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Leben und Stil

Wenn die Pflegekraft zu Hause einzieht

Agenturen vermitteln 24-Stunden-Hilfen aus Osteuropa. Doch die Verträge sind oft mangelhaft, die Kosten hoch.

Violetta Magalska aus Polen (Mitte) kümmert sich um die pflegebedürftige 89-jährige Gertrud Petzoldt und ihren 91-jährigen Ehemann Siegfried. Dafür ist sie mit in die Wohnung des Paares in Lauta im Landkreis Bautzen eingezogen.
Violetta Magalska aus Polen (Mitte) kümmert sich um die pflegebedürftige 89-jährige Gertrud Petzoldt und ihren 91-jährigen Ehemann Siegfried. Dafür ist sie mit in die Wohnung des Paares in Lauta im Landkreis Bautzen eingezogen. © Wolfgang Wittchen

Siegfried Petzoldt ist 91. Die Betreuung seiner pflegebedürftigen Frau schafft er schon lange nicht mehr. Sie ins Heim zu geben, kam für den Lautaer nicht infrage. Doch mit dem ambulanten Pflegedienst war er unzufrieden. Also suchte er nach Alternativen für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Ein Problem, was viele mit Petzoldts teilen. Agenturen versprechen, Betreuungskräfte zu vermitteln, die vorwiegend aus Osteuropa kommen.

Doch genaue rechtliche Regelungen dafür gibt es nicht. So war auch eine Überprüfung von bundesweit 13 Vermittlungsagenturen durch die Stiftung Warentest vor zwei Jahren ernüchternd. Die Tester sichteten über 900 Dokumente – Webseiten, Infomaterial, Verträge. Zwar erwiesen sich neun dieser Agenturen als hilfreich bei der Vermittlung. Doch bei allen fanden sich Mängel in den Verträgen, die vor allem zulasten der Arbeits- und Ruhezeiten der Pflegekräfte gehen.

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In vielen Verträgen, die deutsche Kunden mit ausländischen Partnerfirmen abschließen, würde keine Haftung bei Fehlern und Unfällen der Betreuungskraft übernommen, so die Tester. Kunden könnten kaum nachvollziehen, wie viel von den Kosten bei den Helfern ankommt. 

Kritisiert wurde auch, dass die Frauen oft länger arbeiten als die gesetzlich erlaubten 48 Stunden in der Woche. Die Stiftung Warentest war von nur zwei Agenturen überzeugt: der „Pflege zu Hause“ und den „Hausengeln“ aus München, einem der bundesweit größten Anbieter für diese Betreuungsform. Dort fand auch Siegfried Petzoldt Hilfe.

Keine professionelle Pflege

Laut Stiftung Warentest leben und arbeiten etwa 300.000 Osteuropäer in deutschen Haushalten – vor allem Frauen. Weil immer mehr Menschen eine Rund-um-Betreuung brauchen, Verträge aber oft fehlerhaft sind, sammeln jetzt mehrere Verbraucherzentralen zwei Jahre lang Verträge für die 24-Stunden-Betreuung, um sie auf Risiken zu untersuchen. 

„Es ist ein Trugschluss, dass solche Haushaltshilfen rund um die Uhr arbeiten können, weil sie natürlich auch Pausen und Ruhezeiten brauchen“, sagt Natalia Bott von der Verbraucherzentrale Berlin. Zudem haben sie oft keine umfassende Ausbildung und können keine professionelle Pflege übernehmen. Für Leistungen wie die Wundversorgung braucht es aber ausgebildete Kräfte, die auch Familie Petzoldt zusätzlich beauftragen muss.

Eine Checkliste der Verbraucherzentrale hilft, sich vor Vertragsabschluss abzusichern. So sollten Angebote und Verträge von mehreren Anbietern verglichen werden. Vereinbart werden muss, was passiert, wenn sich der Betreuungsbedarf erhöht oder die Haushaltshilfe ausfällt. Viele Betreuungskräfte halten nicht lange durch. Bei Siegfried Petzoldt ist mit Violetta Magalska jetzt schon die dritte polnische Haushaltskraft eingezogen.

© Wolfgang Wittchen

Ein Problem mit den wechselnden Betreuungskräften hat er nicht. Bisher ist er mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie helfen seiner Frau beim Waschen, Anziehen und vielen kleinen Dingen des täglichen Lebens. „Meist wollen die Frauen aber nach zwei, drei Monaten wieder für einige Zeit nach Hause“, sagt Juliane Bohl, Vorstandsmitglied der Hausengel-Agentur. Manchmal müsse gewechselt werden, weil die Chemie nicht stimme.

Laut Bohl klärt die Hausengel-Agentur Familien und Betreuungskräfte über rechtliche und finanzielle Aspekte auf. „Die Vertragsunterzeichnung wird von einem Außendienstmitarbeiter begleitet, der Fragen vor Ort klären kann.“ Zudem würden die Betreuungskräfte telefonisch geprüft, später geschult und auf Deutschkenntnisse getestet.

