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Wenn Kinder Frodo oder Lucifer heißen

Eine Namensforscherin von der Uni Leipzig über die falsche Wahl, neue Trends und wie man wirklich den passenden Baby-Namen findet.

Eltern setzen heute auf bodenständige und prägnante Namen.
Eltern setzen heute auf bodenständige und prägnante Namen. © 123rf/Anna Grigorjeva

Sindy Tschainer aus Dresden musste lange suchen. Und viel ausprobieren. Sie hat Freunde und Familie gefragt, Bücher gewälzt, im Internet recherchiert. Auch eine App sollte ihr Problem lösen. Aber all das brachte nichts. Schließlich startete sie einen Aufruf bei Facebook. Auch der drehte sich um die eine Frage: „Wie finde ich den richtigen Namen für mein Baby?“

„Schwierig war es für uns, da es einfach zu viele Namen gibt“, sagt die junge Mutter. „Mein Freund wollte eher ausgefallene Namen, ich die klassischen. Er fand Wotan und Wanhilde toll – beides germanische Kriegsgötter. Mir gefiel Frida oder Oskar.“ Dazu kamen die Ansprüche. „Wir wollten einen deutschen Namen, den man nicht verhohnepipeln kann. Denn Kinder können grausam sein.“ Auch sollte der Name nicht an jeder Ecke zu hören sein. Letztlich folgten Tschainer und ihr Partner eine Woche vor der Geburt einer ihrer ersten Eingebungen. Und lagen damit goldrichtig.

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Die Entscheidung fiel auf Lina. Ein Paradebeispiel für perfekten Wohlklang. Das erklärt Namensforscherin Gabriele Rodriguez von der Uni Leipzig. „Wohlklang entsteht durch Vokale wie A und I und weiche Konsonanten wie M, N, L oder D.“ Lina, Linda, Ida oder Alma seien Balsam für die Ohren. Auch die zunehmend beliebte Kurzform Tilda, abgeleitet von Mathilde oder Mathilda, passt in dieses Muster. Bei Jungen gelten laut Rodriguez M, L, N und J als wohlklingende Konsonanten. Auch hier sei die Endung A im Kommen wie Noah, Luca, Elia oder Jona zeigten. Diese Namen wirkten jedoch immer etwas feminin.

Bodenständig und prägnant

Eltern setzen heute auf bodenständige und prägnante Namen. Hannah und Oskar landeten 2019 laut einer Analyse des Hobbyforschers Knud Bielefeld in Sachsen ganz vorn. Jedoch: Die Listen aller Standesämter werden noch ausgewertet. Erst Ende März sei laut Rodriguez mit verlässlichen Daten zu rechnen. Favoriten sind im Land aber bereits erkennbar: Beim Standesamt Dresden standen Emilia, Charlotte und Emma hoch im Kurs, bei den Jungen Emil, Oskar und Arthur. In Chemnitz waren Emma, Marie und Mia die Top 3, bei den Jungs ebenso Emil, Ben und Oskar. In Zwickau gab es Abweichungen: Lotta, Mila, Ella und Mia waren als Mädchennamen angesagt, Max und Theo hießen die meisten Jungs. In Leipzig dominierten Clara, Emma und Charlotte sowie Oskar, Emil und Karl.

Vor allem kurze, altdeutsche Namen liegen im Trend. „Vornamen kommen alle 100 Jahre wieder“, so Rodriguez. „In den 1910er-Jahren waren Kurzformen nicht als eigenständige Namen erlaubt. Es wurde Johanna Eleonora eingetragen, aber nur Hannelore gerufen. Erst in den 20er-Jahren gab es dazu erste Gerichtsurteile.“ Auch Christa sei ein Beispiel für die Verknappung.

Hinzu komme, dass kurze Namen besonders zeitlos daherkommen. „Tom, Paul, Emma und Clara stellen wir uns als junge, sportliche, attraktive, flexible Menschen vor. Sie strahlen Frische und Unkompliziertheit aus“, sagt Rodriguez. Anders sei es bei mehrsilbigen Namen wie Katharina, Franziska, Christian oder Michael. „Diese Namen wirken ernster und paradoxerweise älter als die der (Ur-)Großeltern. Die Namen der 60er- und 70er-Jahre werden noch brauchen, bis sie wieder modisch sind.“ Chancen hätten weiche Formen wie Anja, Sabine und Diana, Andreas und Thomas. 

Bei Jürgen, Detlef und Dieter, Renate oder Ute sei ein Comeback als Rufname eher unsicher. „Sie werden höchstens als Zweitnamen vergeben, da der Wohlklang fehlt.“ Auch im Osten beliebte Namen wie Mandy, Sandy, Ronny und Maik schaffen es aktuell nur als Zweitnamen. „Obwohl vor allem die weiblichen Formen dem Wohlklang-Muster entsprechen. Ihre Nachfolger sind Formen wie Leni, Anni, Lenny, Matti oder Willi. I-Endungen sind in Sachsen ohnehin sehr beliebt, da im sächsischen Dialekt die Verniedlichung bereits angelegt ist.

