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„Wenn ich erstmal wo bin, dann bin ich da“

Hartmut Opitz arbeitet seit 34 Jahren in der Albrechtsburg – und kennt sie wie kaum einer.

Von Anna Hoben

Das Schicksal kam per Postkarte. Es ist das Jahr 1979, Hartmut Opitz wurde gerade aus der Armee entlassen, da landet in seinem Briefkasten dieses unscheinbare Schreiben. Von einer „interessanten, vielseitigen Tätigkeit“ ist die Rede, die üblichen Job-Floskeln. Bezahlung: 450 Mark Netto. Worum es genau geht, verrät die Postkarte jedoch nicht.

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Der junge Mann, damals 22 Jahre alt, macht sich auf den Weg zu der angegebenen Adresse. Dort ragt sein zukünftiger Arbeitsplatz in die Höhe, die Albrechtsburg. Hartmut Opitz weiß es noch ganz genau: „Am 19. November 1979 habe ich hier angefangen.“ Von so einem Glück können viele Berufsanfänger heute nur träumen: „Ich habe mir diese Arbeit nicht gesucht“, sagt Opitz und schmunzelt, „sie wurde mir per Postkarte angeboten.“

In Meißen ist er geboren und aufgewachsen. Als Schüler nahm er oft den Bus in die Altstadt, ging hoch zum Dom und zur Burg. Er hatte sich schon immer für Geschichte interessiert. In der Bücherei las er sich durch historische Romane. Später, nach der Heirat und der Geburt seiner beiden Kinder, wurde die Zeit zum Lesen weniger. Doch auch heute noch ist er Büchermensch, mit Computern kann er wenig anfangen, und statt Google zu nutzen, schlägt er lieber ein Lexikon auf.

Nach der Schule lernte er Baufacharbeiter. Auf der Burg fing er als Mann für alles an, zu Beginn machte er vor allem Handwerksarbeiten. Früh um sechs schloss er die Türen auf, machte Licht und feuerte den Kohleofen an. Dann startete er seine Rundgänge durch den Park.

Damals hatte Hartmut Opitz einen Traum: Er wollte Führungen machen. „Ich durfte aber nicht.“ Also griff er zu einer List: Die Stadt suchte nämlich Gästeführer. Opitz meldete sich und machte einen Lehrgang. So kam es, dass er im Notfall für die Burg einspringen konnte, und schließlich, 1990, offizieller Gästeführer wurde.

Es waren die Jahre des großen Entrümpelns: Schränke, Stühle, alte Küchen – was man nicht mehr brauchte, wurde über eine Rutsche nach draußen entsorgt oder direkt aus dem Dachbodenfenster geworfen. Die Sachen segelten direkt auf den Parkplatz. Als man 1993 eine Wachfirma und eine Reinigungsfirma beauftragte, machte Opitz nur noch Aufsicht und Führungen. In mehr als zwei Jahrzehnten als Gästeführer hat der große, schlaksige Mann alle Arten von Besuchern kennengelernt. „Am liebsten sind mir die, die reinkommen und etwas wissen wollen.“ Nicht die, die meinen, schon alles zu wissen. Oder die, die in die Eingangshalle kommen und herausfordernd fragen: „Was gibt’s denn hier zu sehen?“ Ach, denkt sich Opitz dann, nur den ältesten Schlossbau Europas.

In den 34 Jahren, die er auf der Burg arbeitet, hat er vier Direktoren erlebt. Weil die Rechtsform immer wieder wechselte, wird er bald seinen fünften Vertrag unterschreiben. Jeden Morgen – außer wenn Schnee liegt – fährt er von Weinböhla, wo er heute wohnt, mit dem Rad die zehn Kilometer zur Arbeit. Langweilig wird ihm hier nicht. „Im Äußeren ist das Gebäude stabil, aber im Inneren gibt es immer Veränderung.“ Und wenn es mal keine Gruppe zu führen gibt, schaut er durchs Fenster seines Lieblingssaales, der Sammetweberstube, den Jahreszeiten zu.

34 Jahre ist er jetzt hier, er kennt die Burg wie wohl kaum ein anderer. Für ihn gab es nie einen Grund, wegzugehen. Andere sagen, man muss den Job wechseln, neue Perspektiven, eine andere Firma. Hartmut Opitz lächelt und sagt: „Wenn ich erstmal wo bin, dann bin ich da.“