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Radebeul

Wenn Erwachsene schwimmen lernen

Nicht jeder freut sich auf die Badezeit. Eine Radebeuler Schwimmschule hilft erwachsenen Nichtschwimmern ihre Angst zu besiegen.

Als Kind hat Britt schlechte Erfahrungen gemacht: Die Lehrerin im Schwimmlager ließ sie untergluckern. Seitdem konnte sie ihre panische Angst vor Wasser nicht überwinden. Bis jetzt. Mit 52 Jahren unternimmt sie einen neuen Anlauf und lernt schwimmen in de
Als Kind hat Britt schlechte Erfahrungen gemacht: Die Lehrerin im Schwimmlager ließ sie untergluckern. Seitdem konnte sie ihre panische Angst vor Wasser nicht überwinden. Bis jetzt. Mit 52 Jahren unternimmt sie einen neuen Anlauf und lernt schwimmen in de © Norbert Millauer

Von Beate Erler

Radebeul/Dresden. Heute Abend ist Britt* die Erste, die da ist. Im schwarzen Badeanzug und mit Badekappe steht sie vor dem sechs mal neun Meter großen und 31 Grad Celsius warmen Wasserbecken. An der tiefsten Stelle geht es 1,69 Meter nach unten. Britt ist ungefähr zwei Zentimeter kleiner. 

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„An der tiefen Stelle fühle ich mich immer noch unwohl“, sagt die 52-Jährige. Sie und zwei Männer im ungefähr gleichen Alter besuchen an diesem Abend den Schwimmkurs für Erwachsene der Radebeuler Schwimmschule „Lustige Ente“.

Maximal vier Teilnehmer sind pro Kurs dabei, weil das Becken hier eher klein ist. Heute sind sie nur zu dritt, die Vierte im Bunde der erwachsenen Nichtschwimmer hat sich krankgemeldet. Obwohl die private Schwimmschule ihren Sitz in Radebeul hat, gibt Schwimmlehrer Till Kühne alle Kurse in verschiedenen Einrichtungen in Dresden. 

Für die dienstägliche Schwimmstunde trifft sich die kleine Gruppe am Therapiebecken der Schule für Körperbehinderte auf der Fischhausstraße. „In einer größeren Halle mit Menschen, die schon schwimmen können, würde ich mich nicht wohlfühlen“, sagt Britt, „da wäre ich nicht hingegangen.“

Laut einer Umfrage, die die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Auftrag gegeben hat, können über 20 Prozent der Deutschen gar nicht oder nur schlecht schwimmen. In Sachsen ist der Schwimmunterricht in der Grundschule vorgeschrieben, aber das heißt nicht, dass hier alle Kinder schwimmen lernen. 

„Ein Lehrer für 30 Kinder ist einfach nicht ausreichend und die Kinder, die größere Probleme haben, bleiben dann auf der Strecke“, sagt Till Kühne.

Er hat die Schwimmschule von seiner Mutter übernommen, die ihn jetzt nur noch vertritt. Seit 2006 gibt es die „Lustige Ente“, die sozusagen als Ein-Frau-Betrieb gestartet ist und Schritt für Schritt größer wurde. 

Seit 2013 ist Till Kühne Fachangestellter für Bäderbetriebe und bei seiner Mutter eingestiegen. Er hat bereits im Alter von viereinhalb Jahren im Bassin im Garten seiner Oma schwimmen gelernt. „Meine Mutter hat in Freibädern gearbeitet und so bin ich sozusagen dort aufgewachsen“, erzählt der gebürtige Radebeuler.

Im Unterschied zu den meisten Kindern und Jugendlichen sind erwachsene Nichtschwimmer sehr ängstlich und vorsichtig. Deshalb will Till Kühne in der allerersten Stunde von jedem Teilnehmer die persönliche Geschichte erfahren. Bei Britt waren es schlechte Erfahrungen als Kind, die sich bis heute gehalten haben: „Ich hatte höllische Angst vor Wasser“, sagt sie. Ihre Mutter konnte nicht schwimmen und damals gab es kein Schulschwimmen. „In einem Schwimmlager hatte ich dann eine fiese Lehrerin, die mich hat untergluckern lassen“, sagt sie.

Ihre Familie hat ihr den Kurs zu Weihnachten geschenkt: „Ich wusste erst nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagt sie. Mittlerweile macht sie, wie die anderen zwei Teilnehmer, bereits den zweiten Kurs und ist bei mehr als zehn Schwimmstunden angekommen. Es hat sich gelohnt: Am Ende der Stunde legt sie ihre letzten Hilfen – die Schwimmringe – ab und macht einige langsame und kurze Züge durchs Becken.

Die Nachfrage nach Schwimmkursen für Erwachsene ist hoch. Im Jahr macht Kühne etwa sechs Kurse mit jeweils 30 Teilnehmern. Es kommen 16-Jährige, die gerade so in den Erwachsenenschwimmkurs gehen dürfen, bis zu 70-Jährigen, die es auch noch einmal versuchen wollen. „Am Anfang muss ich den Leuten zeigen, dass das Wasser ihr Freund ist und sie trägt“, sagt er. Deshalb werden Übungen zur Wassergewöhnung gemacht: Kurz mit dem Kopf unter Wasser gehen, im tiefen Wasser stehen oder ins Wasser ausatmen.

Alle drei Teilnehmer ziehen langsam und konzentriert ihre Bahnen, sie machen viele Pausen und prusten schwer. Doch Till Kühne macht ihnen immer wieder Mut: „Arme, Beine strecken“, sagt er immer wieder. „Das Kinn im Wasser halten und den Kopf nicht so weit heben“, empfiehlt er. „Wir wollen ja noch vorne schwimmen und nicht nach oben.“ Nach dem Kurs müssen sie auf jeden Fall in Übung bleiben. Deshalb gibt es zur Urkunde, statt einer Flasche Sekt, lieber noch einen Gutschein fürs Schwimmbad dazu.

*Name geändert

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