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Wenn die Vergangenheit greifbar wird

Der Kirchturm von Hochkirch wird seit Mai saniert. Im Turmknopf waren viele Dokumente. Manche werden jetzt erstmals öffentlich gezeigt.

© Uwe Soeder

Von Kerstin Fiedler

Hochkirch. Pfarrer Thomas Haenchen lächelt, wenn er sich den Inhalt des Turmknopfes „seines“ Kirchturms anschaut. Klar sind das Dinge, die auch schon anderswo dokumentiert waren. „Aber wenn man sie jetzt direkt in der Hand hält, ist das noch einmal etwas anderes“, sagt er. Seit Mai wird am Kirchturm in Hochkirch gearbeitet. Nachdem das Gerüst bis ganz oben reichte, wurde der Turmkopf abgenommen und eine Woche später geöffnet. Seitdem ist der Inhalt in der Kirche in Vitrinen ausgestellt.

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Von der B 6 am Abzweig Kuppritz bietet sich dieser Blick auf den eingerüsteten Hochkircher Kirchturm. 60 Meter hoch ist der 1750 fertiggestellte Turm.
Von der B 6 am Abzweig Kuppritz bietet sich dieser Blick auf den eingerüsteten Hochkircher Kirchturm. 60 Meter hoch ist der 1750 fertiggestellte Turm. © Uwe Soeder

Als Anfang des Jahres weißer Porenschwamm in einem der Giebel des Turms festgestellt wurde, haben die Fachleute zunächst überlegt, diese Stellen einfach zu reparieren. Die Untersuchung ergab jedoch, dass die Turmzwiebel mehrere Schäden aufweist. Mithilfe von Fördermitteln wird nun der gesamte Kirchturm renoviert.

Thomas Haenchen freut sich über das Interesse der Menschen an den Unterlagen. Die Schulen und die Kita waren schon vor Ort. Viel Zeit bleibt nicht mehr, denn wenn alles glattgeht, wird bereits Ende Juli die Zwiebel wieder angebracht. Kugel und Wetterfahne sind derzeit zum Vergolden. Die Firma Winter aus Schirgiswalde hat das übernommen. Haenchen kann eine lustige Episode erzählen. „Ich habe eine Rechnung von 1935 gefunden – von ebendieser Firma“, sagt er. Als er sie dem heutigen Firmenchef vorlegte, fragte er, ob es nicht auch dieses Mal zu dem Preis von damals geht. 1935 war die Turmspitze abgeknickt und musste repariert werden. Als Haenchen die alten Berichte noch einmal gelesen hat, kam ihm die Rechnung unter. Jetzt hat der Pfarrer alle Dokumente übersetzen lassen, sodass sie jeder lesen kann.

Der Inhalt einer Vitrine wurde schon ausgetauscht. Zunächst waren dort die Listen der Kriegsteilnehmer und Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu sehen. „Das interessierte vor allem die Oberschule für den Unterricht“, sagt Thomas Haenchen. Jetzt ist der Zweite Weltkrieg dokumentiert. Das dürfte für viele Hochkircher vor allem deshalb interessant sein, weil es ja zu DDR-Zeiten nicht erwünscht war, dass diese Listen veröffentlicht werden. Aber im Turmknopf waren sie gut erhalten. Und auch die Feuerwehr spielt eine große Rolle. „Bei der letzten Öffnung des Turmknopfes 1973 wegen Arbeiten am Turm haben die Kameraden sehr viel mitgeholfen“, weiß Thomas Haenchen. Er spart auch den Beginn der NSDAP-Zeit nicht aus. „Kann sein, dass das manche Familiengeschichte neu beleuchtet, aber es gehört doch zur Geschichte dazu, oder“, fragt er. Ebenso die Rolle der Pfarrer zu der Zeit. Einer war wohl sehr hoffnungsvoll, was die Entwicklung betraf. Doch als er sich zu sehr für die Sorben engagierte, wurde er versetzt, erzählt Haenchen, der seit 1997 hier Pfarrer ist.

Ein Balken war verfault

In einer weiteren Vitrine sind dann die ältesten Dokumente zu sehen. Ein Schreiben des Pfarrers von 1750, als der Kirchturm gebaut wurde, ist das älteste Papier. Bei der zweiten Öffnung des Turmknopfes 1802 gab es noch ein handschriftliches Dokument. Haenchen hat alles einscannen lassen – und letztlich auch ein Fotobuch draus gemacht. „Als wir die Glocken erneuert haben, kam das Fotobuch gut an“, sagt er. Mittlerweile sind schon 40 Bestellungen für dieses Buch eingegangen.

Auch Schulgeschichte ist dokumentiert. Es gab in Hochkirch eine Berufsschule für Landwirtschaft. „Auch die hatten damals mit der Obergrenze von Schülern zu tun“, schmunzelt Thomas Haenchen. Allerdings ging es da um 60 Schüler pro Klasse. In der dritten Vitrine befinden sich unter anderem Münzen, die vor allem für die Kinder interessant sind. Eine Auswahl hat der Pfarrer dafür zur Seite gelegt, um sie zu zeigen. Auch für die Befüllung des Turmknopfes nach diesen Bauarbeiten hat er bereits etwas Besonderes bekommen: Eine Zehn-Euro-Münze zur Fußball-Weltmeisterschaft. Derzeit hofft Thomas Haenchen, dass der Befund im Mauerwerk keine großen Veränderungen im Bauablauf hervorruft. „Es wurde Myzel gefunden“, sagt er. Auch in der Turmspitze mussten die Bauarbeiter sehr vorsichtig vorgehen. Einer der acht Balken, die den ummauerten Turm festhalten, war verfault. An einer Stelle hatte sich das Holz schon um zehn bis 15 Zentimeter gesenkt – und damit auch die Turmspitze. Doch alles ging gut, derzeit wird der obere Teil neu bekupfert. Bis 1902 war die Zwiebel übrigens noch mit Weißblech gedeckt, weiß Thomas Haenchen, der keine Höhenangst hat und Fotos vom Baufortschritt macht. Auch die liegen aus.