, sagt Peh mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus in der Stimme. Tatsächlich hätte der Dittelsdorfer die 150 Euro nicht aufbringen können, die die Kohlen für den bevorstehenden Winter kosten, genauso wenig wie die Stromnachzahlung von 100 Euro an die Enso. Dank der Spendenaktion Lichtblick hat sich diese Lücke aber erst einmal geschlossen.

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Daneben tut sich für Helmut Peh aber noch eine viel größere auf: Laut seinem Kontoauszug ist der Dittelsdorfer 400 Euro im Minus. Da rauszukommen, wird länger dauern. „Am Nachmittag werde ich die letzten 25 Euro vom Sparbuch holen müssen“, sagt er. Die müssten reichen bis zum Monatsanfang, wenn es wieder Rente gibt. Von diesen 775 Euro rechnet Peh gleich einmal die 400 Euro Dispo ab. Bleiben 375, minus 159 Miete, 61 Strom, 54 GEZ, 16 Telefon, bleiben 85 Euro. „Dann kommt im Dezember auch noch die Autosteuer“, stöhnt der Renter. 81 Euro kostet die, und Peh ist wieder bei Null. Der Gedanke, dass der Dittelsdorfer in diese Schulden geraten ist, weil er über seine Verhältnisse gelebt hat, schließt sich beim Anblick seiner Wohnung aus. Hier, in dem kleinen Häuschen direkt neben dem Gasthof, gibt es kaum einen Gegenstand, der jünger ist als 20 Jahre; die Tapete in der Küche ist vergilbt und teilweise abgeblättert, aus dem Wasserhahn im Bad kommt kein Wasser. Seine neueste Sorge sei momentan das mit dem Boiler, sagt Peh. Weil ein Ventil geleckt hat, ist eine Diele vom Wasser völlig aufgeweicht worden. Zumindest aber hält das alte Wachstuch auf dem Wohnzimmertisch, das Peh sorgfältig abwischt, bevor er eine aus Stoff darüberlegt und seine geordneten Papiere und Unterlagen darauf ausbreitet. Da sind Fotos zu sehen, vom Abriss der Fabrikhallen des Hirschfelder Kraftwerks Anfang der 90er Jahre, Pehs Kollegen in Metallschürzen, mit allerlei Schneidegerät in den Händen. Nach 30 Jahren meist schwerster körperlicher Arbeit zerlegen sie ihren eigene Wirkstätte, um wenig später arbeitslos zu werden. Der 1944 geborene Peh hatte hier mit 17 seine Lehre als Betriebsschlosser beendet und anschließend als Kesselflicker gearbeitet, eine der härtesten Arbeiten in der Metallindustrie. Hitze, Staub und Kohlendioxid machten schon damals seinem Herzen zu schaffen.

Im Betrieb herrschte Kündigungsverbot. Peh wollte raus aus der DDR, zu seinem Onkel in die Nähe von Kassel, Anfang August 1961. Weil ein Brief zu spät ankam, verpasste er die Chance, dann kam der 13. – Mauerbau. So ging das schwere Arbeiten für Jahrzehnte weiter, mit einem ebenfalls harten Intermezzo bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Heute bereut der Dittelsdorfer, dass er die verlassen hat, denn er kenne Fälle, in denen es gar ehemaligen Offizieren gut ergangen sei nach der Wende.

Nicht so ihm. Mit 49 knapp zu jung für den Vorruhestand, galt der Arbeiter mit den „goldenen Händen“, wie er selbst sagt, ab 1993 als arbeitslos. Mehrere Bewerbungen, unter anderem bei der Bundeswehr, schlugen fehl, aus Altergründen. Bei der Auszahlung der Arbeitslosenhilfe musste Peh ständig darauf achten, dass auch alle ihm zustehenden Entschädigungen wegen seiner arbeitsbedingten, körperlichen Schäden berücksichtigt wurden. Wenigstens hatte er von den Leuna-Werken, die das ehemalige Braunkohlewerk Hirschfelde zuletzt übernommen hatten, eine Prämie von 10 000 Euro bekommen. Für seine Entlassung. Doch dieses kleine Kapital wurde zum Problem, sowohl zu Zeiten des Arbeitslosengeldes als auch bei der Rente, in die er 2004 endlich eintreten konnte. Ohnehin hatte Peh bis dahin immer weniger von dieser Prämie, denn er musste davon das Altenheim für seine Mutter bezahlen, die 2002 schließlich starb. Seine Schwester hatte nichts dazugegeben, ganz zu schweigen von seiner geschiedenen Frau oder seinem Sohn; beide hat er Mitte der 80er Jahre das letzte Mal gesehen.

Für den letzten Rest sorgte schließlich ein Malheur, das Peh erst vor Kurzem passiert ist: Beim Verschneiden der Weinpflanze an der Hausmauer zerschnitt er aus Versehen das ungesicherte Telefonkabel. Da er keine Versicherung hat, muss er den Schaden selbst bezahlen. „Die Hälfte ist schon weg“, sagt er entschlossen. Denn was ist schon so ein windiges Telefonkabel im Gegensatz zu den „vielen Stürmen“, die er schon erlebt habe. Zurück im Hier und Jetzt, erinnert sich Helmut Peh schließlich, dass er heute Nachmittag neben den letzten 25 Euro noch etwas anderes erledigen muss: Er trifft zum ersten Mal seinen Betreuer vom Sozialamt. Vielleicht ist der neben der kleinen Kohlenspende vielleicht ein weiterer Lichtblick, dass es auch nach diesem Sturm weitergeht.Auf ein Wort