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Wenn Sie diese Schrankwand noch kennen ...

... müssen Sie unbedingt diese neue Ausstellung sehen. Es geht um den legendären DDR-Designer Rudolf Horn.

Eine Variante der Montagemöbel der Deutschen Werkstätten Hellerau, die Rudolf Horn gemeinsam mit Eberhard Wüstner 1966/67 in Leipzig entworfen hatte.
Eine Variante der Montagemöbel der Deutschen Werkstätten Hellerau, die Rudolf Horn gemeinsam mit Eberhard Wüstner 1966/67 in Leipzig entworfen hatte. © Thomas Kretschel

Der schwarze Sessel von Rudolf Horn ähnelt dem berühmten Barcelona Chair von Mies van der Rohe, einem Designklassiker außerhalb jeder Kritik. „Ein Sessel, den ich tief verehre und anbete. Doch als ich mich im Grassimuseum in diesen Sessel setzte, leistete er Widerstand. Er war arrogant!“ 

Das wollte der junge Gestalter nicht durchgehen lassen. „Enttäuscht ging ich nach Hause, habe ein großes Stück Packpapier an die Wand genagelt und mit Kreidestiften einen anderen Sessel gemacht.“ Mies van der Rohe hatte den Bandstahl für die Füße des Sessels gekreuzt, das macht ihn steif. „Mies hat überhaupt nicht mit meinem Kopf gedacht“, sagt Horn. Der junge Gestalter „feilte“ so lange an den Kurven des Bandstahls, bis der Sessel bequem und dynamisch genug war. Das gute Stück wurde ein Exportschlager der DDR-Möbelindustrie. 

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Im Land zu kaufen gab es ihn nicht. Das wird sich ändern. Ab September vertreiben die Deutschen Werkstätten Hellerau Horns Sessel, einen Zweisitzer und eine Liege: „In Schwarz, das wirkt ernst, in natürlichem Lederbraun, das wirkt freundlich und in Silber, das ist arrogant“, sagt Horn und schmunzelt.

Ein schwarzes Exemplar von 1966 steht nun im Bergpalais von Schloss Pillnitz, wo das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ab diesem Wochenende das Lebenswerk des Gestalters würdigt. „Ich habe Herzklopfen“, sagt der 90-Jährige. „Wenn man nach siebzig Jahren seinem ersten Tun wiederbegegnet, ist das nicht ohne.“

Das stimmt natürlich nicht ganz. Rudolf Horns variables Möbelsystem, das von 1966 bis 1990 in den Deutschen Werkstätten Hellerau produziert wurde, ist nie in Vergessenheit geraten. Und das nicht nur, weil es im Grassimuseum Leipzig in der Dauerausstellung steht. 500.000 Exemplare, so liest man bei Wikipedia, wurden hergestellt. Doch was sagt diese Zahl? Standen 500.000 Regalwände in den Wohnungen der DDR? Wurden 500.000 Einzelelemente verkauft?

Auf seinen Sessel durfte sich Rudolf Horn im Dresdner Kunstgewerbemuseum nicht setzen. „Das ist verrückt, jetzt ist er ein Museumsexponat“, meint der 90-jährige Gestalter, der in Leipzig in seinen von ihm entworfenen Möbeln wohnt. 
Auf seinen Sessel durfte sich Rudolf Horn im Dresdner Kunstgewerbemuseum nicht setzen. „Das ist verrückt, jetzt ist er ein Museumsexponat“, meint der 90-jährige Gestalter, der in Leipzig in seinen von ihm entworfenen Möbeln wohnt.  © Thomas Kretschel

Horn und der Möbelhandel der DDR wurden keine Freunde. Der Handel war nicht gewillt oder nicht in der Lage, den Menschen den ganzen Variantenreichtum der Montagemöbel unters Volk zu bringen. Horns System wurde brutal geschrumpft und am Ende nur noch in festen Konstellationen verkauft. Das hat ihn geschmerzt, aber es hat ihn nicht umgehauen. Wer sich MDW-Möbel kaufte, die alles andere als ein Billigprodukt waren, hat meist Jahrzehnte damit gewohnt. Von Nachhaltigkeit wurde damals noch nicht gesprochen. Darüber nachzudenken sei heute angesichts des maßlosen Verschleißes stofflicher Substanzen notwendiger denn je, meint Horn.

Die Geschichten und die Fotos, die die Nutzer an das Kunstgewerbemuseum geschickt haben, sind für ihn ein großartiges Geschenk. Es macht ihn immer wieder froh, wenn er erlebt, wie man sich mit seinen Möbeln einrichten kann: „Das wäre mir als Gestalter nie eingefallen! Der Mensch ist reich, wenn er frei ist von gegenständlichen Zwängen.“ Horn ist gelernter Tischler, hat Holztechnologie studiert und später an der Burg Giebichenstein, der Hochschule für Kunst und Design in Halle an der Saale, sein Diplom gemacht. Er blieb bis 1997 als Lehrer an der Burg, leitete das Institut für Möbel- und Ausbaugestaltung und war ab 1980 außerdem Direktor der Sektion Produkt- und Umweltgestaltung im Bereich Wohn- und Gesellschaftsbau.

In den 1960er-Jahren war die Wohnungsnot in der DDR groß. „Aber zugleich war das für uns eine Zeit des Aufbruchs, der Erneuerung, des Wegräumens alter Überzeugungen. Wir waren jung und wollten unser Land schön machen für die Menschen.“ Das ist ihm auf seine Art gelungen.

Vor Kurzem erst besuchte er Bewohner einer seiner variablen Wohnungen, die er mit seinem Team 1969 entwickelt hatte. In Rostock zogen 45 Familien in einen speziellen Plattenbau. Die Wohnungen hatten anfangs einen leeren Grundriss. Die Bewohner entschieden selbst über Größe und Anzahl der Räume. „Wir mischten uns in die Planungen der Mieter nur ein, wenn wir merkten, dass es grundsätzlich schiefgeht“, erinnert er sich. „Die DDR war in den 70er-Jahren Spitze im Wohnungsbau“, sagt Horn. Jedoch dürfte der Aufwand, den diese Art Wohnungsbau erfordert hätte, zu hoch gewesen sein für das Wohnungsbauprogramm der DDR.

Horns Ideen jedenfalls waren damals revolutionär, heute sind sie hochmodern. Hätte er nicht Lust, auch sein MDW-Möbelprogramm aufleben zu lassen? „Das sollen junge Leute machen. Sie wissen am besten, wie sie leben wollen.“

„Rudolf Horn – Wohnen als offenes System“, bis 3. November im Bergpalais von Schloss Pillnitz, geöffnet Di – So von 10 – 18 Uhr

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