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Wenn Mama ins Gefängnis muss

Jenny W.’s Sohn möchte seinen Vater nicht besuchen, der hat aber ein Recht darauf. Der Mutter droht deshalb nun Haft.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Matthias Klaus

Zwei dicke, schwarze Aktenordner liegen auf dem Tisch. Darin stecken vier Jahre Streit: Gerichtsbeschlüsse, Anhörungen, Gutachten, Aussagen. Ein Streit, dessen Ende jetzt bevorsteht. Vorerst. Und einer Görlitzerin wohl fünf Tage Gefängnis einbringt. „Warum musste es nur so weit kommen? Ich habe es nicht gewollt“, sagt Jenny W. leise.

Nach Jahren der Liebe folgen nun die der Hiebe. Die 30-Jährige liegt im Clinch mit ihrem früheren Partner. Jenny W. hat nun mittlerweile nicht mehr das alleinige Sorgerecht, ihm wurde das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen. Das bedeutet, er darf den Sohn in regelmäßigen Abständen sehen. So ist es gesetzlich geregelt. Im vergangenen Jahr ging das allerdings gleich an drei Terminen schief. „Schon beim ersten hat der Kleine gesagt, dass er nicht mitgehen will. Er weinte, hat sich gewehrt“, erzählt Jenny W. Beim zweiten Termin sei es ähnlich abgelaufen, der Ex-Partner, der inzwischen in Dresden wohnt, habe das Kind schließlich jedes Mal vorzeitig zurückgebracht. Vor dem dritten Treffen habe eine Anwältin, die Jenny W. einschaltete, ein Schreiben an die „Gegenseite“ verfasst. Inhalt: Ein Treffen ergebe unter diesen Umständen keinen Sinn. „Ich weiß nicht, ob er trotzdem vor der Tür stand“, sagt Jenny W. Sie und ihr Sohn waren jedenfalls nicht da.

Daraufhin kommen die Mühlen der Justiz in Gang. Ulrich von Küster, Sprecher des Amtsgerichtes Görlitz, bestätigt, dass die Mutter ein Ordnungsgeld von 300 Euro zahlen muss. Der Grund: Jenny W. habe gegen Umgangsregelungen verstoßen, die richterlich festgelegt worden sind. Der Fall zieht sich bis ans Oberlandesgericht Dresden, am Ende ohne Erfolg. „Im Mai 2015 wurde anstelle des festgesetzten Ordnungsgeldes ersatzweise für je 60 Euro ein Tag Ordnungshaft angeordnet“, schildert der Gerichtssprecher. Jenny W. ist geschockt. „Ich soll ins Gefängnis, weil ich auf das Wohl meines Kindes achte, weil der Kleine nicht mehr seinen eigenen Vater sehen will?“, fragt sie sich. Jenny W. ist Hartz-IV-Empfängerin. Sie wohnt in geordneten Verhältnissen in Görlitz. Unterstützung bekommt sie von ihrer Mutter, von Freunden. Die junge Frau möchte wieder arbeiten, hat sogar einen Job in Aussicht. „Aber was soll ich denn meinem Chef sagen, wenn ich plötzlich fünf Tage nicht mehr arbeiten komme?“, sagt sie. Über den Rat, für diese Zeit Urlaub zu nehmen, kann sie trotz der verfahrenen Situation nur lachen. „Klar, ich fange an zu arbeiten und nehme gleich Urlaub. Das geht doch gar nicht“, sagt Jenny W. Das Görlitzer Amtsgericht hält sich derweil an die Paragrafen. „Das Ordnungsgeld wurde festgesetzt, da die Mutter ihren Pflichten aus der gerichtlich festgelegten Umgangsregelung zuwidergehandelt hat. Sie war verpflichtet, dem Vater den Umgang mit seinem Kind wie angeordnet zu ermöglichen und hat nicht die hierzu gebotenen Handlungen unternommen“, lässt Sprecher Ulrich von Küster wissen. Hat Jenny W. ihr Kind also beeinflusst? Ihm etwa eingeredet, nicht mit dem Papa mitzugehen? „So ein Quatsch“, sagt sie. Und: „Ich habe mit Engelszungen auf den Kleinen eingeredet, er solle doch zu seinem Vater mitgehen, weil es sonst Ärger für die Mama gibt. Er will einfach nicht.“ Jenny W. zuckt mit den Schultern. Sie ist sichtlich am Ende ihrer Kräfte. Die 300 Euro kann sie nicht aufbringen und möchte es auch nicht. „Jedes Mal, wenn der Kleine nicht zum Vater will, müsste ich dann wohl zahlen“, sagt sie. Andererseits möchte sie die nächsten Jahre auch nicht alle paar Monate ein paar Tage im Gefängnis verbringen.

„Durch das Ordnungsgeld soll der Verstoß geahndet und zugleich erreicht werden, dass die Mutter ihren Pflichten nachkommt“, sagt Gerichtssprecher Ulrich von Küster. Nur bei Nichtzahlung des Ordnungsgeldes drohe die Haft. „Die Aufhebung der Ordnungshaft kann weiterhin erfolgen, wenn das Ordnungsgeld bezahlt wird“, stellt er in Aussicht. Ratenzahlung wurde nicht beantragt.

Das bestätigt Jenny W. Allerdings hat sie über ihre Anwältin beantragt, die Zahlungsfrist zu verlängern. Schließlich stehe der Schuleintritt des Sohnes an. Den möchte sie miterleben. Über den Antrag sei noch nicht entschieden worden, teilt Ulrich von Küster mit.

Jenny W. hat sich mit dem Gedanken, ins Gefängnis zu kommen, mittlerweile zwar nicht angefreundet, aber ihn akzeptiert. Ihr Sohn soll für die Haftzeit beim Kindesvater untergebracht werden. Die Mutter macht sich derweil Gedanken um ihren Haftaufenthalt. Der soll in Chemnitz sein, wurde ihr schon angekündigt. Sie hat Angst, mit Schwerverbrechern in einer Zelle zu sitzen.