Es gebe Zweigstellen in Polen, aber auch in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Litauen und Kroatien. Dass sie vor allem Osteuropäer vermitteln, liege daran, dass es kaum deutsche Bewerber für diese Tätigkeit gebe. Bohl: „Es bestehen auch Berührungsängste, mit in die Wohnung oder das Haus der Pflegebedürftigen einzuziehen.

Hier gibt es Rat

Eine Checkliste für den Betreuungsvertrag von der Verbraucherzentrale: www.sz-link.de/24Stunden

Die Verbraucherzentralen Brandenburg, Berlin und NRW sammeln bis November 2020 Verträge zur häuslichen 24-Stunden-Betreuung. Zu übermitteln sind sie per Mail: [email protected], per Fax: 030 2117201 und per Post: Verbraucherzentrale Berlin, „Grauer Pflegemarkt“, Hardenbergplatz 2, 10623 Berlin.

Unter folgender Telefonnummer können sich Pflegebedürftige und ihre Angehörigen über Rechte bei Verträgen und die 24-Stunden-Betreuung informieren: 030 54445968. Sprechzeiten montags und dienstags 10 bis 14 Uhr, mittwochs 14 bis 18 Uhr.

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Vermittelt würden bei den Hausengeln ausschließlich selbstständige Betreuungskräfte mit Gewerbeanmeldung in Deutschland und deutschen Versicherungen, so Bohl. Verbraucherschützer warnen hier allerdings vor dem Risiko einer Scheinselbstständigkeit.

Das ist ein Arbeitsverhältnis, bei dem ein vertraglich als selbstständig betitelter Auftragnehmer nach objektiven Kriterien Arbeitnehmer ist und versicherungspflichtig angemeldet werden müsste. Eine solche Scheinselbstständigkeit kann für den Pflegebedürftigen zu hohen Bußgeldern und Nachzahlungen in der Sozialversicherung führen.

Neben dieser Vertragsform gibt es zwei weitere Möglichkeiten, Betreuungskräfte im eigenen Haushalt zu beschäftigen. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen können selbst einen Arbeitsvertrag abschließen. Als Arbeitgeber müssen sie dann Lohn und Sozialversicherungsbeiträge zahlen und auf Einhaltung von Arbeitsschutz wie Arbeits- und Ruhezeiten achten.

Bis zu 2.500 Euro Monatskosten

Am gebräuchlichsten ist laut Verbraucherschützer ein Vertrag mit einer ausländischen Firma, die Betreuungskräfte nach Deutschland schickt. Die Arbeitgeberpflichten muss hier die ausländische Firma erfüllen. Wichtig sei es dann vor allem, die Betreuungskraft nach ihrer A1-Bescheinigung zu fragen. 

Dieses Dokument wird von Behörden im Heimatland auf Antrag ausgestellt. Es belegt, dass die Sozialversicherungsbeiträge dort fällig werden. So ist auch die Familie in Deutschland abgesichert. „Damit,“ so Verbraucherschützerin Bott, „sind die Hilfebedürftigen aber nicht weisungsberechtigt – und es verdienen zwei Agenturen mit, sodass weniger für die Haushaltskraft übrig bleibt.“

Billig ist keine der Vertragsformen. Je nach Beschäftigungsmodell müssen Familien mit monatlichen Kosten zwischen 1.800 und 2.500 Euro rechnen. Petzoldts zahlen 2.500 Euro. 680 Euro davon gehen an die Vermittlungsagentur für Versicherungen, Auftragsvermittlung, Übernahme aller Formalitäten, Betreuung und Schulungen. 728 Euro Pflegegeld bekommt Gertrud Petzoldt von der Pflegekasse, den Rest für die häusliche Betreuung muss sie mit Unterstützung ihres Ehemanns selbst zahlen. Die Betreuungskraft verdient bei Petzoldts 1.820 Euro netto. Kassieren Vermittlungsagenturen mit, ist es viel weniger, meist nur um die 1.000 Euro.

Escher hilft

Pflegefragen sind rechtlich kompliziert. Brauchen Sie Hilfe? Am 14. Mai, 18.30 Uhr, laden Peter Escher und Anwalt Michael Baczko (Sozialrecht) zur Leserveranstaltung ins Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20, ein.

● „Ärger mit Behörden? Ein Fall für Peter Escher“ heißt ihr Vortrag. Leser können Fragen zum Sozialrecht stellen wie zu Kranken-, Renten-, Unfall- oder Pflegeversicherung.

 Karten kosten 15 Euro (für SZ-Card-Inhaber 13 Euro), erhältlich in allen SZ-Vorverkaufsstellen – oder verbindliche Voranmeldung per Mail


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