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Wenn die Orgeln schimmeln

Beide Instrumente in St. Marien sind befallen. Glück im Unglück: Kamenz kommt so in ein Forschungsprojekt.

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© es gelten meine agb.

Von Ina Förster

Das Hygrometer zeigt 83 Prozent an. 70 wäre die obere Grenze. Die Luft in der Hauptkirche Kamenz ist aus diesem Grund Gift für die große historische Walcker-Orgel. Und auch für die kleine unten am Altar von 1835. Kirchenmusikdirektor Michael Pöche schaut besorgt auf das Messgerät. Seit ein paar Wochen hat man es oben auf der Empore deponiert. Man muss seinen Feind kennen. Die Kamenzer Orgeln schimmeln. Und das ist schlecht.

© es gelten meine agb.

Erst 2005 wurde das königliche Instrument nach umfangreicher Restaurierung wiedergeweiht. Nun ist sie von kleinen grün-weißen Punkten übersät. Die Walcker-Orgel scheint regelrecht zu blühen. Vor allem im Innern. Alles, was aus Holz ist, trägt die verräterische Schicht, die im ersten Moment aussieht, wie Staub. Doch es sind Schimmelpilze. Die Herkunft muss untersucht werden. Fakt ist eines: Der Pilz setzt sich in ganz schmalen Luftspalten oder an den Holzpfeifen ab, er kann das Holz schädigen. Und auch der Klang der Instrumente leidet. Es gibt meistens keine Erklärungen, warum eine Orgel von Schimmel befallen wird oder nicht. Neue oder restaurierte Instrumente sind ebenso betroffen wie alte. Allerdings häufen sich die Fälle an sächsischen Orgeln. Was dem einen mysteriös vorkommt und Raum für Spekulationen bietet, ist für den anderen Anlass für ein Forschungsprojekt. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland engagiert sich dafür, Sachsens Landeskirche und das Landesamt für Denkmalpflege sind Kooperationspartner. In selbiges werden nun beide Kamenzer Orgeln aufgenommen. Und das ist Glück im Unglück.

Die Landeskirche schätzt ein, dass in ihrem Bereich jede dritte der etwa 1 500 Orgeln geschädigt sei. Die Dunkelziffer könnte höher liegen. Der Befall kommt häufig erst bei gründlichen Inspektionen ans Licht. Normalerweise wird ja nur alle 30 Jahre grundgereinigt. So war das auch in Kamenz der Fall. „Noch zum Forstfestkonzert im August war nichts zu sehen. Man hat ja Augen im Kopf und schaut sich sein Instrument von Zeit zu Zeit genauer an“, so Michael Pöche. „Und zwei Wochen später haben wir plötzlich die ersten Pünktchen entdeckt. Das war ein Schock.“ Leider hat sich das Unheil seitdem recht schnell ausgebreitet und mittlerweile ist sogar das alte Chorgestühl am Altar rückwärtig befallen. Der Schimmelpilz ist im gesamten Gotteshaus unterwegs, breitet sich aus. Man muss ihn stoppen. So viel ist klar. „Die langen Winter, die feuchten Frühlinge der letzten Jahre – das alles können Gründe sein. Eigentlich ist unsere Kirche aber recht gut belüftet, da wir in der Regel von Mai bis September durchgehend geöffnet haben“, sagt der Kantor. Erklärungsversuche gibt es viele: Beispielsweise könnte der Schimmelpilz ein Exemplar sein, das erst Überlebenschancen hat, seit die Luft allgemein deutlich sauberer ist als früher.

Die Ursachenforschung wird bald starten. Die Anträge für das Forschungsprojekt sind durch, Kamenz ist dabei. Würde es nach der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde gehen, müsste so schnell wie möglich etwas passieren. „Hier darf man nicht zaudern, auch die betreuende Orgelfirma Groß aus Waditz ist der Meinung. Denn umfangreiche Arbeiten kommen auf sie zu“, so Pöche. Die Orgel muss komplett ausgebaut werden, ähnlich wie bei einer Generalüberholung. Die Fachleute im Forschungsprogramm müssen allerdings vorher ran an die Materie. Sie müssen die beste Strategie entwickeln, wie man den Schimmel auf Dauer loswird. „Auch in der Klosterkirche hatten wir dasselbe Problem, dort war die Mende-Orgel jüngst von Schimmel befallen. Und ein paar andere Einrichtungsgegenstände, wie Vitrinen. Dort hat man es ordentlich hinbekommen, ohne die chemische Keule zu schwingen“, erzählt Michael Pöche. Man rechnet allerdings mit Ende März, bis sich etwas tut. Gut, dass Ostern 2014 so spät fällt.