merken
PLUS Meißen

Wenn jede Sekunde zählt

Jeder vierte Rettungswagen kommt im Landkreis Meißen zu spät. Das soll sich jetzt ändern.

Wenn der Rettungswagen losgeschickt wird, zählt jede Sekunde. Doch jeder vierte Rettungswagen im Landkreis Meißen konnte im Vorjahr die Hilfsfrist von zwölf Minuten nicht einhalten. Das soll sich jetzt ändern.
Wenn der Rettungswagen losgeschickt wird, zählt jede Sekunde. Doch jeder vierte Rettungswagen im Landkreis Meißen konnte im Vorjahr die Hilfsfrist von zwölf Minuten nicht einhalten. Das soll sich jetzt ändern. © Foto: Marko Förster

Langes Warten auf die Retter. Im Landkreis Meißen kommt fast jeder vierte Rettungswagen zu spät. Dies ist das Ergebnis einer Kleinen Anfrage von Susanne Schaber, bildungspolitische Sprecherin der Linken, an die Sächsische Staatsregierung. Demnach kamen im ersten Halbjahr 2018 nur 76,01 Prozent aller Rettungswagen im Landkreis innerhalb der geforderten Hilfsfrist an. Am Ende der Skala rangiert der Landkreis Leipzig mit knapp 66 Prozent, während im Rettungszweckverband Südwestsachsen 91,38 Prozent der Krankenwagen die Frist einhalten.

Laut Landesrettungsplan sollen Rettungswagen in 95 Prozent aller Notfälle innerhalb von zwölf Minuten am Ereignisort eintreffen. Diese gesetzlich vorgegebene Frist hielt aber im ersten Halbjahr 2018 keiner der Rettungsdienste in Sachsen ein.

Anzeige
Preisaktion bei Foto Wolf
Preisaktion bei Foto Wolf

(Hobby-)Fotografen aufgepasst! Jetzt bei der Sommer-Aktion von Foto Wolf in Dresden einen Sofort-Rabatt von bis zu 300 Euro auf Kameras und Objektive sichern.

Jetzt mehr Rettungswagen

Im Landratsamt Meißen ist die Problematik seit langem bekannt. Der Landkreis werte die tatsächliche Hilfsfristeinhaltung in regelmäßigen Intervallen aus und passe seinen Bereichsplan für den Rettungsdienst an die festgestellten Ergebnisse an, so Dezernent Manfred Engelhard. So wurde mit Inkrafttreten des aktuellen Bereichsplanes zum 1. Januar dieses Jahres unter anderem ein zweiter Rettungstransportwagen (RTW) für die Rettungswache Coswig in Betrieb genommen. In der Rettungswache Meißen werde jetzt täglich 24 Stunden lang ein RTW vorgehalten. Bisher waren es 14 Stunden. Damit werde die Vorhaltezeit von Rettungsmitteln den Rettungswachen in Großenhain und Katzenberg angepasst. Bei Ersatzneubauten von Rettungswachen sei eine positive Entwicklung bei der Einhaltung von Hilfsfristen zu erwarten. so der Dezernent.

Seit Jahresanfang werden im Landkreis Meißen insgesamt 16 Rettungswagen vorgehalten, davon befinden sich 13 im 24-Stunden-Betrieb. „Diese Anzahl ist ausreichend, um den planerischen Wert der geforderten Hilfsfristeinhaltung zu gewährleisten“, so Manfred Engelhard. Zudem stehen dem Landkreis noch fünf Notarzteinsatzfahrzeuge und elf Krankentransportwagen für einen Einsatz zur Verfügung.

Die Einsatzfahrzeuge nützen aber wenig, wenn zu wenig Notärzte da sind. So konnten in Meißen im vergangenen Jahr 13 Notarztdienste nicht besetzt werden, in Katzenberg sogar 28,5, in Großenhain neun. Keinerlei Ausfälle bei der Besetzung der Notarztdienst gab es hingegen in Radebeul und Riesa.

