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Wenn die Postfrau zweimal klingelt

Den florierenden Online-Handel bekommt auch Botin Lisa Hänisch zu spüren. Ein Arbeitstag mit 267 Paketen und vielen verschlossenen Türen.

Von Doreen Reinhard

Dieser düstere, nasskalte Morgen beginnt für Lisa Hänisch mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die schlechte zuerst: Ihr Arbeitstag besteht heute aus 267 Paketen, fast doppelt so viele wie sonst. Eigentlich ist das die Ausnahme, aber wie jeden Dezember herrscht im DHL-Lager Dresden-Torna Ausnahmezustand, dieses Jahr noch ein bisschen mehr als sonst. Der Online-Handel boomt, erst recht vor dem Fest der großen Gaben. An einem Durchschnittstag manövriert DHL über drei Millionen Pakete durch Deutschland, im Advent sind es bis zu acht Millionen. Das neue iPhone, die DVD-Sammelbox, der todschicke Wintermantel, alles, was unter dem Tannenbaum landen soll, muss von Tausenden Postboten bewegt werden, unter anderem von Lisa Hänisch.

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Bevor die Kuriere mit ihrer Tagesration auf die Reise gehen, sortieren sie diese nach Adressen. Das erspart die Suche vor Ort.
Bevor die Kuriere mit ihrer Tagesration auf die Reise gehen, sortieren sie diese nach Adressen. Das erspart die Suche vor Ort.
Normalerweise werden in einem Zustelllager bis zu 6.000 Pakete pro Tag sortiert, im Advent sind es doppelt so viele.
Normalerweise werden in einem Zustelllager bis zu 6.000 Pakete pro Tag sortiert, im Advent sind es doppelt so viele.
„Sie haben doch nicht richtig geklingelt“, schimpft mancher Kunde, wenn er nur einen Zettel im Briefkasten findet.
„Sie haben doch nicht richtig geklingelt“, schimpft mancher Kunde, wenn er nur einen Zettel im Briefkasten findet.

Kurz nach neun wuchtet sie im Neonlicht der Lagerhalle die ersten Pakete hin und her und freut sich über die gute Nachricht: Sie fährt heute Tour 34 in Reick, dort kennt sie jede Straße. „Die bin ich bestimmt schon über 100 Mal gefahren.“ Sie kennt die Vorteile und die Nachteile dieser Route, im Vergleich jedenfalls mit dem Nachbarstadtteil Prohlis. „In Reick sind die Leute eigentlich alle nett, in Prohlis ist das nicht immer so“, sagt Lisa Hänisch. Dafür erleichtert ihr dort eine andere Sache die Arbeit: „In Prohlis sind fast alle zu Hause.“

Zustellung ist Familiensache

Ohne aufzuschauen sortiert sie ihr Tagespensum, das auf einem Fließband angerollt kommt. Für die Pakete ist es die vorletzte Station ihrer Reise. Sie kommen aus einem noch größeren Lager in Ottendorf-Okrilla, wurden dort sortiert nach Adressen auf die beiden DHL-Zustelllager in Dresden verteilt. Nun muss Lisa Hänisch sie noch genauer sortiert zum Empfänger transportieren. Sie ihm im besten Fall persönlich übergeben, so lautet jedenfalls ihr Arbeitsziel.

Für einen Schwatz mit den Kollegen hat sie gerade keine Zeit. Nur eine unaufmerksame Minute und die Pakete stauen sich zu einem wackeligen Haufen, dem der Absturz vom Fließband droht. Die 20-Jährige gehört zwar zu den Jüngsten im Team, aber ist Anpacken mittlerweile gewöhnt. Sie stemmt Pakete, die im schwersten Fall 30 Kilo auf die Waage bringen, die Hälfte ihres Körpergewichts. „Muskelkater gibt es schon lange nicht mehr“, sagt sie. „Dafür brauche ich kein Fitnessstudio.“ Bei der Arbeit trägt sie Jeans und Turnschuhe, weil das am bequemsten ist, aber sie gönnt sich trotzdem eine Extravaganz: künstliche Fingernägel mit Glitzerlack. Auch wenn beim Paketestapeln immer mal einer abbricht.