Mehr amerikanisierte Namen

Auch Sandra Köhler, Dresdner Standesbeamtin, teilt den Eindruck, dass Eltern meist klassische Namen vergeben. „Solche, die man zumindest schon einmal gehört hat. Kuriose Vorschläge sind eher selten.“ Per se würden alle Angaben der Geburtsanzeige inklusive Name überprüft. Manchmal ergäben Gutachten – wie sie etwa Rodriguez ausstellt –, dass ein Zweitname erforderlich ist. Das könne bei Namen aus Fernsehfilmen nötig sein. Denn Figuren der Trilogie „Herr der Ringe“ oder der Weltraumsaga „Star Wars“ würden durchaus als Namensparton genutzt. „Es gibt es Kinder mit den Namen Aragorn, Frodo, Legolas, Arwen, Yoda oder Cassian“, so Köhler.

Was in Deutschland zulässig ist, definiert das Personenstandsrecht. Darin seien aber lediglich Empfehlungen zu finden, so Rodriguez. Letztlich entscheiden die Standesämter. Für Jungen sind in der Regel nur männliche, für Mädchen nur weibliche Vornamen zulässig. Eine Ausnahme ist der Name Maria, den auch Jungen neben einem oder mehreren männlichen Vornamen tragen dürfen. Lässt ein Vorname Zweifel am Geschlecht aufkommen, wird ein eindeutig zuzuordnender Vorname notwendig. Das sei bei amerikanisierten Namen wie Summer oder Blue notwendig, so Rodriguez. 

Auch gilt: Die Schreibweise sollte sich nach der Rechtschreibung richten. In der Praxis werden jedoch besondere Schreibweisen gebräuchlicher. Etwa Yohann statt Johann. Ein Grund: die gesellschaftliche Internationalisierung. Da jeder Name mit abweichender Schreibweise als eigenständiger Name zählt, gibt es jährlich rund 1.000 neue Namen in Deutschland. 60 Prozent aller Vornamen werden dabei laut Rodriguez nur einmal vergeben.

Das Problem mit Monsternamen

Neben Trends wie diesen stimmt die Wissenschaftlerin eine Entwicklung nachdenklich. Öfters habe sie 2019 Eltern beraten, die ihr Kind Lucifer nennen wollten. „Dieser Name wird sofort mit etwas Bösem assoziiert. Im Lateinischen wird er zwar mit Lichtbringer übersetzt, in der jüdischen Tradition hat er sich jedoch als Synonym für den gefallenen Engel, den Teufel festgesetzt.“ Die Fernsehserie „Lucifer“ führe nun bei jungen Leuten zu einem Bedeutungswandel. Ein anderes Beispiel sei der Name Alucard. „Das klingt zunächst nur speziell, ist aber eine Umdrehung von Dracula. 

Bei Namen von Monstern, Teufeln und Antihelden stellt sich die Frage, warum Eltern ihren Kindern solche negativen Namen geben“, sagt Rodriguez. „Das Kind wird dem Namen gegenüber eine negative Haltung aufbauen, wenn das Umfeld immer wieder negativ darauf reagiert.“ Das könne auch bei historisch belasteten Namen wie Adolf der Fall sein. Deshalb rät sie von der Vergabe ab. Seit 2006 habe es in Deutschland mindestens 76 Neueintragungen gegeben, seit 2011 waren es in Sachsen mindestens vier. So zum Beispiel als Drittname 2018 in Zwickau.

Mutter Sindy Tschainer empfiehlt Eltern, sich nicht vom Umfeld verrückt machen zu lassen. Auch kurz vor knapp könne man noch den richtigen Namen finden. „Lina war der erste, den mein Freund vorgeschlagen hat. Er hofft, dass unsere Kleine mal eine Schrauberprinzessin wie Lina van de Mars wird“. (Moderatorin und Motorsportlerin). Einen Tipp hat sie für unentschiedene Paare: Sie könnten bei Lieblingsfilmen genauer in den Abspann schauen. „Dort sind manchmal tolle Namen dabei."

So finden Sie den richtigen Namen fürs Kind:

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  • Auf die Länge kommt es an: Hat man einen langen Familiennamen, sollte man einen kurzen Vornamen wählen. Ein kurzer Familienname sollte hingegen mit einem mehrsilbigen Vornamen kombiniert werden - oder mit zwei Vornamen.

  • Achtung beim S: Wenn der Familienname auf S beginnt, sollte der Vorname nicht auf S enden. Denn daraus folgen unschöne Stolperer.

  • Kuriose Zusammenhänge meiden: Beispiele für unglückliche Namenskombinationen gibt es viele – Forscherin Gabriele Rodriguez verweist auf Rosa Schlüpfer oder Matt-Eagle. Solche Verballhornungen haben absehbar einen negativen Einfluss.

  • Wie lange funktioniert der Name: Bei ungewöhnlichen Kurzformen sollten Eltern darauf achten, dass der Name auch später trägt. „Wir hatten eine Anfrage zu Paulchen. Das mag für ein Kind gehen, für einen Erwachsenen ist es aber unpassend. Eine Person in einer Führungsposition mit diesem Namen würde man nicht ernstnehmen“, so Rodriguez. Sie rät: In der Generation der Groß- und Urgroßeltern nach einem Namen Ausschau zu halten. Hier fänden sich viele zeitlose Varianten.

  • Wann ein Zweitname lohnt: Wenn Eltern partout einen exotischen Namen wollen, dann sollte dieser um einen zeitlosen Zweitnamen ergänzt werden. Dann hat das Kind später die Wahl. Seit 2019 kann man die Reihenfolge der Namen ändern.

  • Es gibt technische Hilfsmittel: Neben dem klassischen Namensbuch helfen auch Apps. Übereinstimmungen können werdende Eltern etwa bei „Charlies Names“ prüfen. 

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