merken
PLUS Feuilleton

Wenn Kugeln zurück in den Lauf fliegen

Sein intelligenter Actionthriller „Tenet“ zeigt: Christopher Nolan bleibt einer der innovativsten Kinoregisseure der Welt.

Schwindelerregend: Der namenlose Held (John David Washington) muss immer wieder in der Zeit vor- und zurückreisen, um die Zerstörung der Welt zu verhindern.
Schwindelerregend: Der namenlose Held (John David Washington) muss immer wieder in der Zeit vor- und zurückreisen, um die Zerstörung der Welt zu verhindern. © Warner

Von Andreas Körner

Der Gegenwind kommt von hinten und nach dem Feuer, ausgelöst durch eine Benzinexplosion, ist die Folge: eine Unterkühlung. Möwen fliegen rückwärts, Dampf verkriecht sich wieder im Rohr, die Munition pfeift zurück in den Pistolenlauf, genauso wie die Beule im Blech des Autos verschwindet, das sich gerade überschlug. Regisseur Christopher Nolan spielt in „Tenet“ wieder mit Zeit und Form. Keiner macht das so expressiv wie er und bewegt sich damit in einer eigenen Gattung, die man mit intellektueller Science-Action-Fiction beschreiben könnte. Nolan-Filme sind zu erfahren, sie anzusehen und anzuhören ist zu wenig.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Der 50-jährige in den USA lebende Brite hat es wohl gewusst: Man wird jenen Satz zitieren, den er im Drehbuch einer Wissenschaftlerin in den Mund legt, um sein neuestes 150-Minuten-Stück auf den Punkt zu bringen. Als sie dem namenlosen Protagonisten, der ausgesucht wurde, um die Welt zu retten, das Prinzip der Inversion demonstriert, meint sie fast beiläufig, er müsse es nicht verstehen, einfach nur erfühlen.

Schon die Lexika listen Dutzende Erklärungen für Invertieren auf, gehen dabei in Technik und Mathematik, Chemie und Medizin, Sprache, Philosophie und die Wetterlagen. „Tenet“ bedient sich munter aus allen Bereichen. Halten wir es also mit dem guten alten Latein, nach dem sich Inversion auf „inversio“ bezieht, der schlichten Umkehrung.

Für die Welt liegt genau darin die nächste Gefahr der Vernichtung begründet. Geheimdienste und Kundige haben herausgefunden, dass schon heute Beweise für eine Zerstörung der Erde zu finden sind, die erst in naher Zukunft erfolgen wird. Der Protagonist (John David Washington) soll das Armageddon noch verhindern und sich dabei der Technik des Invertierens bedienen, derer natürlich längst auch der Feind habhaft geworden ist.

Dass es sich um einen russischen Oligarchen namens Andrej Sator (Kenneth Branagh) handelt und der Kalte Krieg schon in den fulminanten Eröffnungsminuten mit der Stürmung der Nationaloper in Kiew noch kälter wird, mag enttäuschen. Dass sich Christopher Nolan dieses bis zur Sättigung gesehenen Ost-versus-West-Klischees bedient, ist zumindest nicht gerade originell. Vor allem nicht, weil in der deutschen Synchronisation dem Briten Kenneth Branagh als Sator wieder dieser furchtbare Brech-Akzent verpasst wird. Wie auch den indischen Charakteren, denn Mumbai gehörte neben Oslo und Tallinn zu den sieben Originalschauplätzen, an denen „Tenet“ gedreht wurde.

Elizabeth Debicki und John David Washington in einer Szene des Films "Tenet"
Elizabeth Debicki und John David Washington in einer Szene des Films "Tenet" © Warner Bros.

Das war es dann aber schon mit Mäkeleien. Vorausgesetzt, dass im Kinosessel wirklich erfühlt und nicht verstanden werden will, dass logische Stringenz keine Suchoption und die Überwältigungskomponente eingepreist ist, wird „Tenet“ zu einem alle Sinne herausfordernden und am Ende beglückenden Festmahl. Das Tempo ist hoch bis hin zur Treibjagd, der Schnitt präzise wie die Choreografie von Mensch und Metall. Die Kamera des Holländers Hoyte van Hoytema lässt Münder auf lange Zeit geöffnet zurück, die Musik pumpt angemessen garstig – der Schwede Ludwig Göransson folgte im Nolanschen Universum auf Hans Zimmer. Groß angelegten Computermanipulationen wurde misstraut. Wenn schon die Transportversion eines Boeing-Jumbos in den Hangar rauschen soll, dann bitte eine echte. 200 Millionen Budget wollen ausgegeben sein.

Womit „Tenet“ allerdings seinen größten visuellen Triumphbogen zieht, ist die bislang ungesehene und damit unerfahrene Vermischung von Zeitebenen. Zeitreisen wären Christopher Nolan zu banal, eine rauschende Schwingtür ins Morgen oder Gestern zu simpel. Hier gibt es Verfolgungsrennen mit gleichzeitig vor- und rückwärts bretternden Autos. Hier fallen Gebäude ein, um sich im nächsten Atemzug wieder aufzurichten. Menschen begegnen sich selbst, greifen in „morgen geschehene“ Dinge ein, richten allein oder kollektiv, was zu richten ist.

Auch Robert Pattinsonist bei "Tenet" mit von der Partie.
Auch Robert Pattinsonist bei "Tenet" mit von der Partie. © Melinda Sue Gordon/ Warner Bros./dpa

Das ist natürlich überladen mit Reizen, doch Christopher Nolan, Schöpfer genialer zeitgenössischer Kinokunst wie „Memento“, „The Dark Knight“ und „Inception“, nimmt den Grundgedanken der Warnung an die Menschheit auf der Blockbuster-Breitwand viel zu ernst, als dass er ihn leichtfertig opfern würde. Da muss ein Satz wie: „Wer interessiert sich für nicht explodierte Bomben?“ schon genügen.

Und hier wird brillant gespielt. Neben dem sehr physischen John David Washington und dem effizienten Kenneth Branagh bekommt Robert Pattinson eine präsente, bis zum Finale im Vagen gehaltene Rolle, Michael Caine greift seinen zuletzt schon gesetzten Auftritt in einem Nolan-Werk ab und im einzigen wirklich ernst zu nehmenden Frauenpart im Männerreigen ist die grazile Elizabeth Debicki zu sehen, die mit ihren 1,90 Meter Körpergröße weit mehr sein darf als überragende Staffage.

Da steckt aber noch mehr in „Tenet“, besser, wird ihm zugesteckt. Es ist der zigfach verschobene, erste wirklich große Unterhaltungsfilm, der nach der Kino-Zwangsschließung dringend benötigten Umsatz generieren soll. Deutsche und europäische Streifen vermochten es bislang natürlich nicht. In den USA selbst wird er erst in der kommenden Woche starten und auch nicht überall. 70 Länder weltweit dürfen früher ran. Man bräuchte schon die Hilfe eines Invertierten, um herauszufinden, ob das Wagnis des Einsatzes – danke, dass er nicht nur zu streamen ist – von Erfolg gekrönt sein wird. Unter den gegebenen Umständen jedoch kann man „Tenet“ nur einen hervorragenden Lauf wünschen. Und man sollte es auch.

Der Film läuft in Dresden (Schauburg, Cinemaxx, Ufa, Rundkino, UCI), Bautzen, Hoyerswerda, Görlitz, Zittau, Pirna, Großenhain, Meißen, Döbeln, Riesa, Freiberg

Mehr zum Thema Feuilleton