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Feuilleton

Wer hat den Liebesgott verschwinden lassen?

Die Restaurierung der berühmten und beliebten „Briefleserin“ holt in der Dresdner Gemäldegalerie ein neues Bild unter dem alten hervor.

Links: Johannes Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, wie man es kennt. Rechts: Aktueller Zwischenzustand mit teilweise freigelegtem Bild im Bild.
Links: Johannes Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, wie man es kennt. Rechts: Aktueller Zwischenzustand mit teilweise freigelegtem Bild im Bild. © SKD, Wolfgang Kreische

Ist es eine Sensation, wenn man ans Licht der Öffentlichkeit holt, was seit vierzig Jahren bekannt ist? Schon 1979 entdeckte man bei Röntgenaufnahmen von Vermeers berühmtem Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, dass sich hinter dem grünen Vorhang ein Römerglas verbirgt. 

Und man erkannte, das Vermeer die Wand im Hintergrund ursprünglich mit einem Gemälde versehen hatte. Ein Cupido ist drauf, ein kleiner, nackter Liebesgott, der sich mit der rechten Hand auf einen Bogen stützt und die linke erhoben hat. Seitdem vermuteten Kunstwissenschaftler und Restauratoren, dass Vermeer selbst den Cupido überpinselt hatte, wie er auch das Glas hinter dem Vorhang versteckte. Johannes Vermeer war noch jung, als er die Briefleserin um 1657 bis 1659 malte, ungefähr 25. Und er hat nicht nur dieses Bild, sondern sehr oft sein Werk korrigiert, vieles übermalt, verändert, verbessert.

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Die „Briefleserin“ wird seit Jahrhunderten dafür geliebt und bewundert, wie das Licht aus dem angeschnittenen Fenster auf das festlich gekleidete junge Mädchen fällt, wie konzentriert und kontemplativ dem Maler diese Szene gelungen ist. Immer wieder neu konnten Kunstfreunde spekulieren, was in dem Brief stehen könnte. Welches Geheimnis hat dieses Mädchen? Und was verbirgt sich hinter dem Vorhang?

Zwei Quadratzentimeter am Tag

Seit das Gemälde 1742 nach Dresden kam, war Vermeers Briefleserin ein Liebling der Galeriebesucher. Werden sie mögen, was die Museumsleute und eine internationale Expertenkommission gestern in der Dresdner Gemäldegalerie als Sensation präsentierten? Das Bild wird sich gravierend verändern in den nächsten Monaten. 

Der Anfang ist bereits gemacht: Nachdem Kunsthistoriker, Restauratoren und Naturwissenschaftler in internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit beweisen konnten, dass nicht Vermeer es war, der den Cupido aus dem Gemälde tilgte, haben sie sich nun darauf verständigt, den Urzustand des Bildes wiederherzustellen. Das braucht Zeit und ist von Christoph Schölzel, der an der „Briefleserin“ seit Frühjahr 2017 im Restaurierungsatelier unterm Dach des Dresdner Albertinums arbeitet, bis zur kompletten Wiedereröffnung der Gemäldegalerie am 7. Dezember 2019 nicht zu bewältigen. „An einem guten Tag, an dem ich konzentriert und durchgängig an dem Bild arbeiten kann, schaffe ich zwei Quadratzentimeter“, sagt der Restaurator. Mit einem Skalpell trägt er ein Farbschüppchen nach dem anderen ab. Dabei darf er den Firnis, der unter der Übermalung Vermeers Original schützt und vermutlich auch von ihm selbst aufgetragen wurde, nicht beschädigen.

Doch die Besucher vermissen das Gemälde schon jetzt in der Ausstellung. Deshalb haben sich die Staatlichen Kunstsammlungen entschlossen, die „Briefleserin“ für fünf Wochen im aktuellen Zwischenzustand zu zeigen. Eine kleine Sonderschau informiert über die Restaurierungsgeschichte und erläutert zum Beispiel auch, mit welchen Methoden Malschichten und Pigmente analysiert werden. 

In den vergangenen Jahren wurden in Dresden zahlreiche Untersuchungen an dem Bild vorgenommen: Röntgen- und Infrarotreflektografieaufnahmen wurden gemacht, Mikroskopuntersuchungen, die Leinwand wurde analysiert, die Restaurierungsgeschichte überprüft. Den entscheidenden Hinweis fand Christoph Herm im Labor für Archäometrie der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, als er verschiedene Farbproben aus dem Gemälde untersuchte. Mit Unterstützung des Rijksmuseums Amsterdam wurde eine Röntgenfluoreszenzaufnahme gemacht, die die Ergebnisse der Pigmentanalysen bestätigte. Dennoch haben sich die Experten die Entscheidung nicht leicht gemacht und immer wieder alle Optionen diskutiert. Es wäre auch möglich gewesen, die Forschungsergebnisse zu dokumentieren und das Gemälde zu lassen, wie es die Museumsbesucher kennen. Denn ist die Übermalung einmal abgenommen, gibt es kein Zurück. 

Christoph Schölzel ist ein gewissenhafter Restaurator, ein Experte mit jahrzehntelanger Erfahrung, der weiß, was er tut. Dass unter der Übermalung noch eine Überraschung auftauchen könnte, darauf ist er vorbereitet. Auch für Uta Neidhardt werden die nächsten Monate spannend. Sie freut sich darauf, die Briefleserin so zu sehen, wie Vermeer sie aus den Händen gab. Die Oberkonservatorin der Dresdner Gemäldegalerie will herausfinden, wann genau, von wem und warum der Cupido übermalt wurde. Erste Vermutung von ihr: „Wahrscheinlich geschah es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Paris.“ Auch die konkrete Erkenntnis darüber könnte das Potenzial zu einer Sensation haben.

Vermeers „Briefleserin“ ist bis 16. Juni in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau am Zwinger zu sehen; geöffnet Di – So 10 – 18 Uhr.