Bei der Post arbeiten, das liegt in Lisas Familie. Oma und Tante haben das schon gemacht und in ihrem ersten Nebenjob als Schülerin war sie Zeitungsausträgerin. Später hat sie hauptberuflich bei DHL angeheuert. Sie mag ihren Job ohne Wenn und Aber. Auch den Schichtbeginn im Morgengrauen, den Dienst bei Wind und Wetter. Und sie stört sich nicht daran, dass ihre Arbeit genau genommen einsam ist. Ab dem Moment, in dem sie alle 267 Pakete in ihrem Dienstwagen einsortiert hat und ihre Tour beginnt. Erste Etappe ist heute ein Einkaufszentrum, in dem die junge Botin eine alte Bekannte ist. Es ist der bessere Teil des Tages für Lisa Hänisch, weil in den Geschäften die Türen offen sind und die Arbeit fix von der Hand geht. Hurtig liefert sie aus, im Zoogeschäft, im Geschenkeshop, im Babymarkt. Ein „Hallo“, dann zückt sie ihren Mini-Computer, holt sich eine Unterschrift ab, und ist wieder zur Tür hinaus, neue Ware holen. Hinter ihr parkt ein anderer Kurier, kein gelbes Auto, sondern ein braunes. Am Steuer sitzt ein Mann in Lisas Alter, sie winkt ihm zu. „Wir Stammzusteller kennen uns“, sagt sie. „Konkurrenz gibt es bei uns nicht. Wir machen doch dieselbe Arbeit, nur mit verschiedenen Farben“, sagt er und hofft auf noch ein Lächeln von Lisa, aber die eilt schon wieder weiter.

Kurz vor eins hat sie sich zwar ein paar Minuten Zeit genommen, um das Käsebrötchen aus ihrer Brotbüchse zu essen, aber der schwierige Teil kommt noch: die vielen Reicker Wohnhäuser, in denen Kleinstarbeit auf sie wartet. Hunderte Male dieselbe Prozedur: das richtige Paket aus dem Auto heraussuchen, damit zur richtigen Haustür gehen, klingeln und auf eine Antwort warten. Ein Glücksspiel. Wenn es klappt, knarzt die Sprechanlage: „Hallo, hier ist die Post, ich habe ein Paket für Sie.“ Der Türöffner summt und Lisa Hänisch kann die Treppen hochjoggen und ihren Spruch aufsagen: „Ich bräuchte noch ein Autogramm. Vielen Dank und einen schönen Tag noch.“

Geheimnisse in Pappe

An normalen Tagen nimmt sie sich manchmal Zeit für einen Plausch. „Für einige Leute bin ich der einzige Mensch, den sie an einem Tag sehen“, sagt sie. Auch, wenn sich die Türen nur kurz öffnen, Einblicke in das Privateste bekommt sie genug. Mal sieht sie Einsamkeit und Leere. Mal Körper, die in Nachthemden oder Boxershorts vor ihr stehen. Und dann wieder erzählen ihr Menschen, denen sie ein Paket in die Hand drückt, die dazugehörige Familiengeschichte. Dabei ist Lisa Hänisch eigentlich diskret. „Mich interessiert nicht, was in einem Paket steckt.“ Wer kistenweise Wein bestellt, wer Stammkunde beim Shoppingkanal ist, und wer einen Schuhtick hat. Für sie ist ein Paket einfach nur gefüllte Pappe, die sie an den Kunden bringen muss.

Und wie jeden Tag ist genau das eine Herausforderung. Der graue Mittag hat sich in einen noch graueren Nachmittag verwandelt, es nieselregnet und Lisa Hänisch muss immer mehr Ware ins Auto zurückschaffen und Benachrichtigungszettel in Briefkästen verteilen: Ihr Paket liegt in der nächsten Filiale zur Abholung bereit. Keine Empfänger zu Hause und auch keine netten Nachbarn. Auf diese kann sich Lisa Hänisch oft verlassen, nur selten bekommt sie zu hören: „Wir nehmen für Fremde nichts an.“ Aber in diesem Moment geht das Klingel-Glücksspiel nicht gut für sie aus. Das wäre der Augenblick für Frust, aber sie lächelt weiter, schlechte Laune liegt ihr nicht. Auf geht es zur nächsten Adresse. Bei Route 34 kommen insgesamt 20 Kilometer zusammen, die gelaufenen nicht eingerechnet. Bis sie den letzten geschafft hat, wird es schon wieder dunkel sein. Keine Ausnahme im Advent. Dass momentan Überstunden anfallen, stört Lisa Hänisch nicht. Hauptsache, es bleibt ein bisschen Zeit für ihre eigenen Weihnachtseinkäufe. Die erledigt sie nämlich nicht im Internet, sondern persönlich im Geschäft.