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Wenn Papa weg ist von der Droge

Viele Kinder wachsen mit Rauschgift auf, bis sie ins Heim genommen werden. Für Maik Wendler war das der Knackpunkt.

Von Frank Oehl

Maik Wendler* ist kein Dummer, und fleißig ist er auch. Sogar fleißiger als viele andere seines Alters. „Ich will arbeiten. Ich will etwas tun – für meine Kinder und mich.“ Der 31-Jährige aus einem Dorf unweit von Bischofswerda ist alleinerziehender Vater, was schon mal nicht so häufig vorkommt. Schon gar nicht nach einer Drogenkarriere, wie er sie hingelegt hat. Sie endete erst, als das Jugendamt ihm und seiner Freundin die Kinder wegnahm und ins Heim gab. Da waren die Kleinen noch nicht mal zwei bzw. drei Jahre alt. Der Staat musste notgedrungen eingreifen, um sie vor den Eltern zu schützen. „Das war der Knackpunkt“, sagt Maik. Seitdem hat sein Leben eine ungeahnte Wende genommen.

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Er ist ein Familienmensch

Es war nicht der einzige tiefe Einschnitt, an den er sich erinnert. 14 war er, als sich seine Eltern trennten. Das traf ihn schwer. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt er. Aber das Glück lässt sich nicht erzwingen. Nach dem qualifizierten Hauptschulabschluss lernte er zunächst Fliesenleger und wollte danach umschulen auf Masseur. „Das Medizinische hat mich immer besonders interessiert“, sagt der sportliche junge Mann. Im Internat geriet er allerdings an die falschen Freunde. „Mit 15 habe ich angefangen, intensiv Cannabis zu konsumieren.“ Die Droge machte zunächst Laune, allerdings lernt es sich nicht sehr gut, wenn man immer wieder breit ist. „Ich hab die Zwischenprüfung vermasselt.“ Und von da an ging’s bergab ...

Auch der Tod des Vaters und des Opas sorgten für Verdrängungsbedarf. Erste Erfahrungen mit Party-Drogen wie Ecstasy oder Crystal hatte Maik Wendler schon mit 17 gemacht, selbst LSD und Pilze probierte er aus, bloß um die raue Wirklichkeit hinter sich zu bringen. „Ich war ein typischer Mischkonsument, aber ein ziemlich exzessiver.“ Mit allen Konsequenzen, die sich aus dem Szeneleben ergeben. Bald war alles nur noch auf die Beschaffung konzentriert. Aber die war kein großes Problem. Man brauchte bloß mit dem Finger zu schnippen, und das Zeug war da, sagt Maik. Das ergab sich sozusagen aus dem Umgang. „Ich hatte vielleicht 120 Telefonnummern gespeichert, von denen nur zwei drogenfrei waren: Oma und Mutter.“ Natürlich blieb es nicht aus, dass der Mittzwanziger nun immer wieder mit der Ordnungsmacht konfrontiert wurde. Doch daran gewöhnt man sich. „Ich war bei der Polizei bald bekannt wie ein bunter Hund.“

Natürlich stand er auch früher schon vor einer Weggabelung. Zum Beispiel, als er vor fünf Jahren die künftige Mutter seiner Kinder kennenlernte. Sie brachte ein kleines Kind mit in die Beziehung, war aber selbst drogenabhängig. „Ich habe sie und das Kind zu unterstützen versucht“, erinnert sich Maik Wendler. Da kam der Familienmensch mit hohem Selbstanspruch durch, der sich auch auf die aufputschende Wirkung von Crystal verlassen konnte. „Ich bin auch mal drei, vier Tage ganz ohne Schlaf ausgekommen.“ Mit den typischen Aussetzern, die insofern kritisch waren, weil die Mutter der gemeinsamen Babys auch wegen anderer privater Probleme kaum noch mitzog. „Wir haben ständig geruppt oder gezogen, und das verschärfte die Konflikte.“ Es wurde rumgebrüllt, auch vor den vier Kindern, die sich nun viel allein beschäftigen mussten. Und Aggressionen wurden ausgelebt, bis es der Oma im gemeinsamen Haus zu viel wurde und sie die Polizei rief. Das war im vergangenen Jahr. Und von da an ging‘s bergauf ...

Denn nun musste das Jugendamt, das vorher schon die Zustände im Drogenhaushalt mit Sorge verfolgt hatte, zu seiner schärfsten Waffe greifen: der Wegnahme der Kinder, wenn ihr Wohl gefährdet ist. Für Maik Wendler war dies ein Schock gewesen. „Ich war völlig am Boden zerstört.“ Und daraus erwuchs eine Erkenntnis, die förmlich aus ihm herausbrach: Wenn ich meine Kinder wiederhaben will, muss ich weg von den Scheißdrogen!

Der junge Mann hat sich daheim selbst entgiftet und von der Partnerin getrennt. Er nahm – im Gegensatz zu ihr – alle Besuchstermine im Kinderheim wahr. Und er ging auf die Angebote der Drogenberater dankbar ein. Zunächst zu den Gesprächen, später zu den Behandlungsvarianten. Jens Gahrig von der Diakonie-Suchtberatung: „Wir haben eine stationäre Langzeittherapie mit Kindern vorgeschlagen.“ Zunächst ging Maik allein in die Berliner Rehaklinik, eine Woche später konnten die beiden Kleinen aus dem Heim nachkommen. Ab da war Maik alleinerziehender Vater.

Und das hat er bisher richtig gut hingekriegt. Der Tagesablauf war in den sieben Monaten in Berlin klar geregelt. Die Kinder wurden früh aus dem gemeinsamen Haushalt ins Kinderhaus gebracht und am Nachmittag wieder abgeholt. „Das war am Anfang nicht einfach für sie, weil sie starke Verlustängste hatten“, erinnert sich Maik. „Die Kleinen mussten erst lernen, dass der Papa wiederkommt.“ Schön war, dass die kleine Familie viel gemeinsam erleben konnte – bei Sport und Spiel. Der cleane Drogenpatient selbst war eingebunden in Gruppen- und Einzeltherapien, die alle darauf ausgerichtet sind, Rückfälle zu vermeiden. Und nach der Rückkehr aus Berlin wird der Klient der Diakonie-Drogenberatung nun in Kamenz weiterbetreut. Jens Gahrig: „Wir können optimistisch sein.“

Wobei die Nachhaltigkeit der Therapie auch davon abhängt, dass sich Maik Wendler nicht nur konkrete Ziele setzt, sondern auch weitere Erfolgserlebnisse hat. Den Alltag mit den beiden kleinen Kindern bewältigt er schon gut, aber das berufliche Fortkommen gestaltet sich noch deutlich schwerer. Die junge Familie lebt von Hartz IV. Maik ist derzeit in vom Jobcenter vermittelten Projekten tätig. Seine Fleppen hat er schon vor Jahren eingebüßt. Mittlerweile ist er über ein Jahr clean, damit rückt die MPU wieder ins Blickfeld. „Wenn ich meinen Führerschein wiederhätte, würde ich mit einem kleinen Auto endlich wieder besser vermittelbar sein.“ Um auch mal vernünftiger zu verdienen, wie er sagt. Vielleicht in der Metallbranche? Das könne er sich jedenfalls gut vorstellen. Und Maik Wendler weiß auch, dass gerade die kommenden Monate nicht leicht werden. „Der Winter ist eine harte Zeit.“ Das Schlimmste aber, so scheint es, haben er und seine Kinder bereits hinter sich.*Name geändert