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Wenn Frauen zum Urologen müssen

Nierensteine können operativ entfernt werden – müssen sie aber nicht. Es gibt noch eine schonendere Methode.

© hübschmann hübschmann

Von Anna Hoben

Renate Marx hatte nichts gemerkt. Bis die 69-Jährige im Sommer 2013 wegen einer anderen Sache zu ihrer Urologin ging – und per Computertomografie zufällig ein Nierenstein gefunden wurde. 15 mal 9 Millimeter, zu groß, als dass er einfach so über den Harnleiter hätte abgehen können. Das ist bis zu einer Größe von etwa fünf Millimetern möglich.

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Die Entstehung von Nierensteinen ist ein chemischer Prozess, bei dem viele Stoffwechselabläufe noch ungeklärt sind. Feststeht: Die Konzentration von schwer löslichen Ionenverbindungen oder anderen Harnbestandteilen erhöht sich so sehr, dass sie irgendwann anfangen, Konglomerate zu bilden. Die können ab einer gewissen Größe die ableitenden Harnwege nicht mehr passieren.

Zum Urologen müssen nur Männer, so denken die meisten. „Das ist natürlich Quatsch“, sagt Dr. Andreas Heduschke, Oberarzt in der Urologie am Elblandklinikum Riesa. Denn auch Frauen müssen zum Urologen, zum Beispiel dann, wenn sie ein Nierensteinleiden haben. Das Verhältnis von betroffenen Männern zu Frauen liegt bei sieben zu fünf. Am Häufigsten tritt die Erkrankung zwischen dem 30. und dem 50. Lebensjahr auf. In den westlichen Industriestaaten leben 20 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen mit einem erhöhten Stein-Risiko.

Wie die meisten Krankheiten hat auch Renate Marx’ Nierenstein eine Vorgeschichte, und die geht zurück ins Jahr 2010: Bei einer Messung der Knochendichte stellen Ärzte fest, dass ihr Kalziumspiegel zu hoch ist. Der Grund dafür ist eine gutartige Geschwulst an den Nebenschilddrüsen. Diese verursacht eine vermehrte Bildung eines Hormons, das den Kalziumspiegel ansteigen lässt. Dagegen bekommt sie seit 2013 Medikamente. „Die Überfunktion war wohl die Ursache für den Nierenstein“, sagt Dr. Andreas Heduschke. Der 43-Jährige hat Renate Marx am Elblandklinikum Riesa behandelt.

Ein Wasserkissen an der Seite

Im Februar 2014 kommt Marx, eine Gymnasiallehrerin im Ruhestand, nochmals zum Ultraschall ins Krankenhaus. Ergebnis: Der Stein ist gewachsen, er ist jetzt 23 Millimeter groß, das entspricht dem Durchmesser einer Ein-Euro-Münze. Weil er außerdem eine spezielle Lage im Nierenbecken hat, bespricht sich die Patientin zunächst mit dem Chefarzt der Urologie Dr. Hans-Dieter Illig. Der schlägt vor, den Nierenstein mittels eines operativen Eingriffs zu entfernen. Durch einen kleinen Hautschnitt wird bei einer solchen Operation ein Endoskop in die Niere eingeführt, anschließend wird darüber der Stein mit Hilfe des Ultraschalls zertrümmert. Es ist die übliche Therapie bei einem größeren Nierenstein in dieser Lage.

Renate Marx hat sich unterdessen selbst informiert, im Internet und mit Büchern. Sie kennt die Therapiemethoden – und entscheidet sich gegen eine Operation. Denn da gibt es noch ein anderes, schonenderes Verfahren: die sogenannte extrakorporale Stoßwellen-Lithotripsie. Klingt kompliziert, basiert aber auf einem einfachen Prinzip: Die Patientin nimmt auf einer Liege Platz, seitlich wird eine mit Wasser gefüllte Silikonhülle gegen den Körper gepresst. Ein Apparat erzeugt Stoßwellen, die über das Wasserkissen den Körper erreichen und den Stein zertrümmern. Verschiebt der sich während der Behandlung, korrigiert der Arzt die Position. Auf diese Weise befindet sich der Stein immer im Stoßwellenzentrum, und das Gewebe herum wird geschont.

Renate Marx bereut nicht, dass sie sich für diese Methode entschieden hat. Damit der Stein sich nicht bewegt, sollte sie möglichst flach atmen. „Die Behandlung selbst war unspektakulär“, sagt sie, „es machte nur Tak-Tak-Tak und fühlte sich an wie winzige Nadelstiche.“ 20 Minuten lang, insgesamt dreimal, ohne Narkose.

Zuvor hatte sie unter leichter Narkose eine Harnleiterschiene gelegt bekommen: einen dünnen Schlauch, der zwischen Nierenbecken und Harnblase verläuft. Die Schiene erleichtert den natürlichen Abgang der Steinfragmente. Sieben Wochen blieb sie im Körper. „Ich habe schon gemerkt, dass da etwas in mir drin war“, sagt Renate Marx, „aber dabei hat wahrscheinlich eher die Psyche eine Rolle gespielt.“ Körperliche Beschwerden hatte sie während dieser Zeit nicht.

Doch noch eine Operation

Nach der dritten Stoßwellenbehandlung überbrachte Dr. Heduschke der Patientin die gute Nachricht: Der gesamte große Nierenstein war zertrümmert. Mit einer Art Kaffeefilter sollte Renate Marx fortan beim Wasserlassen überprüfen, ob sich Überbleibsel des Steines im Urin befanden. Taten sie aber nicht. Per Computertomografie stellte der Arzt daraufhin fest, dass ein Großteil des zertrümmerten Materials im unteren Harnleiterdrittel lag.

Und so kam die Patientin schließlich doch nicht um eine Operation herum. Per Harnleiterspiegelung wurden die Steinfragmente entfernt. Das war im April, zwei Tage blieb Renate Marx im Krankenhaus. Zwei Wochen später wurde auch die Harnleiterschiene entfernt. Heute geht es ihr gut, sie kann wieder Radfahren und Sport machen, sagt sie. Ihr Fall zeigt, dass auch die Behandlung einer Routineerkrankung langwierig sein kann. Und dass auch Frauen zum Urologen müssen.