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Wenn ein Toter Leben retten kann

Medizin.Schwerkranken können manchmal nur Transplantationen helfen. Die Ärzte im Landkreis werben Organspender.

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Von Martin Machowecz

Schmerzen in der Brust. Der Krankenwagen rauscht über die Kreuzung, seine Sirene heult, das Blaulicht kreist. Der Notarzt rast hinterher. Jetzt muss alles schnell gehen.

Es könnte der Beginn einer Krankheitsgeschichte sein, an deren Ende ein Mensch ein neues Organ braucht – die Frage ist nur, ob er eins bekommen kann. Denn die Ärzte müssen um jeden Spender ringen. „Viele haben Angst, sich zu Lebzeiten mit diesem Thema auseinander zu setzen“, sagt der Meißner Allgemeinmediziner Dr. Dieter Bühring. Denn es gilt, sich mit dem Tod zu beschäftigen. Am ehesten seien Menschen dazu bereit, die schwere Krankheitsfälle in der Familie haben: „Dann wächst die Bereitschaft zu helfen ganz plötzlich.“

Immer wieder Gespräche

Deshalb spricht Bühring mit seinen Patienten über das Thema Organspende. „Wenn ich jemandem helfen kann mit einem Organ, dass ich ja im Todesfall ohnehin nicht mehr brauche, dann tue ich das auch“, sagt der Arzt. Im Zweifelsfall sind viele Beratungsgespräche nötig, ehe sich jemand entschließt, Spender zu werden. Wer das Thema ignoriert, quält womöglich irgendwann seine Angehörigen mit der Frage: Spendet er – oder nicht?

Wenn auf der Intensivstation des Meißner Krankenhauses ein Patient den Hirntod stirbt, kommt er als Organspender in Frage. Und nur dann: Denn körperlich muss bei ihm alles in Ordnung sein. „Dann können wir den Angehörigen anbieten, die Organe des Patienten zu entnehmen und erst danach die Maschinen abzustellen“, sagt Dr. Ines Förster. Die Oberärztin auf der Intensivstation ist Transplantationsbeauftragte des Krankenhauses.

Förster zieht einen dicken Ordner aus dem Schrank. Sie darf ihn nicht zeigen – aus Datenschutzgründen. Aber wenn sie darin blättert, kommt sie ganz persönlich mit den Schicksalen in Kontakt, die durch Organspenden beeinflusst werden: Im Ordner listet die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die hier zu Lande für die Verteilung der Organe zuständig ist, immer genau auf, wohin ein aus dem Meißner Krankenhaus stammendes Organ gegangen ist. Das kann ein 50 Jahre alter Düsseldorfer sein – Förster erfährt es als eine der wenigen. „Nach einem Hirntod lassen sich die meisten Angehörigen davon überzeugen, wenigstens mit den Organen noch ein anderes Leben zu retten“, sagt sie. Solche Schicksale bewegen auch die Ärztin. „Es ist motivierend, im Ordner zu lesen“, sagt sie. Selbst, wenn es nur selten solche Hirntodesfälle in Meißen gibt, weil das Krankenhaus keine Station für schwerwiegende neurologische Erkrankungen hat. Hirntode gibt es eher in Dresden und anderen großen Städten.

Spendebereitschaft soll steigen

Einzelschicksale sind es, die dafür sorgen, dass sich Ärzte darum bemühen, ein Bewusstsein für das Thema Organspende zu schaffen. Denn das ist längst nicht hinreichend ausgeprägt. Bei 122 potenziellen Organspendern in Sachsen im Jahr 2005 – also körperlich gesunden Hirntoten – kamen nur 83 Organspenden zu Stande. 36 hatten vorher selbst verweigert oder ihre Angehörigen taten es für sie. Diese Zahl soll gesenkt werden. Denn Schmerzen in der Brust kommen schneller, als man denkt.