Aus dem Jahresbericht 2018 der Arbeitsgemeinschaft Notärztliche Versorgung zur Besetzungssituation der Notärztlichen Versorgung im Freistaat Sachsen geht hervor, dass im Jahr 2018 in Sachsen 1 297,5 Zwölf-Stunden-Notarztdienste unbesetzt geblieben sind. Dies entspricht einer Besetzungsquote von 97,60 Prozent.

Doch was sind die Gründe dafür, dass Rettungswagen nicht die vorgeschriebenen Fristen einhalten? Für viele Bürgermeister ist die Zentralisierung der Rettungsleitstelle in Dresden ein wesentlicher Grund für die Verzögerung. Mitunter würden die Rettungswagen wegen fehlender Ortskenntnis von der Rettungsleitstelle von einem Ort zum anderen geschickt. Die Lommatzscher Bürgermeisterin und Kreisrätin Anita Maaß (FDP) sieht das allerdings nicht so: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die zentrale Leitstelle das Problem ist. Es kommt meines Erachtens auch darauf an, wo die Rettungswagen stehen, welchen Umkreis sie bedienen müssen und ob Rettungswagen bei einem Notruf bereits bei einem anderen Einsatz sind“, sagt sie.

Gründe sind aber auch zahlreiche Straßenbaustellen, die unkoordiniert und oft hintereinander geplant werden. Rettungswagen stehen so ebenso vor roten Ampeln wie alle anderen Verkehrsteilnehmer, ein Vorbeikommen ist oft nicht möglich. Erinnert sei an die B 6, auf der vor einiger Zeit zwischen Meißen und Riesa an gleich vier Stellen gebaut wurde. Was für Autofahrer lediglich ärgerlich ist, kann im Zweifel einem Menschen mit Notfall das Leben kosten. Ein besonders tragischer Fall ereignete sich 2013 auf der Insel Usedom. Ein 72-jähriger Radeburger hatte am Strand einen Herzinfarkt erlitten. Er starb, weil der Notarztwagen zu spät eintraf. Dieser hatte einen Anfahrtsweg von 30 Kilometern und war an einer Baustellenampel aufgehalten worden. Trotz Notsignals und Blaulicht konnte er die Baustelle nicht passieren, weil Fahrzeuge im Gegenverkehr fuhren.

Problem fehlende Hausnummern

Aber auch ungenaue Angaben und fehlende Ausschilderung sind für die Retter vor allem im ländlichen Bereich ein Problem. Ungenaue oder falsche Ortsangaben seien in etwa fünf Prozent der Fälle die Ursache dafür, dass Einsatzorte des Rettungsdienstes nicht innerhalb der Hilfsfrist erreicht werden, so Dezernent Engelhard. In welchem konkreten Umfang dies durch schlechte Ausschilderungen und fehlende Hausnummern hervorgerufen werde, könne nicht näher beziffert werden, sagt er. Das Problem gab es zum Beispiel auch in Lommatzsch. „Wir hatten vor Jahren das Problem, dass die Rettungsdienste Hausnummern nicht gefunden haben, unter anderem in der Lommatzscher Lindenstraße, in Dörschnitz und in Altsattel. Das haben wir aber mit entsprechenden Schildern behoben“, sagt Anita Maaß. Seit dem vergangenen Jahr würden die Rettungstransportwagen und Notarzteinsatzfahrzeuge des Landkreises mit Navigationsgeräten ausgerüstet, welche den Einsatzort direkt aus dem Grafischen Informationssystem der Regionalleitstelle übernähmen, so Dezernent Engelhard. Dies erleichtere das Auffinden des Notfallortes erheblich und leiste damit ebenso einen wichtigen Beitrag, um die Hilfsfristen besser einzuhalten.

Linken-Politikerin Susanne Schaper reicht das jedoch nicht. „Die Staatsregierung lässt die Menschen, die auf dringende Hilfe angewiesen sind, im Stich“, so die Politikerin. „Man kann nur hoffen, dass niemand einen lebensbedrohlichen Notfall erleidet. Denn in einem solchen, zählt jede Sekunde“, sagt Schaper.

Mehr zum Thema Meißen