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Wenn jeder Zentimeter zum Hindernis wird

Barrierefreiheit und Historie sind auf der Weißeritztalbahn schwer zu vereinen. Die perfekte Lösung wird noch gesucht.

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Von Lisa Fritsche

Dank der barrierefreien Gestaltung von Haltestellen und dem Einsatz von Niederflurbussen können auch gehbehinderte Menschen mobil sein. Im Netz der barrierefreien Möglichkeiten klaffen jedoch Lücken – auch auf der historischen Strecke der Weißeritztalbahn gibt es Nachholbedarf.

80 Zentimeter Höhenunterschied gilt es, für den Einstieg in die Weißeritztalbahn zu überwinden. „Wir hatten die Illusion, mithilfe von mobilen Rampen den Zugang zu schaffen“, erklärt der Vorsitzende des Behindertenverbandes Freital Arnd Roloff. Doch ein Test auf der Lößnitzgrundbahn zeigte: Ein Rollstuhl lässt sich über eine Rampe mit 18 Prozent Anstieg nicht gefahrlos in den Wagen schieben. Deshalb wird nun weiter getüftelt.

Passagiere, die mit Hilfe des Personals in der Lage sind, gehend die Höhendifferenz zu überwinden, können nach Voranmeldung problemlos transportiert werden. „Das ist der Regelfall und passiert uns relativ häufig“, sagt der Infrastrukturleiter der Sächsischen Dampfeisenbahngesellschaft (SDG) Mirko Froß. Der Rollstuhl wird anschließend als Gepäck verladen. Komplizierter wird es, wenn die Passagiere nicht aufstehen können. „Für diejenigen, die wirklich auf den Rollstuhl angewiesen sind, ist das natürlich keine Lösung“, erklärt Roloff, der auch als Vorsitzender des Behindertenbeirates aktiv ist. Im Projekt „ÖPNV für alle“ der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e.V. wird deshalb in gemeinsamer Diskussion weiter nach einer praktikablen Lösung gesucht.

Einige Punkte der barrierefreien Gestaltung erfüllen die Strecken der Sächsischen Dampfeisenbahngesellschaft bereits. So sind die Zugänge zu den Bahnsteigen auf allen Strecken der SDG behindertengerecht gestaltet. Das soll auch beim Ausbau der Strecke der Weißeritztalbahn weiter berücksichtigt werden. So fanden bereits Vorgespräche zur barrierefreien Gestaltung des städtischen Empfangsgebäudes am Haltepunkt Kipsdorf statt. Der Weg zum Bahnsteig könnte zukünftig mit einem Behindertenaufzug erleichtert werden.

Doch mit der Ankunft am Zug ist es schließlich nicht getan. Langfristig strebe die Projektgruppe „ÖPNV für alle“ die Verwendung von zuggebundenen Einstiegshilfen an. Solche kommen bereits auf der Zittauer Schmalspurbahn zum Einsatz – dort herrschen jedoch andere Bedingungen. „Es gibt derzeit nicht die optimale technische Lösung“, erklärt Mirko Froß. Vor allem die mangelnde Stromversorgung und die historische Bauweise der Wagen bürgen Hindernisse. Die unterschiedlichen Maße und Gewichte der Rollstühle kommen erschwerend hinzu. „Wir sind derzeit mit dem Behindertenverband in der Findungsphase“, bestätigt der Infrastrukturleiter zuversichtlich.

Vergebliche Suche nach Hinweis

Seit einem Jahr wird auf der Weißeritztalbahn mit mobilen Hubgeräten gearbeitet, um auch behinderten Menschen, die nicht den Rollstuhl verlassen können, die Mitfahrt im Traglastenwagen zu ermöglichen.

Im nächsten Jahr sollen diese auch auf der Lößnitzgrundbahn und der Fichtelbergbahn zum Einsatz kommen. Die Einstiegshilfe erfordert jedoch Kraft und Zeit: Mithilfe einer Drehvorrichtung wird der Rollstuhl auf einer Plattform manuell angehoben. Die massiven Hubgeräte sind derzeit am Bahnhof Hainsberg untergebracht und müssen bei entsprechenden Fahrten im Zug mitgeführt werden.

„Aus Vandalismusgründen behalten wir die Geräte hier“, erklärt Froß. Man wolle zukünftig Unterstellmöglichkeiten für die Hubgeräte auf den Bahnsteigen installieren, um die Verfügbarkeit zu garantieren. Bislang kann an den Stationen Hainsberg und Dippoldiswalde der Ein- und Ausstieg so ermöglicht werden. Dies auch am Haltepunkt Rabenau zu realisieren, ist im Gespräch.

Bevor die Hubgeräte zum Einsatz kommen, wird um telefonische Voranmeldung gebeten. Einen entsprechenden Hinweis sucht man auf den Fahrplänen und im Online-Auftritt der SDG bislang aber vergeblich. Dies soll sich im kommenden Jahr ändern. „Im Zuge der Umgestaltung der Homepage werden wir den Punkt ,barrierefrei auf den Sonderverkehrsmitteln‘ noch stärker mit aufnehmen“, erklärt Christian Schlemper vom Verkehrsverbund Oberelbe.

Mit dem Einsatz der Hubgeräte sind die Gespräche über eine barrierefreie Gestaltung der historischen Bahnen nicht am Ende. „Die Variante mit den Hebebühnen ist derzeit am ehesten realistisch. Es ist noch eine Notlösung aber immerhin besser als keine“, sagt Arnd Roloff. Im April trifft sich die Projektgruppe erneut, um über Ergebnisse und Ziele zu diskutieren.