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Wenn Jesus in einer Pizzeria geboren wird

Vorsichtig krümeln ein paar Schneeflocken in die eisig kalte Großerkmannsdorfer Nacht. Sie tanzen ein bisschen vor den hell erleuchteten Fenstern der Dorfkirche. Drinnen laufen die Proben fürs Krippenspiel, das die Weihnachtsgeschichte erzählt.

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Von Jens Fritzsche

Vorsichtig krümeln ein paar Schneeflocken in die eisig kalte Großerkmannsdorfer Nacht. Sie tanzen ein bisschen vor den hell erleuchteten Fenstern der Dorfkirche. Drinnen laufen die Proben fürs Krippenspiel, das die Weihnachtsgeschichte erzählt. Alles ganz normal, wie derzeit beinahe überall in den Kirchgemeinden der Regionen. Wie überall? Wohl nicht. Denn in Großerkmannsdorf ist Joseph ein computersüchtiger Zocker und Maria bekommt ihr Kind Jesus im Obergeschoss einer schmuddeligen Pizzeria. Und zuvor müssen sich Joseph und Maria vor schnüffelnden Steuerbeamten, weltweit agierenden und die Privatsphäre ausspionierenden Computernetzwerken a la facebook verstecken. Sie geraten zudem an drei Suchtberater, die dem Alkohol, dem Diebstahl und der Esssucht verfallen sind. Die aber letztlich das neu geborene Jesuskind mit interessanten Gaben beschenken.

In Großerkmannsdorf probt die Junge Gemeinde derzeit ihr alternatives Krippenspiel, das seit Jahren Heiligabend 22 Uhr für eine rappelvolle Dorfkirche sorgt und durchaus so etwas wie Kultstatus erlangt hat. Und Großerkmannsdorfs Pfarrer Johannes Schreiner, der seit über einem Jahr in der Gemeinde aktiv ist, findet das Ganze „eine wunderbare Möglichkeit, die Weihnachtsgeschichte auf ungewöhnliche Weise zu transportieren“, wie er sagt. Und ist begeistert: „Es ist ein unglaublich philosophisches Stück geworden, das die Probleme der Menschen zeigt, sich zwischen der immer mehr Raum greifenden virtuellen Welt und der Realität zurechtzufinden.“ So ist Joseph beispielsweise anfangs felsenfest davon überzeugt, dass ihn die Computerwelt nicht spielsüchtig gemacht hat, „weil ich am Computer nicht spiele, sondern arbeite“, wie er immer wieder klarstellt...

Geschrieben hat das Stück wieder Christian Amlang, der Großerkmannsdorfer, der schon in den vergangenen Jahren die alternativen Krippenspiele verfasst hat. Geworden ist es ein Stück voller Ironie, voller Anspielungen auf aktuelle Politik und mit Sätzen, die manchmal auch das Lachen gefrieren lassen. Wenn die Steuerbeamten zum Beispiel erklären, dass es doch egal sei, wem Eltern ihr Geld geben würden, dem Staat oder ihren Kindern, denn Kinder machen sowieso arm... „Es ist unglaublich spannend zu sehen, wie die biblische Weihnachtsgeschichte in beide Welten greift, die virtuelle und die reale, und wie sich beides vermischt“, sagt Pfarrer Schreiner, der die Regie bei den Proben führt. Und der vor der Aufführung Heiligabend auch einige einführende Worte sagen wird. „Keine Predigt, aber dennoch werde ich aus der Weihnachtsgeschichte erzählen, werde zum Stück hinführen, ich denke, das erwarten die Leute auch“, sagt er. Denn längst sei das alternative Krippenspiel für viele eine interessante Möglichkeit des Kirchgangs am heiligen Abend geworden, findet er, „eine Alternative zum eher kindgerechten Krippenspiel oder dem eher musikalischen Weihnachtsgottesdienst.“ Denn bei allem Spaß, bei aller Satire, so bleibt es doch die Weihnachtsgeschichte, die das alternative Krippenspiel in Großerkmannsdorf erzählt. Die Geschichte von Joseph und der hochschwangeren Maria und dem Umgang der Menschen mit ihnen. Die Geschichte der Geburt Jesu.

Das alternative Krippenspiel in der Dorfkirche Großerkmannsdorf beginnt Heiligabend 22 Uhr. Wiederholt wird es am 8. Januar um 18 Uhr in der Dorfkirche.