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Feuilleton

Wer entrüpelt Michael Kretschmer?

Auch bei „Anne Will“ keilte Sachsens Ministerpräsident wieder aus. Stark wirkte das nicht. Es roch eher nach Angst vor der Wahl. Eine Betrachtung.

War bei Anne Will von Anfang an auf Attacke gebürstet: Michael Kretschmer.
War bei Anne Will von Anfang an auf Attacke gebürstet: Michael Kretschmer. © ARD

Er saß da wie immer in Talkshows und ganz anders als die anderen Gäste bei „Anne Will“: sprungbereit auf der Sesselkante, Kopf und Oberkörper angriffslustig vorgereckt, ein Vogel am Nestrand, konditioniert auf scharfe Schnabel-Attacken. Die kamen auch rasch, denn es ging um die Idee einer CO2-Steuer in Deutschland. Und Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Braunkohlelandes Sachsen, hackte flügelschlagend zu: Deutschland ist beim Klimaschutz in Vorleistung gegangen, jetzt sind mal die anderen dran, etwa Indien, globale Lösungsansätze!, globale Lösungsansätze!, globale Lösungsansätze!

Und vor dem inneren Betrachter-Auge wuchs des Landesvaters roter Bart, verwandelten sich die braunen Schuhe samt den vergebens um Lockerheit bemühten bunten Socken in veritable Stinkstiefel, mit denen er zornig aufstampfte wie ein Rumpelstilzchen. Die Gesprächspartner, alle einiges gewohnt, schienen unangenehm überrascht. Auch die meisten Beobachter im Netz attestierten Kretschmer nach der Sendung ein abschreckend rüpelhaftes Verhalten.

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Nun geht es in Talkshows ziemlich oft ziemlich zünftig zu. Nur – gemessen am Generalton der Runde fiel aus gerechnet der ranghöchste Gast und oberste Repräsentant von Sachsen einigermaßen aus der Rolle. Glühende Fans mögen das für klare Kante halten, für ein Zeichen von Stärke. Doch vom Inhaltlichen einmal abgesehen: In Kretschmers Auftritt schimmerte erneut eine Eigenheit durch, die nicht grundsätzlich negativ sein muss, aber leicht ins Kontraproduktive oder Destruktive umschlägt: jene ausgeprägte Trotzbereitschaft, die spätestens seit Pegida vielen Deutschen als etwas typisch Sächsisches gilt.

So geht Sächsisch nicht

Fraglos ist Michael Kretschmer klug, intelligent und strategisch gewieft. Daran kann es also ebensowenig wie an seiner Einstellung liegen, dass er etwa nach den rechtsextremistischen Vorfällen von Chemnitz viel zu lange brauchte, um sie wenigstens per Standardfloskel zu verurteilen, und bis jetzt zum Neonazi-Aufmarsch von Plauen schweigt (ganz anders als zu Kevin Kühnerts Vergesellschaftungsfantasien, zur Gemeindefeuerwehr Schleife und einem Baumhausbewohner namens Jürgen Bergmann, denen er sich im Netz ausführlich widmet). Und immer wieder vergreift er sich im Ton, putzt Politiker, Ökonomen, Wissenschaftler, Journalisten, Bürger, deren Aussagen ihm nicht passen, grob herunter, statt sie nur mit klarer Kante zu kritisieren.

Auch der Auftritt bei Will sah nicht klarkantig aus. Vielmehr nach der selbst mit trotzigem Auftreten nicht kaschierbaren Angst des Getriebenen vor der Wahl. Es ist nachvollziehbar, dass Kretschmer, wenn er schon in Dutzenden Fragestunden dem „Volk“ aufs „Maul“ schaut, ihm auch nach dem „Maul“ reden respektive mit dessen „Maul“ sprechen will. Und ganz offensichtlich sollen solche Rüpeleien vor allem bei jenen Rüpeln an jenem Rand ankommen, der Sachsens CDU wegzubrechen droht oder bereits ab- und ausgerissen ist und bis September wieder eingefangen werden soll.

Allerdings ist dieser Tonfall eben nicht der des „Volkes“. Auch nicht der des Sächsischen. Höchste Zeit also für eine Selbst-Entrüpelung seines Ministerpräsidenten. Denn so geht Sächsisch mit Sicherheit nicht.

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