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Wenn zu Hause die Fetzen fliegen

Reichenstraße. Wer in der Oberlausitz in seinen eigenen vier Wänden Opfer von Gewalt wird, kann jetzt von Bautzen aus Hilfe bekommen.

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Von Madeleine Siegl-Mickisch

Am Freitag bekam Andrea Volz den Anruf, eine Stunde später war sie schon im Polizeirevier, um der Frau Rat und Hilfe anzubieten. „Die Opfer brauchen schnelle, kompetente und gezielte Hilfe, damit sie sich nicht verloren fühlen“, sagt die Beraterin. Mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen kümmert sie sich ostsachsenweit um Menschen, die in ihren eigenen vier Wänden Opfer von Gewalt geworden sind.

Seit Juni gibt es sie offiziell: die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Oberlausitz-Niederschlesien mit Sitz in Bautzen. Ein Großteil der Kosten wird durch das sächsische Sozialministerium getragen. „Wir arbeiten im staatlichen Auftrag“, betont Beraterin Karina Gottschlich. Ausgangspunkt ist das Gewaltschutzgesetz, das es seit 2002 gibt und das es ermöglicht, den gewalttätig gewordenen Partner aus der Wohnung zu verweisen, um das Opfer zu schützen.

Für eine Frist von sieben Tagen kann das die Polizei sofort tun. Während dieser Zeit kann das Opfer überlegen, ob es beim Gericht die Zuweisung der Wohnung beantragt, damit der Täter auch weiterhin fern bleibt. Und genau in dieser Zeit wird auch die Interventionsstelle aktiv. Zunächst wird versucht, telefonisch Kontakt aufzunehmen, „um den Betroffenen ihre Rechte zu erläutern und wie sie diese durchsetzen können“, sagt Karina Gottschlich. Zur persönlichen Beratung gibt es die Möglichkeit, sich im Bautzener Frauenzentrum zu treffen. Die Mitarbeiterinnen begleiten Betroffene bei Bedarf auch zu Ämtern und Behörden, vermitteln an soziale Einrichtungen und fahren dazu auch in die Heimatregion des Opfers, ob nach Kamenz, Löbau oder Weißwasser, schließlich sind sie für das gesamte Gebiet der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien zuständig. Die Polizei ist auch ihr erster Kooperationspartner, von ihr bekommen sie nach einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt per Fax sofort die Kontaktdaten des Opfers – wenn es das möchte.

Obwohl sie unter dem Dach des Vereins arbeiten, der auch das Bautzener Frauenschutzhaus betreibt, gibt es doch zwei wesentliche Unterschiede: „Wir gehen von uns aus auf die Opfer zu. Um Kontakt zum Frauenschutzhaus aufzunehmen, müssen die Frauen selbst aktiv werden.“

Außerdem: Die Interventionsstelle ist nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer da. Mit von Gewalt betroffenen Männern hatten es Andrea Volz und Karina Gottschlich bisher allerdings noch nicht zu tun. Auch bei den anderen Stellen dieser Art, etwa in Dresden oder Leipzig, komme das höchstens zwei-, dreimal im Jahr vor, wissen sie aus dem Erfahrungsaustausch.

Wahrscheinlich sei es für Männer noch schwerer, sich in solch einem Fall anderen anzuvertrauen, als für Frauen. Festgestellt haben sie in ihrer bisherigen Arbeit, dass gerade Frauen im ländlichen Raum häufig betroffen sind – und dankbar für die angebotene Hilfe.

Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, (03591) 27 58 24